ERZBISTUM KÖLN     

Zu den Heiligen Severin, Joseph und Ursula, Hermülheim

Tradition und Moderne zu verbinden war selten eine leichte Aufgabe. Doch in St. Severin in Hürth-Hermülheim verschmelzen historische und moderne Kirchenarchitektur zu einer zweckmäßigen und ästhetisch ansprechenden Synthese – zu einer Verbindung, die Raum gibt zur Rückbesinnung auf die historischen Wurzeln und die Erfahrung des Glaubens in der Gegenwart.

Die Geschichte der katholischen Gemeinde Hermülheim reicht bis weit in die fränkische Zeit zurück. Die erste Kirche im Ort war eine Eigenkapelle eines fränkischen Grundherrn. Diese vermutlich in Holzbauweise errichtete Saalkirche mitsamt den dazugehörigen Rechten erwarb im Jahre 1256 der Deutsche Orden. Zwischen 1264 und 1292 wurde die alte fränkische Kapelle durch eine neue Kirche ersetzt, die im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut und ergänzt wurde. Rund 600 Jahre diente sie der Hermülheimer Gemeinde als Gotteshaus, bis sie im Jahre 1889 abgerissen wurde.

Schon in den 1860-er Jahren hatte sich die alte Kirche als zu klein für die stetig wachsende Gemeinde in Hermülheim erwiesen. Deshalb beauftragte die Gemeinde den späteren Straßburger Dombaumeister Franz Schmitz mit einem Neubau, der im Jahre 1888 fertig gestellt war. Die eher ungewöhnlich erscheinende neugotische Kirche war ein dreischiffiger Bau mit einer mächtigen sechseckigen Kuppel in der Mitte. Auch in vielen anderen Bauteilen und Formen, beispielsweise dem bis heute erhaltenen Turm, dominierte die Form des Sechseckes. Ihr gefälliges Äußeres erhielt das Bauwerk durch die Verklinkerung mit gelben Ziegeln.

Nachdem große Teile des Gotteshauses im Oktober 1944 durch Bomben stark zerstört worden waren, wurde es bis 1947 zunächst wieder hergestellt. Doch zu Beginn der 1960-er Jahre erschien eine großzügige Erweiterung unumgänglich. Die Gemeinde beauftragte deshalb den bekannten Kölner Architekten Karl Band mit dem Umbau und der Neugestaltung des Gotteshauses. Der erste Spatenstich erfolgte am 4. Januar 1965, und am 27. April 1968 konsekrierte Weihbischof Frotz die neue Kirche in Hermülheim.

Dem Architekten stellte sich bei der Neugestaltung die Aufgabe, neugotische und moderne Bauteile zusammen zu fügen. Dies ist ihm in beachtlicher Weise gelungen. Vollständig erhalten blieb zunächst der Turm mit dem giebel- und säulengerahmten Portal. Auch die Fassade der Nordseite vermittelt noch heute einen guten Eindruck des neugotischen Gebäudes, obwohl die mächtige sechseckige Vierungskuppel dem Umbau zum Opfer fiel; an ihrer Stelle befinden sich heute drei Blindfenster in der Fassade. Ebenfalls erhalten ist der Chor der durch mächtige Strebepfeiler und schlanke Spitzbogenfenster gegliedert ist. An der Südseite des Chores befindet sich der Übergang zur neuen Kirche, deren Wände ebenfalls mit gelbem Backstein verklinkert sind. Die Gliederung des südlichen, modernen Teils des Baukomplexes erinnert trotz der strengen geometrischen Formen an den historischen Ursprung des Bauwerks: Über einem flachen Seitenschiff erhebt sich das in vier Joche unterteilte Hauptschiff, dessen hoch liegende rechteckige Doppelfenster an den Obergaden romanischer und gotischer Kirchen erinnern.

Der Grundriss zeigt, dass Karl Band den kleinteilig gegliederten Bau aus dem 19. Jahrhundert in wesentlichen Teilen vereinfacht hat. Erhalten geblieben sind außer dem Turm noch drei Joche des ursprünglichen Mittel- und Seitenschiffes und der Chor. An diesen heute als Seitenschiff erscheinenden Teil des Bauwerks schließen sich im Süden ein hallenartiges Mittelschiff und ein weiteres Seitenschiff an. Im Südosten befinden sich schließlich die Räume der Sakristei.

Durch die Kombination von alten und neuen Bauteilen ergeben sich im Inneren des Gotteshauses einige bemerkenswerte Perspektiven und Durchblicke. Schwarze Säulen mit schönen Kapitellen und lichte Spitzbögen bilden den Übergang in einen selbstständigen Raum, der heute als Tauf- und Werktagskapelle dient. Die Taufzone ist durch eine Sitzbank und einem aus dreieckigen Platten zusammengesetzte Bodenornament hervorgehoben. Über der Taufzone überdecken noch die alten Kreuzrippengewölbe den Raum. Im Chor befinden sich ein einfacher Blockaltar für die Werktagsgottesdienste und eine Sakramentsstele mit bronzenem Tabernakel. Durch fünf in Rot, Blau und Weiß gehaltene Buntglasfenster strömt das Tageslicht in den Chor.

Nicht nur im Chor, sondern auch im Turm und im Seitenschiff des neugotischen Teils von St. Severin befinden sich eine Reihe sehenswerter Fenster. Diese zeigen christliche Symbole und sind Entwürfe des Kölner Künstlers Schmitz-Steinkrüger. Vom alten Teil der Kirche aus ergibt sich durch die Arkaden ein schöner Durchblick in die weitläufige moderne ›Halle‹ , die mit einer einfachen Balkendecke überdacht ist. Im Westen ist die Wand von zahlreichen schmalen bunten Fenstern durchbrochen, die sich zu einem auf der Spitze stehenden Dreieck zusammenfügen; die lodernden Flammen des ›Mosaiks‹ symbolisieren das Eindringen des Heiligen Geistes in den Raum. Im Süden schließt sich an das saalartige Hauptschiff ein niedriges Seitenschiff an. Anstelle der ursprünglichen sechseckigen Vierung befindet sich heute die Orgelempore, und die Altarzone wird von der südlichen Außenwand des alten Chores begrenzt. Den Übergang zwischen Chor und neuer Altarwand bildet ein schmales Fensterband, durch das Licht an der gekrümmten Wand entlang in die Altarzone fließt.

Das Zentrum der um zwei Stufen erhöhten Altarzone bildet der Blockaltar aus grün-grauem, geädertem Cipolino-Stein. Die vier rechteckigen Kassetten an seiner Schauseite sind mit Weinranken gefüllt und erinnern an das Wort Christi: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben«. Aus dem gleichen Stein ist auch der Ambo gefertigt, den ebenso wie die übrigen Ausstattungsstücke der Künstler Hein Gernot entwarf. Wesentlich älteren Datums als der moderne Altar ist die gotische Kreuzigungsgruppe: Sie dürfte zwischen 1450 und 1500 gefertigt worden sein und gehörte schon zur Ausstattung der alten Deutschordens Kirche. Die drei Figuren (Maria, Christus und Johannes) bestechen durch ihre expressive Gestik und Mimik und fügen sich dank ihrer zarten Farbgebung harmonisch in das Ensemble der Ausstattung ein. Ein weiteres wertvolles Kunstwerk ist die kleine Pietà, die in einer eigens für sie angefertigten Nische in der Stirnwand des südlichen Seitenschiffes ihre Heimat gefunden hat.

Die wertvolle Plastik wird dem Künstler Tilman von de Burch zugeschrieben, der sie um 1500 geschaffen hat. Auch dieses Kunstwerk ziert schon seit Jahrhunderten die Hermülheimer Gotteshäuser. Zur neugotischen Ausstattung hingegen gehört die Figur des Heiligen Severin von Köln, die im Jahre 1905 von Nikolaus Steinbach geschnitzt wurde. Der Patron der Hermülheimer Gemeinde trägt in seiner Rechten den Bischofsstab und hält in seiner Linken ein Modell der 1888 errichteten Kirche – einer Kirche, in der die Besinnung auf die historischen Wurzeln Kraft und Raum für die Gestaltung der Zukunft gibt.

Dr. Christian Frommert


Literatur:

Clemens Klug, Tausend Jahre St. Severin in Hermülheim. Band I: Von der Frühzeit bis Ende des 19. Jahrhunderts, Bornheim o. J. [1984].
Clemens Klug, Hürth – Kunstschätze und Denkmäler, Hürth 1978.

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