Geschenk und Auftrag zugleich
Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Leser*innen,
vor bald zwei Wochen feierten wir die erste Firmung des Jahres 2026 in unserer Pastoralen Einheit. 61 junge Menschen empfingen dabei das Sakrament der Firmung. Dieses Sakrament hat nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil an Bedeutung gewonnen; manche älteren Menschen können sich kaum an ihre eigene Firmung erinnern.
So erzählte mein Dogmatikprofessor, dass er während einer Schulmesse gefirmt wurde; ohne Vorbereitung. „Heute kommt der Weihbischof, dann werdet ihr gefirmt“, hieß es bei ihm damals schlicht. Heute verstehen wir die Firmung bewusster: als Sakrament der Stärkung und zugleich der Sendung. Es geht darum, gestärkt durch den Hl. Geist in eine Welt hinauszugehen, die immer wieder neu an die frohe Botschaft erinnert werden will und muss. Auch in unserer Zeit möchte Christus die „verlorenen Schafe“, von denen der Evangelist Matthäus spricht, suchen und retten.
Dazu braucht es Menschen, die sich auf den Weg machen. Jesus selbst sendet die Apostel aus, weil er sieht: Die Ernte ist groß. Viele Menschen sind auf der Suche nach Hoffnung, nach Trost, nach Heilung. Das war damals so und ist heute nicht anders. Kirche ist dazu da, die frohe Botschaft zu verkünden und besonders jene Menschen in den Blick zu nehmen, die ausgegrenzt werden.
Die Serie „The Chosen“, die die Evangelien in einer zusammenhängenden Erzählung neu erschließt, macht dies eindrücklich sichtbar: Jesus wendet sich gerade den Menschen am Rand zu. Mit einem Teil der Firmlinge haben wir Ausschnitte daraus angeschaut und gemeinsam darüber gesprochen. Das führt mich zu einer Frage, die mich beschäftigt: Wie passt diese Haltung Jesu zusammen mit Erfahrungen von Ausgrenzung in der Kirche, etwa gegenüber homosexuellen Menschen oder Geschiedenen? Wenn ich das Evangelium ernst nehme, dann glaube ich: Jesus hätte sie angenommen. Mehr noch, Jesus zeigt selbst einen Weg des Lernens. Zunächst sieht er seine Sendung vor allem im Volk Israel, doch dann öffnet er sie für alle Menschen. Davon erzählt Matthäus in der Begegnung mit der heidnischen Frau (Mt 15,21–28). Jesus lernt, den Heilswillen Gottes grenzenlos zu denken. Der Evangelist Matthäus legt darin zugleich eine Botschaft für die Gemeinde aus, für die er schreibt: die eigenen Ängste zu überwinden und sich nicht als „Beschützer“ eines vermeintlich engen Zugangs zu Gott aufzuspielen. Denn wenn Gott sich nur denen zuwenden würde, die alles richtig machen und deren Leben „perfekt“ ist, wer könnte dann überhaupt bestehen?
„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ (Mt 10,8) Dieses Wort Jesu erinnert mich daran: Der Glaube ist Geschenk und Auftrag zugleich. Jede Christin und jeder Christ ist gerufen, das Evangelium zu verkünden und davon zu erzählen, in Wort und Tat. Die Botschaft kann nicht im geschützten Kirchenraum bleiben, sondern geht auch zu denen, die am Rand stehen, die für mich unbequem sind.
Wenn wir auf Jesus schauen, dann kann unser Weg nur einer sein: nicht einzugrenzen, sondern zu öffnen. Nicht zu bewerten, sondern zu suchen. Nicht auszuschließen, sondern einzuladen. Dazu sind wir gesendet und gestärkt durch den Heiligen Geist.
Ihr
Alexander Grüder
Pastoralreferent
