Interview Pfarr-Caritas

Die helfende Hand mit Herz und Verstand. Interview mit Frau Classon geführt von Eduard Fuchs am 10.02.2014

Die helfende Hand mit Herz und Verstand.

PfarrJournal:

Ich sitze Frau Michaela Classon gegenüber. Während des ganzen Interviews merke ich ihr an, wie engagiert sie ist. Wie vehement sie ihre Standpunkte vertritt. Besonders wenn es um ihre Schützlinge geht. Welche Herkunft und Hautfarbe sie auch immer haben. Ich erfahre, wie sie kompetent Aus- und Umsiedler betreute und Asylanten in größter Not half. Gegen alle Vorurteile, die ihr manchmal entgegenschlugen.

Frau Classon:

Immer ein Bisschen mehr…

Ich hab‘ mal mit einem halben Stündchen angefangen, weil ich was machen wollte, und Pfarrer Vollmer mir sagte, ich könnte Pfarrbriefe austragen. Nee, Dankeschön, ich gehe jeden Tag mit meinen Kindern spazieren. Das war es wohl nicht. Und dann durfte ich hier mal ein bisschen reinschnuppern, und das hat mir Spaß gemacht. Und dann wurde das immer ein bisschen mehr und ein bisschen mehr. Bis mir dann Pfarrer Vollmer anbot, hier ein paar Stunden zu arbeiten. Und darüber habe ich mich tierisch gefreut. Gelernt habe ich das natürlich nicht. Ich habe bei meinem Vater in der Praxis gearbeitet als MTA und später in einer HNO-Praxis in Monheim. Das war natürlich viel zu weit weg von Leichlingen.
Und das hier hat mir Spaß gemacht. Und dann wurde es immer ein bisschen mehr, wie vom kleinen Finger, den man reicht, bis dann der Arm „weg“ ist.
So bin ich zur Pfarr-Caritas gekommen.

Das war vor dreißig Jahren als Frau Classon mit ihrer caritativen Arbeit begann. Seit fünf Jahren führt sie sie ehrenamtlich aus-

Übrigens: Caritas bedeutet [christliche] Nächstenliebe, Wohltätigkeit.

PfarrJournal:

Wer kann sich an die Pfarr-Caritas wenden?

Frau Classon:

Alle Personen, die bedürftig sind und die Fragen haben bei denen man ihnen helfen kann. Weder eine bestimmte Religionszugehörigkeit noch Nationalität dafür ist ausschlaggebend.

PfarrJournal:

Überprüfen Sie die Bedürftigkeit?

Frau Classon:

Ich unterstelle, dass die mir geschilderte Notsituation stimmt. Ich vertraue den Hilfesuchenden. Ich misstraue ihnen nicht.

PfarrJournal:

Welche Hilfestellungen und Leistungen gewähren Sie im Einzelnen?

Frau Classon:

Das können zum einen Beratungsgespräche sein. Oder ich leite weiter an andere Institutionen, wie zum Beispiel den Caritasverband, wenn wir das Problem vor Ort nicht lösen können. Oder ich helfe, wenn Pässe verloren gegangen sind und beim Ausfüllen von Vordrucken und Anträgen.

Zum anderen helfe ich in materieller Hinsicht, wenn Kleidung, Kleinmöbel oder Haushaltsgeräte fehlen oder kaputt gegangen sind. Auch leiste ich finanzielle Hilfe in Situationen, wenn es eng wird, Rechnungen zu bezahlen oder Lebensmittel zu kaufen.

Alles versuche ich dann zu klären und auf dem schnellsten Weg zu regeln.

PfarrJournal:

Wie umfangreich sind die Leistungen? Ich denke da besonders an die Geldmittel.

Frau Classon:

Die finanziellen Leistungen halten sich im Rahmen. Denn so groß ist das Budget nicht. Es sind eher kleinere Beträge so bis 100, 150 Euro, über die ich im eigenen Ermessen entscheiden kann.

Handelt es sich um größere Beträge, dann nimmt Herr Pfarrer Luckey am Gespräch teil. Danach entscheiden wir, ob es machbar ist oder nicht

Stehen mehrere tausend Euro zur Disposition oder sollen dauernd Zahlungen übernommen werden, zum Beispiel wenn der Bedürftige seine Miete, die laufenden Strom- oder Gasrechnungen nicht mehr bezahlen kann, dann muss eine andere Regelung her. Denn das können wir hier nicht stemmen. Wir arbeiten dann mit anderen Einrichtungen zusammen. Solche Maßnahmen werden vertraglich abgesichert.

PfarrJournal:

Haben Sie schon einmal Leistungsmissbrauch festgestellt?

Frau Classon:

Leider ja. Ein Fall liegt noch gar nicht so lange zurück. Da sammelte ein Mann für ein Kinderhospiz. Gegen Quittung bekam er jeweils einen Geldbetrag. Ich wurde vor Weihnachten gefragt, ob ich eine Einrichtung kenne, der man Geld spenden könne. Daraufhin benannte ich den Sammler mit Namen und Bankverbindung. Zwei Tage später erfuhr ich, dass die Bankverbindung nicht stimmt. Das prüften wir vom Pastoralbüro ebenso nach wie die Steuer-Nummer, die auf den Spendenbescheinigungen stand. In beiden Fällen ein negatives Ergebnis. Daraufhin informierte ich andere Institutionen, von denen ich wusste, dass sie an diesen Mann gespendet hatten. Zudem erstattete ich auf eigene Faust Anzeige gegen ihn. Einige Zeit später fand ich eine kleine Zeitungsnotiz. Ein Mann sei festgenommen worden, der sich an dem Geld für Hospizkinder bereichert hätte. Was weiter daraus geworden ist, weiß ich nicht. Ich habe nur eine Stinkwut darauf.

Und das zweite war dann, dass jemand kam und nichts zu essen hatte. Er bekam mehrmals Geld, um sich Essen zu kaufen. Nach Wochen trug man mir zu, dass die Person das Geld in einen Spielsalon brachte. Und ab sofort war es mit der finanziellen Unterstützung vorbei.

Und dann gibt es noch diejenigen, die von einer vorübergehenden finanziellen Notlage sprechen und versprechen, sie brächten das Geld in zwei oder drei Wochen wieder. Sie geben Name und Adresse an. Alles frei erfunden, wie ich recherchiert habe. Das Geld sehen wir nie wieder. Und wenn die Personen wieder versuchen, an Geld zu kommen, und ich ihnen Vorhaltungen mache, dann werde ich auch noch übel beschimpft.

Das Geschilderte passiert leider, wenn auch recht selten.

PfarrJournal:

Wie sieht die Praxis bei der Pfarr-Caritas aus?

Frau Classon:

Ein typischer Fall ist der Fall einer Erstausstattung für ein Baby. Dann sehe ich in meinem Lager nach, ob ich ein Kinderbettchen, einen Kinderwagen und Babysachen habe. Oder ich werde fündig bei mir bekannten jungen Müttern, die etwas Derartiges abgeben können. Das geht sehr schnell und problemlos.

Ein kaputter Kühlschrank im letzten, heißen Sommer. Die junge Frau mit zwei kleinen Kindern, eins davon noch ein Baby, wusste nicht was sie machen sollte. Ich habe einen Aufruf über die Pfarrnachrichten gestartet. Es meldete sich eine Dame, die sagte, sie hätte zwar keinen Kühlschrank, aber sie würde dieser Familie einen Kühlschrank sponsern. Sie ist tatsächlich mit der jungen Frau losgefahren und hat für sie einen Kühlschrank gekauft. Das sind Highlights, wo ich sage, toll, das gibt es also auch noch.

Einmalige Zuschüsse zur Miete oder zu den Energiekosten geben wir. Daraus darf sich keine Dauerleistung ergeben. Oder wir zahlen den Sportbeitrag für ein Kind. Es gibt finanzielle Nothilfen für Medikamente, die die Krankenkasse so schnell nicht bewilligt, die aber dringend gebraucht werden. So zum Beispiel für einen Obdachlosen, der kein Insulin mehr hatte, aber spritzen muss. Dann stelle ich das Geld dafür zur Verfügung, oder ich versuche von Apotheken Medikamente gespendet zu bekommen, die benötigt werden.

PfarrJournal:

Wie kommen Sie zu den finanziellen Mitteln?

Frau Classon:

Die Mittel stammen von Einzelpersonen, aus Pfarrkollekten, Haustürsammlungen und dem Caritasverband. Die Erlöse aus den Haustürsammlungen gehen immer mehr zurück, denn aus Altersgründen gibt es nur noch wenige SammlerInnen.
Auf das Caritaskonto, was bei der Rendantur angelegt ist, habe ich Einsicht. Ich kann darauf im Notfall zugreifen.

PfarrJournal:

Woher stammen die Sachspenden? Haben Sie noch ein Lager für diese Spenden?

Frau Classon:

Ich habe lediglich nur noch ein Lager für Wäsche und Kinderkleidung. Ansonsten habe ich kein Lager mehr. Das habe ich aufgelöst, weil die Nachfrage nach Möbeln nicht mehr gegeben war und der ehemalige Lagerkeller in diesem Haus (Lingemannstraße 3, Anbau) ausgebaut worden ist.
Kleidung wird im Moment vorwiegend vom Kinderdorf St. Heribert gestiftet. Das naturgemäß einen großen Kleiderfundus hat. Herr Graf greift mir immer dann unter die Arme, wenn Not am Mann/ Frau ist oder die zu versorgende Familie sehr groß ist.

PfarrJournal:

Wie empfinden Sie es persönlich, wenn Sie helfen können?

Frau Classon:

Ich finde es einfach nur schön, Menschen helfen zu können. Weil ich immer sage, ich könnte auch in eine Notlage geraten und würde mich freuen, wenn ich jemanden finden würde, der mir spontan hilft, sei es mit einem Gespräch oder einer persönlichen Betreuung.

PfarrJournal:

Stehen Sie mit Ihrer Hilfe in Konkurrenz zu anderen Einrichtungen?

Frau Classon:

Nein, es gibt keine Konkurrenz. Jede Kirchengemeinde, egal welche, macht ihre Arbeit. Das wird sich niemals überlappen. Im Gegenteil: Die evangelische Kirche fragt mich um Hilfe, und ich frage sie um Hilfe, wenn irgendetwas ist. Wir hatten den ökumenischen Arbeitskreis für Aus- und Übersiedler. Darin waren über zwanzig Personen, gemischt aus den Gemeinden, und wir haben über Jahre hinweg zusammen gearbeitet. Da gibt es keine Konkurrenz und keinen Konkurrenzneid. Statt Konkurrenz gibt es Kooperation!

PfarrJournal:

Arbeiten Sie mit der „Tafel“ zusammen?

Frau Classon:

Ja. Frau Simon ist eng verbunden mit der katholischen Kirchengemeinde. In der Pfarrkirche finden regelmäßig Benefizkonzerte zu Gunsten der „Leichlinger Tafel“ statt. Wir schließen uns auch immer kurz, wenn wir etwas gespendet bekommen, dass die „Tafel“ gebrauchen kann.

PfarrJourmal:

Was wünschen Sie sich für Ihr Aufgabengebiet?

Frau Classon:

Das ich meine Arbeit noch lange machen kann.

PfarrJournal:

Vielen Dank für das Gespräch.

Eduard Fuchs, 10.02.1014