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"Nur Arbeit war sein Leben"Als ich diese Worte zum ersten Mal 1976 auf einem Grabstein in Karl-Marx-Stadt las, dachte ich
spontan: Schade! Wenn es nichts außer Arbeit im Leben des hier begrabenen Menschen gab – wie
sah dann sein Leben aus?
Ein Beispiel: Mir geht noch ein kürzlicher Besuch im neuen Düsseldorfer Gefängnis nach. Hier
leben über 800 Gefangene. Durch modernste Technik wurde die Zahl der Bediensteten reduziert. Dies
und die Tatsache, dass immer mehr "schlichte Arbeit" in die Länder Ostasiens vergeben wird (wo
nicht selten Kinder diese Arbeit übernehmen müssen), haben dazu geführt, dass es für die Gefangenen
immer weniger zu arbeiten gibt. Damit fehlen ihnen Tagesstrukturierung, Anerkennung und nicht
zuletzt auch die Möglichkeit, sich ein wenig zu verdienen.
Ich selber arbeite gerne und habe immer gerne gearbeitet. Ich habe das Glück, den Beruf auszuüben, der mich ausfüllt – und das auch noch an einem Ort, an dem ich mich sehr wohl fühle. Das merke ich nicht zuletzt jedes Mal, wenn ich aus meinem Jahresurlaub zurückkomme. Vielleicht gerade deswegen macht mir allerdings zunehmend Sorgen, wie (nicht nur, aber vor allem durch die drastisch sinkenden Zahlen) auch der Priesterberuf sich immer mehr verändert und der Pfarrer sich vom Seelsorger zum Manager entwickelt. Außerdem spüre ich Grenzen: Mein Alter, meine Gesundheit, mein Unvermögen, Menschen in bestimmten Situationen helfen zu können, und so manch andere Grenze mehr.
Arbeit beinhaltet Segen und Fluch (wie schon das zweite Kapitel des ersten Buches der Bibel erzählt), Last und Lust, Anerkennung und Frust, Selbst- und Fremd-Wertschätzung (wie im 31. Kapitel des alttestamentlichen Buches der Sprüche: "Eine tüchtige Frau, wer findet sie? … Sie spürt den Erfolg ihrer Arbeit.") und das Gefühl von Versagen – und nicht zuletzt dient die Arbeit dazu, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Dass es in unserer Gesellschaft eine zunehmende Zahl von Menschen gibt, die genau das mit ihrem geringen Lohn kaum noch erreichen, ist ein zum Himmel schreiender Skandal! Wir brauchen Arbeit und wir brauchen Arbeitsplätze, die den arbeitenden Menschen gerecht werden. Wir brauchen aber auch arbeitsfreie Zeiten, Zeiten der Erholung, der Pflege von Familie,
Freundeskreisen, eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Darauf zielte nicht zuletzt der am 1. Mai 1956
begonnene Kampf der Gewerkschaften um die 5-Tage-Woche unter dem Leitwort: "Samstags gehört Vati
mir!"
Ihr und Euer Pastor Johannes Quirl |
In der Werkstätte der Caritas Wertarbeit wird der Pfarrbrief gedruckt - Arbeit für Menschen mit Handicaps