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Werkbeschreibung | Felix Mendelssohn Bartholdy

Der 42. Psalm op. 42 »Wie der Hirsch schreit« (MWV A 15)

 

Psalmtexte inspirierten Mendelssohn während seines gesamten Schaffens. Er hinterließ neben A-cappella-Sätzen fünf große Orchesterpsalmen. Eines der eindrucksvollsten Werke ist sicher der monumentale 114. Psalm, durchgängig für achtstimmigen Chor ohne Solopartien gehalten. Eines der schönsten Werke ist zweifellos die Psalmkantate Der 42. Psalm op. 42 »Wie der Hirsch schreit« (MWV A 15) für Soli, gemischten Chor und Orchester aus den Jahren 1837 und 1838.

 

Am 28. März 1837 heiratete Felix Mendelssohn Bartholdy die Pfarrerstochter Cécile Jeanrenaud. Mendelssohns Vertonung des 42. Psalms entstand größtenteils 1837 während seiner Hochzeitsreise durch das Elsass und den Schwarzwald. Der erste, zweite und sechste Satz entstanden in Freiburg im Breisgau, der Schlusschor wurde Ferdinand Hiller zufolge später in Leipzig angefügt.

 

Die Uraufführung der ersten Fassung (mit dem jetzigen Chor Nr. 4 als Schlusschor) fand am 1. Januar 1838 im Gewandhaus zu Leipzig statt; im Frühjahr des gleichen Jahres folgte die überarbeitete, endgültige Fassung. Die Psalmkantate wurde zu Lebzeiten des Komponisten häufig aufgeführt und auch vom selbstkritischen Mendelssohn als eine seiner besten Kirchenkompositionen eingeschätzt. Robert Schumann bewertete 1837 den 42. Psalm als „die höchste Stufe, die er [Mendelssohn] als Kirchenkomponist, ja die neuere Kirchenmusik überhaupt, erreicht hat“.

 

Aufbau und ...

Den herrlichen Text - es handelt sich um den ersten Psalm des zweiten Psalmenbuches in der Übersetzung Martin Luthers - vertont Mendelssohn fast vollständig. Es fehlen in seiner Komposition lediglich Vers 7b mit den inhaltlich unwichtigen geographischen Angaben sowie der Vers 11, der inhaltlich zum Teil auch wörtlich die Verse 10b und 4b aufgreift. Indem er diese im Psalmtext nur angedeuteten Textrückgriffe in seiner Komposition außer Acht lässt, vermag Mendelssohn eine wörtliche und gedanklich zentrale Textreprise umso deutlicher zu machen. Der zentrale Gedanke der Zuversicht und des Vertrauens auf Gott findet seine musikalische Entsprechung in einem mottohaften, einprägsamen Motiv (»Harre auf Gott«), das in Nr. 4 in einem kurzen homophonen Satz und in Nr. 7 in einer groß angelegten, prachtvollen und gewaltigen Fuge ausgeführt wird, die in ihrer melodischen und architektonischen Macht an ähnliche Sätze des großen Händel erinnert.

 

Der wunderbar weichgetönte Eingangschor verarbeitet das vom Chor-Alt vorgestellte Thema mit dem schönen poetischen Bild des Hirsches, der nach dem Wasser schreit und der Seele, die nach Gott verlangt, kontrapunktisch, mit homophon bekräftigenden Einwürfen und einem verinnerlichten A-cappella-Abschnitt am Schluss.

 

Das Sopransolo Nr. 2 ist gegliedert in ein Adagio-Arioso mit solistischer Oboe nach dem Vorbild der Arien Bachs, ein Accompagnato-Rezitativ (Nr. 3) und ein mitreißendes Allegro-assai-Arioso, in das die Frauenstimmen des Chores einfallen: Sehnsucht, Zweifel - und Streben nach dem »Hause Gottes« finden in dieser klug disponierten Satzfolge eine unmittelbar ergreifende und emotional nachvollziehbare musikalische Gestaltung.

 

Ein affirmativer Chor Nr. 4, der Elemente der Mehrchörigkeit aufnimmt, bildet den Mittelteil des Werkes. Er stellt - zunächst einstimmig und gleichsam psalmodisch in Tenören und Bässen - streng und knapp, in Frage und Antwort die Quintessenz des Psalms hin: Was betrübst du dich ... Harre auf Gott!«

 

Die attacca anschließende Nr. 5, ein kürzeres Sopran-Arioso mit rezitativischen Einschüben malt mit seiner instrumentalen Figuration die »Wasserwogen und Wellen«, die über den Psalmsänger hinwegtoben - ein Bild für seine Verlassenheit fern von Gott.

 

Einen starken Kontrast der Milde und Gottergebenheit bietet hierzu Nr. 6, ein Soloquartett mit Männerstimmen. In seiner weichen Liedhaftigkeit klingt es deutlich an Choralartiges an und erinnert an solche zarten Mendelssohn-Pretiosen wie das »Denn er hat seinen Engeln befohlen«. Über dem Soloquartett stimmt der Solosopran immer wieder seinen Klageruf der Gottferne an (vgl. Nr. 5), wobei - unaufdringlich, aber doch deutlich genug - im Orchester die Wogen-Motivik des vorangehenden Satzes aufgenommen wird.

 

Nach diesen fein gesponnenen gedanklichen und musikalischen Zusammenhängen der Mittelsätze wirkt die mit zwei homophonen Chorblöcken eingeleitete Schlussfuge, die wir schon oben rühmten, auf den Text »Preis sei dem Herrn«, die dem Psalmtext quasi als »Gloria Patri«, als kleine Doxologie, angefügt ist, umso machtvoller: als musikalischer Ausdruck unerschütterlicher Gotteszuversicht.

 

vollständiger Text

I. Coro

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu Dir.

 

II. Aria (Sopran)

Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?

 

III. Recitativo (Sopran und Frauenchor)

Meine Tränen sind meine Speise
Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt:
Wo ist nun dein Gott?
Wenn ich dess’ inne werde,
so schütte ich mein Herz aus bei mir selbst;

 

Aria con Coro (Sopran und Frauenchor)

denn ich wollte gerne hingehen
mit dem Haufen
und mit ihnen wallen zum Hause Gottes,
mit Frohlocken und Danken,
unter dem Haufen derer, die da feiern.

 

IV. Coro

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott!
Denn ich werde ihm noch danken,
dass er mir hilft mit seinem Angesicht.

 

V. Recitativo (Sopran)

Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir;
darum gedenke ich an dich!
Deine Fluten rauschen daher,
dass hier eine Tiefe und da eine Tiefe brausen;
alle deine Wasserwogen und Wellen
gehn über mich.
Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir!

 

VI. Quintetto (Sopran und Männerchor)

Der Herr hat des Tages verheißen seine Güte,
und des Nachts singe ich zu ihm
und bete zu dem Gotte meines Lebens.
Mein Gott! Betrübt ist meine Seele in mir,
warum hast Du meiner vergessen?
Warum muss ich so traurig geh’n,
wenn mein Feind mich drängt?
Mein Gott! Betrübt ist meine Seele in mir,
mein Gott.

 

VII. Schlusschor

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott!
Denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe
und mein Gott ist.
Preis sei dem Herrn, dem Gott Israels,
von nun an bis in Ewigkeit.

 

 

Besetzung:

Soli STTBB, Chor SATB, Orchester: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, Streicher und Orgel

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 24 Minuten.

 

Notenmaterial, Hörproben und Übungsdateien

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Thomas Kohlhase: Felix Mendelssohn Bartholdy: Nachwort zu „Der 42. Psalm“. CV 40.072/03, Carus-Verlag, Stuttgart, 1986 (Klavierauszug)

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Mendelssohn_op42.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 10.09.2017


 
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