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'Nichts in meinem Leben war umsonst ...'

Andreas Hupke ©privat Andreas Hupke ©privat

Wie sieht ein Bezirksbürgermeister unser „Veedel“? Was macht für ihn das Besondere, den Reichtum unseres Stadtteils aus? Uschi Leyendecker-Bruder und Barbara Kruse von der Pfarrbriefredaktion haben Andreas Hupke (die Grünen) befragt.

 

Sie sind als Bezirksbürgermeister Innenstadt zuständig für den Bezirk mit der kleinsten Fläche, aber mit einer hohen Einwohnerzahl in Köln. Was verbinden Sie mit dem Vringsveedel und der Kirche St. Severin?

Ja, natürlich kenne ich die Kirche, zur Innenstadt gehört St. Severin dazu. Den Pfarrer, Herrn Quirl, habe ich in seiner Funktion als Vorstandsmitglied des Vringstreffs kennen gelernt. Ich bin da völlig unvoreingenommen, weil ich nicht katholisch bin.

Aber ich bekomme einen dicken Hals, wenn die Autos auf dem Severinskirchplatz parken. Das wäre bei jeder Kirche so, aber hier finde ich es besonders schlimm, weil es eine besondere, weil es eine der romanischen Kirchen ist. Seit das Gerüst abgebaut ist, stehen dort immer noch einzelne Autos. Wir haben viel Druck gemacht, dass dort eine vernünftige Absperrung hinkommt, damit es ein Platz für die Menschen bleibt.

Wir hätten im Vringsveedel auch gerne das Glasverbot an Weiberfastnacht eingeführt, das ist leider rechtlich nicht so leicht durchzusetzen.  Die Verwaltung hat entschieden, zunächst das Glasverbot im „Kwartier Latäng“ zu klären.

Mit St. Severin verbinde ich aber auch noch eine andere wichtige Erfahrung: Nach dem dramatischen Einsturz des Archivs hat die Kirchengemeinde ihren Gemeindesaal zur Verfügung gestellt, wo die KVB und wir mit den Bürgerinnen und Bürgern diskutiert haben; das war sehr wichtig. Und egal ob der Karneval auf dem Kirchplatz eröffnet wird, der längste Tisch oder das Pfarrfest stattfindet, die Gemeinde ist immer präsent. Wenn man Probleme hat, dann läuft man sich da über den Weg.

In der Südstadt gibt es viele obdachlose Menschen. Sie haben den Vringstreff erwähnt, eine Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Wohnung.

In der Annostraße habe ich das erste Mal etwas mitbekommen von Obdachlosigkeit. Das war mir völlig fremd. Ich habe begriffen, dass auch Alkoholiker hochsensible Menschen sind. Die hatten oft hammerharte Erlebnisse, die dazu geführt haben, dass sie so sind, wie sie sind. Ich bin ein Anwalt dafür geworden, dass sie ein würdevolles Leben haben.

Ich kenne nicht nur den Vringstreff, ich kenne auch vom Johanneshaus in der Annostraße Pater Ambach und Thomas Sökefeld. Was ich kann, das ist Menschen vom Tippelbruder bis zum Bankier zusammenbringen. Deshalb mache ich einmal im Jahr einen Sommerempfang im Pfandhaus.  Das ganze Jahr über sammele ich Visitenkarten, und diese Menschen lade ich dann ein.

 

Sie sind nicht katholisch, haben Sie gesagt ...

In meiner Kinderzeit in der Eifel haben wir Geschwister uns mit den Katholiken gefetzt und die mit uns. Heute verteidige ich manchmal mehr die Kirchen – egal ob evangelisch oder katholisch – als ihre Mitglieder selbst, weil sie ganz wichtige Institutionen sind. Ich selbst bin Agnostiker, ich habe das für mich so entwickelt, habe das mit mir ausgemacht.

  

Gebürtiger Kölner sind Sie also nicht?

Nein, meine Eltern waren Vertriebene aus Pommern. Sie landeten 1947 in Kalterherberg bei Monschau, dem „Altötting“ Nordrhein-Westfalens zwischen Eifel und Hohem Venn. Wir waren arm und fremd.

Mein Vater wählte SPD und war daher auch immer für die Ostverträge. Er war nicht in der Partei. Meine Mutter und er waren streng gläubige, evangelische Christen, und das war da oben natürlich das Schlimmste. 1973 kam ich aus der Eifel nach Köln. Nach zwei Jahren beim Militär habe ich den Wehrdienst verweigert, die Mittlere Reife nachgemacht, und um auch das Abitur nachzumachen, bin ich in Köln gelandet. Es war eine bewegte Zeit. Jura habe ich dann studiert, aber bewusst nicht finalisiert. Obwohl ich alle Scheine hatte, habe ich gedacht, was machst du jetzt mit 32 Jahren mit deiner Ahnung von Jura, und ich wollte dann Sozialarbeit studieren. Das gefiel mir dann aber auch nicht und durch einen Zufall bin ich bei den Bühnen gelandet. Heute bin ich Bühnenfacharbeiter und Arbeitnehmervertreter.

 

Wie sind Sie in die Politik gekommen?

Meine Eltern haben mir beigebracht: Faschismus und Krieg dürfen nie mehr passieren.

Ich war immer geschichtlich und politisch interessiert, und hier in Köln war 1973 noch die Nach-68er-Zeit – Demokratie von unten.  Angefangen habe ich bei der Bürgerinitiative Rathenau Platz, wo ich wohne und inzwischen mit fast 62 Jahren dienstältestes Mitglied bin. Später hat mich die Häuserrettung und Hausbesetzung auf dem ehemaligen Stollwerck-Gelände in der Südstadt noch einmal ganz besonders politisiert. Bei den Grünen gelandet bin ich nicht, weil ich ein Naturmensch aus der Eifel bin, sondern weil die eine offene Fraktionssitzung haben. 1979 haben wir eine Liste gemacht. Es war ein Wahlbündnis von der Bunten Liste wehrt Euch und den Grünen. Mit zwei Sitzen sind wir damals in die Bezirksvertretung Innenstadt gekommen. In die Bürgergemeinschaft Rathenauplatz habe ich viel Kraft und Arbeit gesteckt. Ohne dass ich mich selbst loben will, aber das Projekt des Cafés am Rathenauplatz gäbe es nicht, wenn ich nicht wäre.

Schokomädchen am Severinskirchplatz ©Bins Schokomädchen am Severinskirchplatz ©Bins

"Reich beschenkt“ ist das Pfarrbrief-Thema – gilt das auch für Ihr persönliches und politisches Leben?

Ich habe eigentlich immer das gemacht, was mir Spaß gemacht hat, was mich interessiert hat, auch wenn es schwer war. Nichts in meinem Leben war umsonst. Ob es die Juristerei ist, ob ich in der Gewerkschaft bin, beim Militär war, gearbeitet habe, dass ich viele Geschwister hatte... Was mich immer angetrieben hat, ist, was ich von Zuhause mitbekommen habe. Ich bin ein flexibler, manchmal hektischer und sehr bewegter Typ. Aber ich brauche eine feste Wurzel. Feste Wurzel sind die Wohnung und die Menschen, mit denen ich im Viertel lebe.  Gott hat den Menschen die Sonne und die Erde gegeben, aber dann ist alles in Menschenkopf und in Menschenhand. Das hat mich immer bewegt und angetrieben, für humane, lebenswerte Bedingungen zu stehen.

 

Was schätzen Sie am Severinsviertel?

Das Viertel hat mit dem, das ich damals kennen gelernt habe, nicht mehr so viel zu tun. Die Kirche ist dieselbe wie damals und noch

ein paar ältere Menschen sind da, die ich von früher kenne. Die Schokofrauen habe ich nicht mehr mitgekriegt, aber das alte Kölsche war noch da und die Künstler. Da war das Severinsviertel noch ein Arbeiterviertel, ein Kleine Leute-Viertel. Da gab es billige Wohnungen. Da haben die Leute gesagt: „Gib mir 50 Mark, und dann kannst du da dein Atelier aufmachen.“ Es entstand das Flair der alternativen Szene, das auch die Moneymakers mitbekommen haben und andere Menschen, die privilegiert sind und seelenarm sind. Die dachten: „Da müssen wir auch hin!“ Der nächsten Generation, die gekommen ist, liegt das Viertel zum Glück auch am Herzen.  Das gilt auch für viele Alternative, die hängen geblieben sind. Die haben einen Großteil der Tradition weiter getragen.

Und heute ist was anderes wichtig: Die gesamte Neugestaltung der Severinstraße ist über unseren Tisch gelaufen. Und dass die Fööss und Jürgen Becker beim Längsten Desch aufgetreten sind, hat dazu beigetragen, dass die Anwohner und Geschäftsleute durchgehalten haben. Gerade binde ich eine neue Initiative in die Gestaltung des Chlodwigplatzes ein.

Wichtig in der Südstadt ist natürlich auch der Rheinauhafen, für Köln ein riesiger Schub, aber trotzdem ist ein wunderschönes altes Stück Köln weg. Bei visionärer Planung hätte man mehr erhalten können, mehr Denkmalschutz wäre gut gewesen.

 

Gibt es etwas, das Ihnen Sorgen macht?

Das Denken, dass alles so weiter gehen soll, wie es in den letzten sechzig Jahren war, erschüttert mich. Mutter Erde wird uns heimzahlen, was wir ihr angetan haben. Es kann nicht sein, dass Senioren in der Innenstadt Atemprobleme bekommen und an die Peripherie ziehen müssen. Wir müssen Bäume pflanzen, Dächer begrünen und Flächen entsiegeln.

Sorgen macht mir auch, dass Köln als viertgrößte Kommune der Republik, mit Ausnahme des Oberbürgermeisters, ob im Rat oder in den Stadtteilparlamenten, nur von Ehrenamtlichen regiert werden muss. Ich mache mir Sorgen darum, dass wegen der Fülle der Kompliziertheit und Komplexität, die auf Köln immer mehr zukommt, u.a. durch die Globalisierung und die EUErweiterung, dass diese Stadt bald nicht mehr ehrenamtlich regiert werden kann!

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