ERZBISTUM KÖLN  TagesLiturgie     

Werkbeschreibung | Franz Schubert

Messe Nr. 3 B-Dur D 324

 

Franz Schubert komponierte zwischen 1814 und seinem letzten Lebensjahr sechs lateinische Messzyklen. Die erste Messe in F-Dur D 105 ist eine Missa solemnis und entstand für die Hundertjahrfeier der Kirche von Lichtental, Schuberts Heimat im Wiener Randbezirk. Die folgendenen Messen in G-Dur D 167, B-Dur D 324 und C-Dur D 452 gehören dem Brevis-Typ an, obwohl diejenige in B eine ungewöhnlich große Orchesterbesetzung mit Oboen, Fagotten, Trompeten und Pauken sowie, allerdings nur im Kyrie, Hörnern und Posaunen aufweist.

 

Nur acht Monate nach der Komposition der G-Dur Messe begann Schubert am 11. November 1815 seine 3. Messe in B-Dur D 324. Obwohl die B-Dur-Messe mit einer Aufführungsdauer von knapp 30 Minuten durchaus noch als missa brevis bezeichnet werden kann, weist die große Instrumentalbesetzung sie als Werk für eine besondere Gelegenheit aus. In dieser Hinsicht knüpft sie an die Messe in F-Dur D 105 an, wenn auch in einem etwas kleinerem Maßstab, die Dauer betreffend.

 

Obwohl als sicher angenommen werden kann, dass sie in Lichtental zur Aufführung kam, ist der genaue Anlaß ebenso unbekannt wie das Datum, an dem die Komposition beendet wurde. Die autographe Partitur, die sich heute in der British Library in London befindet, enthält einige spätere Korrekturen, die wohl im Zusammenhang mit einer Aufführung gemacht wurden. Sie scheint wohl auch außerhalb Wiens bekannt gewesen zu sein: Ferdinand Schubert berichtet in einem Brief an seinen Bruder Franz vom 6. Oktober 1824 von einer Aufführung einer Messe eines unbekannten Komponisten in Hainburg, zu der er gebeten wurde, die Orgel zu spielen. Als er die Noten erhielt, erkannte er in dem Werk die B-Dur-Messe seines jüngeren Bruders. Die Aufführung selbst lobt er in den höchsten Tönen, nur der Tenor wäre »etwas ängstlich und stimmlich schwach« gewesen.

 

Das Répertoire International des Sources Musicales (RISM) weist etwa ein halbes Dutzend Abschriften aus Österreich, Deutschland und Tschechien aus. Ihre Verbreitung war jedoch bei weitem nicht die der anderen drei Lichtentaler Messen in F-Dur, G-Dur und C-Dur. Auch heute noch scheint es die am wenigsten häufig aufgeführte Messe dieser Reihe zu sein. Der Erstdruck der B-Dur Messe erfolgte jedoch bereits 1837 bei Haslinger in Wien.

 

Bekanntermaßen vertonte Schubert in keiner seiner Messen den vollständigen liturgischen Text. Allerdings verzichtet er nicht nur auf das „Et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ („[Ich glaube an] die eine heilige katholische und apostolische Kirche“), das er niemals in Musik setzte; eine tendenziell zunehmende Zahl weiterer Auslassungen von Glaubenssätzen des Gloria und des Credo machen persönliche Skepsis gegenüber der christlichen Lehre wahrscheinlich. Manche der Lücken und die merkwürdige Verkürzung „Confiteor unum baptisma in remissionem mortuorum1) in der Messe B-Dur lassen allerdings auch Irrtümer durch mangelnde Lateinkenntnisse vermuten; ein eindeutiges Bild hat sich für das Verständnis dieses Phänomens aus den bisherigen Untersuchungen nicht ergeben.

 

1) Exkurs: Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (lat. Nicaeno-Konstantinopolitanum), oder Großes Glaubensbekenntnis ist das Bekenntnis der ganzen Christenheit und wird an hohen Feiertagen im Gottesdienst gesprochen. Der letzte Satz lautet (vollständig):
»Confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum, et exspecto resurrectionem mortuorum
et vitam venturi sæculi.
«
(Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Ich erwarte die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt
.)

 

Insgesamt ließ sich Schubert in puncto formaler Anlage - Gliederung in sechs große Sätze, Verzicht auf Arien für die Gesangssolisten, welche stattdessen entweder allein oder in der Gruppe mit kurzen Passagen dem Chor gegenübertreten - wohl auch durch die „sinfonische Messe“ des späten Haydn inspirieren, ohne freilich dessen zeitliche Ausdehnung zu erreichen. Ein repräsentatives, musikalisch reizvolles Werk also, das mit seiner vielschichtigen, detailliert ausgearbeiteten Textbehandlung beeindruckt.

 

Besetzung:

Soli (SATB), Chor (SATB), Streicher (Violine I u. II, Viola, Violoncello, Kontrabass), Orgel; 2 Oboen, 2 Fagotte, 2 Trompeten, Pauken

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 30 Minuten

 

Notenmaterial, Hörproben und Übungsdateien

  • Kyrie

  • Gloria

  • Credo

  • Sanctus

  • Benedictus

  • Agnus Dei

    Hörproben: Chor des Bayerischen Rundfunks · Lucia Popp· Brigitte Fassbaender· Adolf Dallapozza· Dietrich Fischer-Dieskau · Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks · Wolfgang Sawallisch, Leitung

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Michael Wersin (Hrsg.): Reclams Führer zur lateinischen Kirchenmusik, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2006

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/messen/Schubert_D324.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 16.03.2020

Zum Seitenanfang Benutzer-Login Seite weiterempfehlen Druckversion Kontakt  Barrierefrei Datenschutz  Impressum