Neu anfangen
Der Jahreswechsel ist ein guter Anlass, das eigene Leben mal wieder auf den Prüfstand zu stellen, sich von eingefahrenen Gewohnheiten zu lösen und sich zu öffnen. Neu anfangen und dem Leben frischen Schwung geben! Beflügelt von dieser Hoffnung stoßen wir mit unseren Freunden Silvester auf ein gutes und glückliches neues Jahr an. Doch nicht alle lassen sich von dieser Stimmung mitreißen. Einige unserer Freunde blicken mit etwas Unbehagen in die Zukunft. Der Jahreswechsel ist für sie zugleich der Beginn eines neuen Lebensabschnitts: Sie gehen in den Ruhestand. Einerseits haben sie sich schon länger gewünscht, ihr Leben frei von beruflichen Verpflichtungen gestalten zu können. Andererseits fühlen viele eine innere Leere. Was soll jetzt noch kommen?
Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich noch einmal neu. Denn wir spüren immer deutlicher, dass mehr Zeit unseres Lebens hinter uns liegt als noch vor uns. Und der Tod und die Frage, was danach kommt, rücken – manchmal erschreckend – in greifbare Nähe. Die Jahre der Rush-Hour des Lebens haben häufig die Sinnfrage überdeckt, weil die meisten von uns diese Zeit als aus sich selbst heraus sinnstiftend erlebt haben. Was also tun, wenn Perspektiven weniger werden, unsere Möglichkeiten begrenzter und unsere Lebenserwartung geringer? Vieles, was wir heute anders beginnen würden, lässt sich leider nicht mehr ändern.
Wie also neu anfangen, wenn wir wissen, dass ein großer Teil unserer Lebenszeit verbraucht ist und wir mit ihr? Woher sollen wir die Kraft und die Hoffnung nehmen, dass es immer wieder lohnt, neu anzufangen?
Der Jahreswechsel fällt mitten in die Weihnachtszeit, in der Christen die Geburt Jesu feiern. Weihnachten ist das Fest der Zeitenwende: Gott hat sich zu uns Menschen auf den Weg gemacht. Seine Ankunft markiert den Beginn einer wirklichen Zeitenwende. So kann die Botschaft von Weihnachten dem Leben neue Orientierung geben. Die Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist, kann helfen, immer wieder mutig zu beginnen, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen, Neues zu wagen.
So wie die Hirten in der Weihnachtsgeschichte: Sie sehen den Stern leuchten und hören die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude!“ Die Hirten ahnen, dass etwas ganz Besonderes, etwas Unglaubliches geschehen ist. Und werden so aus ihrer alltäglichen Routine herausgerufen. Um wirklich Weihnachten zu erleben, müssen sie vom gewohnten Platz bei ihren Herden fortgehen. Sie machen sich auf den Weg inmitten der Nacht, um ein Kind in der Krippe zu suchen. Sie machen sich auf den Weg, um Gott zu suchen. Und wenn sie zu ihren Tieren zurückkehren, haben sie sich verändert. Sie werden zwar nach wie vor ihre Herden hüten – ihr Leben wird jedoch unter einem neuen Stern stehen, mit einer neuen Hoffnung erfüllt sein.
Das ist beispielhaft – auch für uns: Gewohntes hinter uns lassen, weg von dem Vertrauten, das wir oft ängstlich gehütet haben. Einen Neuanfang wagen, heißt ja nicht, das Leben komplett verändern zu müssen. Sondern wie die Hirten die Ohren für die Stimme des Engels öffnen, der uns den Weg zeigt. Einen Neuanfang wagen, heißt vielmehr, Mut zu haben, vom sicheren Lagerfeuer weg in die Nacht hinauszugehen und dem Stern zu folgen.
Christine Hober
Quelle: Krankenbrief 01/25, www.krankenbrief.de, In: Pfarrbriefservice.de
