Wo liegt heute Galiläa?

Suche nach Gott ist Suche nach den Menschen

Vielleicht klingen bei manchen von uns in diesen Tagen noch die Worte des Osterevangeliums in den Ohren oder im Herzen nach: „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa.“ Der tschechische Theologe Tomas Halik stellt im Anschluss an diese Worte und mit Blick auf diese seltsamen Zeiten der Pandemie eine Frage von besonderer geistliche Qualität: „Wo ist dieses Galiläa von heute, wo können wir dem lebendigen Christus begegnen?“

Allem Anschein nach wäre es zu einfach oder sogar falsch, ihn nur in den Kirchen zu suchen. Wie seltsam wäre das? Ein leeres Grab und nun ein Christus, der sich in die Kirche einsperren lässt. Das entspräche nicht seinem Stil. Hinter verschlossenen Türen zu bleiben. Nein, offensichtlich geht er tatsächlich voraus – wie damals, immer wieder, auf zu den Menschen.

Ist er also vielleicht in den Senioren- und Pflegeeinrichtungen, wo Menschen in diesen Tagen besonders unter der Isolation leiden, ihre Familien schmerzlich vermissen und sich mit verfinsterter Miene vor Ansteckung fürchten müssen?

Ist er gar auf den Friedhöfen und in den Friedhofskapellen unserer Städte, wo die Menschen unter besonderen Bedingungen – ohne den Trost einer großen Gemeinschaft – Abschied nehmen müssen? Wo auf körperliche Nähe verzichtet werden muss, die doch so wichtig wäre.

Ist er dort, wo Menschen nicht anders können als zu helfen, wo sie sich Lasten aufbürden und große Anstrengungen ertragen, damit Anderen geholfen werden kann?

Ist er womöglich in den Krisengebieten der Welt, wo die Folgen der Pandemie noch dramatischer über die Menschen kommen als hierzulande?

Oder ist er auf den Intensivstationen der Krankenhäuser, wo Ärzte, Pfleger und Angehörige, zuweilen auch Seelsorgerinnen und Seelsorger unter größtmöglichem Einsatz um menschliches Leben ringen?

Es lohnt sich, die Frage zu stellen. Die Fährte aufzunehmen und auf der Suche nach Gott also die Menschen zu finden. Schon ein vorsichtiger Blick auf manches, was sich in diesen besonderen Zeiten ereignet, lässt nämlich erahnen, dass viele Menschen wohl die Erfahrung der Jünger von Emmaus teilen. Es sähe auch übel aus, wenn an den genannten Orten nicht Herzen brennen würden!

Wie wäre es, wenn in der Osternacht alle verschlossenen Kirchentüren eine Aufschrift mit diesem Text erhalten: „Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden. Er geht Euch voraus.“

Suche nach Gott ist Suche nach den Menschen.

 

Tim Schlotmann, Pastoralassistent