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Zwischen Pflicht und Kür

Ungewohnt ist es für die drei Lehrpersonen, sich über ihre Erfahrungen mit dem Beten in der Schule auszutauschen. Sie freuen sich über die Gelegenheit dazu und erleben es als Bereicherung.


Alfred G. (53) unterrichtet Deutsch und Englisch, Claudia P. (49) Geschichte und Latein, beide an unterschiedlichen erzbischöflichen Gymnasien. Dorit L. (42) unterrichtet Englisch und katholische Religionslehre an einem städtischen Gymnasium.


Welche Erfahrung machen Sie mit Beten in der Schule?
AG: Bei uns an der Schule wird jeden Morgen in der ersten Stunde zum Einstieg in den Tag gebetet. In den unteren Klassen werden Klassendienste eingeteilt und einer ist für das Morgengebet zuständig. In der Oberstufe melden sich die SchülerInnen freiwillig zur Vorbereitung.


CP: Ich mache ähnliche Erfahrungen, allerdings bin ich es in der Regel, die ein Gebet vorbereitet und vorträgt. In der Oberstufe gestalten die SchülerInnen das Gebet im Idealfall selbst.


DL: Bei mir an der Schule gibt es einen hohen Anteil an konfessionslosen oder muslimischen SchülerInnen. In der Regel wird im Unterricht nicht gebetet, es sei denn manchmal im Religionsunterricht. Aber es gibt Schulgottesdienste zu besonderen Anlässen, wie Schulanfang, Weihnachten, Abitur oder Ende des Schuljahres. SchülerInnen bereiten diese Gottesdienste vor, und natürlich wird dann auch gebetet.


Wie sieht das Beten konkret aus?
CP: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche SchülerInnen wenig Erfahrung mit religiöser Praxis mitbringen, so dass ich in den fünften Klassen mit den SchülerInnen Vereinbarungen treffe, um dem Gebet einen würdigen Rahmen zu geben. Zum Beispiel, wie man sich verhält, wenn man zu spät kommt: nicht „durch das Gebet laufen", sondern an der Türe stehen bleiben und warten, bis das Gebet beendet ist.


AG: Es gibt eine feste Form (Kreuzzeichen, Gebet, Kreuzzeichen, Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.), aber ich lege viel in die Hände der SchülerInnen selbst. Ab der fünften Klasse führen die SchülerInnen eine Gebetsmappe, in der sie Gebete sammeln, die ihnen etwas bedeuten. Zur Vorbereitung wählen sie dann daraus ein Gebet aus und tragen es vor. Manchmal ist das ein Spagat zwischen Selbstverantwortung der SchülerInnen und verständlichem Gebet, das ankommt. Wichtig ist mir, dass es aus der Mitte der SchülerInnen kommt. Ich gehe zum Gebet auch nach hinten in die Klasse – sie sollen ja schließlich nicht zu mir beten, sondern zum Kreuz...


CP: Manchmal sind meine ersten Worte am Tag das Gebet in der Klasse. Das ist dann mein Ankommen im Tag.


AG: Ja, oft der einzige Moment der Ruhe am Tag. An einer meiner früheren Stellen läuteten um zwölf Uhr die Kirchenglocken direkt ins Klassenzimmer, gerade im Sommer bei geöffnetem Fenster. Dort habe ich dann eingeführt, dass dies ein Moment der Ruhe im Klassenzimmer ist. Schweigen. Wer wollte, konnte beten. In jedem Fall wollte ich verhindern, dass gegen das Geläut angeschrien wird. Den SchülerInnen hat das gut gefallen.


Wann merken Sie, dass das Beten „ankommt"?
CP: Wenn ich einen Bezug herstellen kann – zu meiner eigenen Situation oder zu aktuellem Geschehen und dann noch etwas zum Kontext des Gebets sage, z.B. über den Autor, dann merke ich, dass die Kinder neugierig werden und aufmerksam bei der Sache sind.


DL: Wenn die SchülerInnen den Gottesdienst selbst vorbereiten, merke ich, dass sie wirklich engagiert sind und auch selbst zum Beispiel Fürbitten schreiben. Im Religionsunterricht selbst fällt es ihnen oft schwer, mit Respekt und ernsthaft mit Gebet umzugehen, den anderen gelten zu lassen. Eine Ausnahme ist ein muslimischer Schüler in meinem Unterricht: er ist mit vollem Ernst bei der Sache, neugierig und offen und vergleicht sein Erlerntes mit dem Islam.


CP: Ja, die Ernsthaftigkeit... Mich stimmt es traurig, wenn das Gebet durch die SchülerInnen für andere Zwecke missbraucht wird, zum Beispiel als Zeitkiller in einer unliebsamen Schulstunde.


AG: Ja, das erlebe ich auch schon mal. Aber Spaß haben die SchülerInnen, wenn in meiner Englischstunde zu Beginn auf Englisch gebetet wird, das „Vater Unser" oder jetzt im Mai das „ Ave Maria". Und anschließend knüpfe ich daran an und untersuche das Gebet sprachlich.


CP: Ja, das mache ich auch, zum Beispiel habe ich jetzt den Konjunktiv in Hauptsätzen im Lateinunterricht behandelt und mit den SchülerInnen das „Vater Unser" auf Latein gebetet. Anschließend haben wir es dann im Unterricht behandelt.


Gibt es eine Resonanz bei den SchülerInnen?
DL: Beim Gebet merkt man schon, ob es ankommt. Wenn ich das „Vater Unser" im Stehen und mit Gesten mit der Klasse bete: das kommt gut an. Oder wenn ich sehe, dass die SchülerInnen eigene Strophen zum Lied „Laudato si" (zum Sonnengesang des Franz von Assisi) schreiben und wir sie gemeinsam singen – wunderbar. Und zu unserem ökumenischen Abitur-Gottesdienst werden alle eingeladen, und die Kirche ist dann wirklich voll; es kommen fast alle SchülerInnen!
Wenn Kinder nicht mehr beten wollen, kann es an der Gestaltung liegen; das Beten an sich ist oft nicht das Problem. Man kann in das Gebet reinwachsen....


CP: ... oder auch rauswachsen, wenn die Gebete nicht dem Alter angepasst sind.


AG: Manchmal erlebe ich auch, dass das Gebet zur Versöhnung beiträgt. Gefühle einzubeziehen kann dazu beitragen, dass ein Gebet ankommt. Es gab einmal einen Lichtergottesdienst. Dunkle Kirche, Kerzen, wie in der Osternacht. Und anschließend haben die anderen SchülerInnen bedauert, dass sie nicht dabei waren...


DL: Ich finde es schön, das Ritual des Betens zu haben. Für mich ist die inhaltliche Füllung manchmal schwierig, zum Beispiel, wenn ich höre „Ich weiß auch nicht, warum ich hier im Religionsunterricht sitze – ich glaube doch nicht an Gott!"


CP: Das höre ich auch schon mal. Bei mir arbeitet ein Schüler sehr engagiert in der kirchlichen Jugendarbeit, aber er will nicht mehr beten oder zum Gottesdienst. Den lasse ich dann auch in Ruhe. Vielleicht kommt er irgendwann mal wieder zurück.
Als Lehrer arbeitet man ja immer in der Hoffnung, etwas zu bewirken. Aber im Endeffekt erfährt man höchstens zufällig davon. Kürzlich traf ich einen ehemaligen Schüler, der mir sagte, dass er in seinem Arztberuf sehr viel von seiner Schulzeit an einer katholischen Schule profitiert. Das freut uns Lehrer natürlich, ist aber eher die Ausnahme.


Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
AG: Eine Schule, in der sich SchülerInnen und LehrerInnen auf das Gebet freuen.


CP: Und Eltern, die mit den Kindern beten...


DL: Ein Erleben von Gemeinschaft im Gebet, Beten aus Überzeugung.


CP: Und Beten zum Thema im Kollegium machen.


Was könnte der erste Schritt sein, damit sich die Wünsche erfüllen?
CP: Ich möchte zukünftig die SchülerInnen mehr einbinden und ihnen mehr zutrauen – und selbst beim Gebet nach hinten gehen, die Anregung nehme ich mit, Herr Gehrmann.


DL: Ich möchte eine Gebetsmappe einführen, die den Schülern wirklich etwas sagt, mit Gebeten, die den Schülern wichtig sind.


AG: Ich habe da noch einen verrückten Gedanken... in der Mitte des Schultags eine Minute Stille halten. Einen Gong schlagen, und die ganze Schule hält einen Moment der Stille.


Das Gespräch führte Barbara Kruse

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