" … warf sich siebenmal zur Erde nieder, bis er nahe an seinen Bruder herangekommen
war."
(Genesis 33,3)
Jakob liefert sich demütig seinem Bruder Esau aus und zwar vollständig, wie die Zahl sieben zum
Ausdruck bringt. Besser kann er in damaliger Zeit seine Schuld nicht zeigen. Versöhnung verlangt
immer ein uneingeschränktes Bekennen des eigenen Versagens. Und das ist mit einem Risiko verbunden.
Jakob weiß eben nicht, ob sein Bruder Esau die Entschuldigung annehmen wird.
Jakob hatte in der Nacht zuvor mit einem Boten Gottes gerungen. Dieser hatte ihm, da er Jakob
nicht besiegen konnte, das Hüftgelenk verletzt, sodass ab diesem Zeitpunkt Jakob hinkte. Einige
jüdische Weise erklären die Großmut des Esaus daher damit, dass Esau einem Versehrten und
Geschlagenen nichts Böses antun konnte.
"Nimm mein Begrüßungsgeschenk an, das man dir überbracht hat."
(Genesis 33,11)
Versöhnung "kostet" immer etwas. Jakob muss sich seinem Bruder bedingungslos ausliefern, seinen
Stolz zurücknehmen, auf Rechthaberei verzichten und einen Teil seines Reichtums an Esau abgeben.
Auch bei der Beichte – dem Sakrament der Versöhnung – gibt es eine Verpflichtung zur Buße als
Zeichen der Ernsthaftigkeit der Versöhnung.
Was können wir von Jakob und Esau lernen?
Versöhnung ist ein Prozess, dessen Ergebnis sich hier in der Begegnung von Angesicht zu
Angesicht entscheidet. Wird dieser Prozess zeitnah aufgenommen, so fällt er den Beteiligten
leichter. Versagen muss uneingeschränkt bekannt und das Risiko, dass der Prozess nicht erfolgreich
ist, eingegangen werden. Zeichen, dass diese Versöhnung ernst gemeint ist, sind vertrauensbildend.
Auch nach Jesus muss dem Verzeihen durch Gott die Versöhnung vorausgehen:
" ... geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder/deiner Schwester, dann komm und opfere
deine Gabe."
(Matthäus 5,24)
Jakob und Esau gingen nach ihrer Versöhnung getrennte Wege. Neue Auseinandersetzungen sind nicht
bekannt. Echte Versöhnung hat es nur dann gegeben, wenn die Erinnerungen an die alten
Auseinandersetzungen keine Rolle mehr spielen. Dies ist für einen Neuanfang unabdinglich. Das
scheint bei Jakob und Esau der Fall gewesen zu sein.