Grußwort zu Palmsonntag und zur Heiligen Woche

von Tim Schlotmann, Pastoralassistent

Liebe Gemeinde!

Für meine 92-jährige Großtante ist das alles noch immer vollkommen unwirklich. „Dass nun sogar die Kirchen geschlossen werden und die Gottesdienste ausfallen, hat es noch nicht einmal in Kriegszeiten gegeben“, sagte sie am vergangenen Wochenende. Somit wäre also eine weitere Erkenntnis dieser alle betreffenden Krise ausgemacht: Man sollte niemals glauben, auch nicht im Alter von 92 Jahren, dass man schon alles erlebt habe.

Erkenntnisse wie diese sind gut und schön –aber sie sind nicht tröstlich. Tatsächlich lässt sich diesen bewegten Zeiten nur unter größter gedanklicher Anstrengung etwas Gutes abgewinnen. Sämtliche Versuche, die neugewonnene Zeit oder die Verlangsamung des gesellschaftlichen Treibens als Gewinn und als Vorteil zu schätzen, wirken allzu konstruiert. Die gewonnenen Vorteile können nicht abwiegen, was auf der anderen Seite verlorengeht, wenn unsere Kontakte beschränkt und unser Gesundheitssystem bis an seine Grenzen gefordert wird. Man sollte zurückhaltend sein mit Güterabwägungen, wenn Menschen schwer erkranken und an diesem neuartigen Virus sterben.

Alle Versuche, das Gute darin zu retten, entspringen wahrscheinlich einem bleibenden Bedürfnis nach Kontrolle. Ja, die Kontrolle über das Leben zu behalten, danach suchen wir. Gerade jetzt. Niemals die Kontrolle verlieren – wenn auch sonst alles wegbricht.

Mit der Sehnsucht nach der Kontrolle erkläre ich mir übrigens auch diesen unerwartet erbitterten Kampf um das Klopapier in den Supermärkten dieser Tage: Wenigstens im ganz privaten Bereich, hinter den verschlossenen Türen in meiner ohnehin verschlossenen Wohnung, möchte ich die Kontrolle wahren. Irgendwie sogar nachvollziehbar.

Zugleich hören wir ausgerechnet in diesen Tagen – leider ebenfalls zumeist hinter verschlossenen Türen – die Erzählungen des Leidensweges Jesu.

Sie erzählen vom schwerwiegendsten Kontrollverlust aller Tage, vom Abbruch aller Selbstbestimmtheit – ausgerechnet bei IHM, der das Leben in Fülle verheißen hatte. Manche seiner Begleiter möchten die Kontrolle nicht aus den Händen geben, aber es ist längst zu spät.

Und das ist und bleibt die Sinnspitze unseres Glaubens: dass Gott selbst sich aller Kontrolle entledigt, sich vollkommen hingibt, durch die tiefste Dunkelheit und Verlorenheit hindurchschreitet, alles verliert – um am Ende zu dem zu gelangen, was wir Ostern nennen. Und wenn wir noch so sehr unter Kontaktabbruch und Kontrollverlust leiden – Ostern wird immer sein.

Dieser Glaube hilft. Darauf können wir uns verlassen.

So bleibt der Gruß dieser Zeit: bleiben Sie gesund!

Ihr Tim Schlotmann, Pastoralassistent