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Die Macht des Zuhörens

Von Macht und Ohnmacht auf der Straße – Stefanie Manderscheid von der Pfarrbriefredaktion über ihren Besuch bei GUBBIO

Gubbio – Seelsorge für Menschen auf dem Weg: Seit 2004 hat die Katholische Obdachlosenseelsorge in Köln eigene Räumlichkeiten im ehemaligen Franziskanerkloster in der Ulrichgasse.

Schon auf dem Hinweg zu meiner Verabredung begegne ich am Chlodwigplatz den Menschen, um die es bei meinem Besuch bei GUBBIO gehen soll: Einige offensichtlich Obdachlose sitzen zusammen auf den Bänken in der Platzmitte. Ich bin mit Bruder Markus von den Franziskanern verabredet, um mit ihm über seine Arbeit mit den Wohnungslosen zu sprechen. Bei der Vorbereitung auf unser Gespräch und auch als ich über den Chlodwigplatz fahre, frage ich mich, ob man dem Leben und den Problemen dieser Menschen überhaupt mit Begriffen wie Macht oder Ohnmacht gerecht werden kann.


GUBBIO, der Treff und die Kirche der Obdachlosenseelsorge, liegt an der Ulrichgasse mitten im tosenden Verkehr der Nord-Süd-Fahrt. Links der Eingang zur Franziskanerkirche, rechts geht’s zur Pforte.

 

Bruder Markus heißt mich freundlich willkommen. Er führt mich durch einen einfach, aber gemütlich eingerichteten Aufenthaltsraum mit einem großen Tisch in sein Büro. Hier ist es still, die Fenster gehen nach hinten zum Innenhof.

 

Wir sind uns schnell einig, dass wir das Thema Macht und Ohnmacht für später aufsparen. Zunächst einmal möchte ich Genaueres über seine Arbeit erfahren.

Der persönliche Kontakt – darauf kommt es Bruder Markus an.

"Ich bin Wohnungslosenseelsorger im Erzbistum Köln", beginnt Bruder Markus zu erzählen. "Mein Gebiet ist die Kölner Innenstadt. Ich gehe rund um den Dom und den Hauptbahnhof und gucke, wer da eigentlich so lebt, dort seinen Lebensmittelpunkt hat, an den verschiedenen Orten, unter den Brücken, in den Fußgängerzonen, wer dort Platte macht, schnorrt, bettelt oder dort übers Pflaster streicht und offensichtlich nicht zum Einkaufen da ist. Ich habe Essengutscheine dabei von Hilfseinrichtungen als Icebreaker. So lerne ich nach und nach die Leute kennen, immer mehr, manche sind immer dieselben, andere sind mal da und tauchen auch wieder ab. Ich esse auch in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe mit. So ergeben sich die persönlichen Kontakte."


Der persönliche Kontakt, die Begegnung, das sind die Dinge, auf die es Bruder Markus ankommt. Als "aufsuchende seelsorgerische Arbeit auf der Straße" beschreibt er seine Arbeit. Er kennt viele Lebensgeschichten von Menschen, die auf der Straße wohnen und an einigen lässt er mich teilhaben. Er erzählt von dem gut ausgebildeten Facharbeiter, der obdachlos wurde und jetzt todkrank in einem Hostel liegt, von Polen und Rumänen, die hier keinerlei Hilfeansprüche haben und die jeden Halt verloren haben, von einem Koch, der durch den Tod seiner Frau abstürzte, und auch von jemandem, durch dessen Schuld vor langer Zeit jemand ums Leben gekommen ist.


Anhand dieser Lebensgeschichten macht Bruder Markus mir klar, dass es den typischen Wohnungslosen so nicht gibt. Jeder hat seine eigene Lebensgeschichte. "Wir haben einen ehemaligen Lehrer auf der Straße, wir haben einen Arzt, der zwar nicht obdachlos ist, sich aber in dem Milieu bewegt. Qualifizierte Handwerker, Akademiker. Wir betreuen aber auch Menschen, bei denen von Anfang an alles schwierig war, von denen wir denken, dass sie wohl immer schon bei den Armen gewesen sind."


Deshalb ist es auch nicht leicht, so Bruder Markus, einfache Lösungen zu finden. Es ist nicht damit getan, Wohnungen einzurichten und Arbeitsplätze zu finden und zu meinen, dann kommt alles schnell wieder ins Lot. Weil es sich um ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Problemen handelt, ist es viel schwieriger, ihnen aus ihrer Situation zu helfen. Bruder Markus verdeutlicht das anhand eines Fünf-Säulen-Modells, das der Psychologe Hilarion Petzold entwickelt hat. Die fünf Säulen, auf denen das Leben eines Menschen Stabilität erhält, sind: die Gesundheit, die sozialen Beziehungen, die Arbeit, die Spiritualität und die Werte.


Wenn mehrere Säulen brüchig geworden sind, dann ist die Gefahr groß, dass das Leben nicht gelingt. Man muss bei der Hilfe für Obdachlose alle fünf Säulen in den Blick nehmen. "Man kann die Menschen nicht einfach von der Straße holen, man muss auch die Straße aus den Menschen kriegen", das ist eine Erkenntnis, die für Bruder Markus zentral ist.


Und jetzt denke ich während unseres Gespräch an unser Thema: Macht und Ohnmacht. Je mehr Säulen nicht mehr tragen, und das gilt sicher nicht nur für die Obdachlosen, desto ohnmächtiger fühlen sich die Menschen.
"In dreifacher Hinsicht ist das Thema Macht und Ohnmacht auf der Straße relevant", meint Bruder Markus. "Zum einen: Gegenüber anderen Menschen fühlt man sich ohnmächtig. Angewiesen zu sein auf Hilfe von anderen Menschen, das bedeutet ohnmächtig sein. Es ist aber auch, zum zweiten, die Ohnmacht gegenüber Institutionen und Ämtern, sich ausgeliefert fühlen, den nächsten Schritt zu tun, ist oft so schwer, die Hürden sind hoch. Wer stärker psychisch krank ist, der schafft das alleine einfach nicht. Die Ohnmacht gegenüber sich selbst kommt als drittes hinzu, das Gefühl, dass man nichts machen kann. Eine Lebens-Sinn-Ohnmacht, das Leben erscheint zu groß." Genau da setzt Bruder Markus an: Er spricht mit den Betroffenen, hört ihnen zu, begegnet ihnen auf Augenhöhe, versucht ihrem Leben einen spirituellen Sinn zu geben.


Bei GUBBIO in der Südstadt, wo Bruder Markus arbeitet, werden neben gemeinsamen Gottesdiensten und Gebetszeiten auch Spielenachmittage, Kino- oder Museums-besuche angeboten sowie Ferienfahrten werden unternommen. Man kann auch einfach so da sein, als willkommener Gast.
"Und das Wichtigste", sagt Bruder Markus: "Alle werden ernstgenommen." Indem er zuhört, wenn die Menschen von ihrem Leben erzählen, indem er die Situationen mit ihnen gemeinsam aushält, indem er mit ihnen betet, ihnen auf Augenhöhe begegnet – dadurch stärkt er die spirituelle Seite der Menschen.


"Es ist eine sehr franziskanische Erfahrung, die ich bei meiner Arbeit mache. Gott finde ich auf der Straße."
Für mich ist am Ende des Besuchs klar, dass Bruder Markus den Menschen ihre Würde zurückgibt. Seine Macht erkenne ich im Zuhören, in der Zuwendung, in der Zuneigung, im gemeinsamen Aushalten.


Ich frage ihn, ob das vielleicht die wahre Macht sein könnte: "Ja", sagt er, "ganz besonders, weil sie jeder ausüben kann. Wenn man durch die Schildergasse geht und sich vornimmt, jedem Bettler, den man trifft, zwei Euro zu geben, dann ist am Ende der Schildergasse das Portemonnaie leer. Jetzt kann man sich überlegen, ob man das will. Ich würde auf keinen Fall sagen, als Christ muss man das. Nein, man kann auch sagen, das mach ich bewusst nicht. Aber man hat die Macht, dem anderen als Mensch zu begegnen. Jemanden als Mensch zu würdigen, ihm in die Augen zu schauen, diese Macht hat man."


Wir verabschieden uns. Als ich auf dem Heimweg wieder über den Chlodwigplatz fahre, sehe ich viele verschiedene Menschen.

 
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