Apostel - Leuchter in St. Mariä Empfängnis

   

Seit 2004 hat unsere Kirche St. Mariä Empfängnis 12 Apostelleuchter: jeweils fünf im linken und rechten Seitenschiff, sowie zwei an den Säulen im Altarraum. Entworfen und angefertigt wurden die Apostelleuchter vom bekannten Kölner Künstler Matthias Heiermann (er schuf zuvor bereits die Ludgerfigur vorne links in der Kirche St. Ludger). Jeder Leuchter ist dabei einem bestimmten Apostel zugeordnet: darauf weisen die darunter angebrachten Bilder hin.

Wir möchten anhand dieser Bilder den jeweiligen Apostel vorstellen und die Bedeutung der einzelnen Symbole erklären.

1) HEILIGER PETRUS


Vorne rechts im Altarraum finden wir das Symbol des Heiligen Petrus, das umgekehrte Kreuz. Petrus, der Sprecher des Apostelkollegiums und später der 1. Bischof von Rom, hatte von Jesus eine besondere Aufgabe erhalten, die in folgenden Schriftstellen deutlich wird:

Mt 16,18f.: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Un-terwelt werden sie nicht überwältigen. Dir will ich die Schlüssel des Himmelreichs geben...“

Joh 21,15-17 mit dem dreimaligen „Weide meine Lämmer!“

Lk 22,31f.: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlösche. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.“

Das persönliche Bekenntnis von Simon Petrus war nicht nur in Worten von ihm gefordert, sondern auch im Einsatz seines Lebens. Schon die Apostelgeschichte berichtet von Verhören und Kerkerhaft (Apg 12). Historisch gesichert ist sein Martyrium von Rom unter Kaiser Nero (ca. 64 nach Christus). Hier erlitt er den Märtyrertod durch Kreuzigung. Über dem Petrusgrab ist später der Petersdom gebaut worden.

Dass er mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde, berichten die ‚Acta Petri cum Simone’, eine in Kleinasien um das Jahr 200 entstandene Erzählung. Demnach habe Petrus selbst diese Bitte geäußert: denn er sei nicht würdig, wie Jesus Christus zu sterben.

So erinnert der Apostelleuchter an das Lebenszeugnis des Petrus, der dreimal zu Jesus sagen durfte: „Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe“.

2) HEILIGER ANDREAS

Unter dem Apostelleuchter links im Altarraum ist das heute noch bekannte ‚Andreaskreuz’ abgebildet, das uns an allen ebenerdigen Bahnübergängen begegnet.
 

Andreas war der Bruder von Simon Petrus und lebte zunächst als Fischer am See Genesareth. Nach Joh 1,35-42 war er zunächst Jünger des Täufers Johannes, bis er dem Ruf Jesu „Komm und sieh“ folgte. Später traf er seinen Bruder Petrus und führte ihn mit den Worten „Wir haben den Messias gefunden“ zu Jesus. Nach der Geistsendung an Pfingsten missionierte Andreas in den Gegenden südlich des Schwarzen Meeres sowie in Griechenland und starb – so ein Rundschreiben der Priester von Achaia aus dem 4.Jahrhundert – am 30. November 60 in Patras (Westgriechenland) unter dem Statthalter Aeges den Tod am schrägen Kreuz, das seitdem Andreaskreuz genannt wird. Nachdem die Gebeine über Jahrhunderte in Rom aufbewahrt wurden, sind sie 1964 von Papst Paul VI. nach Patras zurückgebracht worden.

Vor allem in der Ostkirche wird Andreas sehr verehrt. Dass die Apostelleuchter von Petrus und Andreas gemeinsam vorne im Altarraum an der Säule angebracht sind, zeigt deren tragende Rolle für unsere Kirche – und auch die Notwendigkeit des brüderlichen Brückenschlags zu allen Christen, sowohl zu den orthodoxen Kirchen des Ostens wie zu den reformatorischen Gemeinschaften des Westens.

3) HEILIGER THOMAS

Der vorderste Apostelleuchter im linken Seitenschiff, in der Nähe des Michael-Altars, zeigt wieder ein Kreuz, diesmal auf einem Weg. Es steht für Thomas, genannt Didymus = Zwilling, so das Johannesevangelium. Hier kommt Thomas noch zwei weitere Male vor. Einmal im Kapitel 20, die bekannteste Thomas-Schriftstelle. Jesus erscheint am Abend des Ostertags den Aposteln als der Auferstandene, und als die Jünger das dem heimkehrenden Thomas erzählen, sagt dieser: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Acht Tage später dann erscheint Jesus den Aposteln noch einmal, wobei Thomas nun dabei ist und auf das Wort Jesu „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ mit dem Bekenntnis antwortet: „Mein Herr und mein Gott!“
 

Auf ein etwas weniger bekanntes Thomas-Wort bezieht sich das Bild unter dem Apostelleuchter: Als Jesus in seinen Abschiedsreden davon spricht, dass er zu seinem Vater gehen wird und dort einen Platz für uns vorbereiten wird, da sagt er seinen Jüngern: „Und wohin ich gehe, den Weg dorthin kennt ihr.“ Thomas kontert: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, wie sollen wir dann den Weg kennen?“ Und Jesus gibt zur Antwort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,1-6). Die Nachfrage des Thomas führt zur Selbstaussage Jesu. Er selbst ist der Weg, auf dem wir unterwegs sind, manchmal ein Kreuzweg, aber niemals eine Sackgasse! Das will dieses Bild zum Ausdruck bringen.

Der Überlieferung nach ist übrigens Thomas selbst später den weitesten Weg aller Apostel gegangen. Seine Mission ging bis nach Indien, wo er das Martyrium erlitt und bis heute von den indischen Christen sehr verehrt wird.

Wenden wir uns nun drei Apostelleuchtern und ihren Symbolen an der linken Seitenwand unserer Kirche zu.

4) HEILIGER SIMON

Neben dem galiläischen Fischer Simon, den Jesus mit seinem Bruder Andreas am See Genesareth berufen hat und der dann von ihm den Namen Petrus – der Fels – bekommen hat, gibt es einen zweiten Apostel, der diesen Namen trägt: Simon Kananäus (so das Markus- und das Matthäusevangelium) bzw. Simon, der Zelot (so das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte).
 

Die Zeloten (griechisch) bzw. Kananäer (aramäisch) waren eine religiöse Partei zur Zeit Jesu, die sich eine Revolution mit Waffengewalt auf ihre Fahnen geschrieben hatten, um das Volk Israel von der Herrschaft der Römer zu befreien. Simon jedoch verlässt die Zeloten – die auch Eiferer genannt werden – und schließt sich Jesus und seiner Friedensbotschaft an. Über sein Wirken als Apostel ist nichts historisch Sicheres überliefert: vermutlich hat er in der jüdischen Diaspora missioniert. Das Martyrium erlitt er der Überlieferung nach in Persien, möglicherweise gemeinsam mit dem Apostel Judas Thaddäus. Beide Apostel teilen sich auch den Festtag: den 28. Oktober (an dem – wie bei jedem Apostel- und Hochfest - unsere Apostelleuchter angezündet werden).

Als Symbol für Simon auf dem Bild unter dem Apostelleuchter hat unser Künstler Matthias Heiermann das niedergelegte Schwert: gewählt: Simon, der Zelot, bereit für einen Bürgerkrieg zur Durchsetzung seiner Ziele, verzichtet auf seine Waffe, um die Botschaft vom Kreuz und der Auferstehung auf friedliche Weise zu verkünden!

5) HEILIGER JACOBUS, DER JÜNGERE

Jacobus, der Jüngere, war der Sohn des Alphäus und wird als solcher in den Apostellisten erwähnt. Diese Listen zeigen, dass die Jünger, die Jesus am Beginn seines öffentlichen Wirkens auserwählt hat und die später seine Begleiter wurden, die gleichen sind, die als Zeugen seiner Auferstehung den Heiligen Geist empfangen. Der Beiname „Der Jüngere“ (man könnte auch sagen: „Der Kleine, der Geringe“) bedeutet, dass der Zebedäussohn Jacobus als „der Ältere“ wohl zuerst berufen wurde und teilweise zu den besonderen Vertrauten Jesu zählte (z.B. bei der Verklärung oder beim Gebet im Garten Gethsemane vor der Festnahme Jesu). Ob Jacobus, der Jüngere, mit dem Herrenbruder Jacobus identisch ist, können wir heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen: der Hl. Hieronymus hat sie jedenfalls gleichgesetzt. Dieser Herrenbruder wurde nach der notwendig gewordenen Flucht des Petrus aus Jerusalem das Haupt der dortigen Urgemeinde. Er hatte ein großes Ansehen in der ganzen Stadt, und beim Apostelkonzil in Jerusalem (Apg 15) spielte er eine führende Rolle. Ihm gelang es durch seinen Einfluss, eine große Zahl von Juden, auch aus den Reihen der Pharisäer, für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen.
 

Ostern 62 lässt der Hohepriester Ananos den Herrenbruder Jakobus steinigen. Möglicherweise geht auch der Jakobusbrief auf ihn zurück.

Beide Apostel, die den Namen Jacobus tragen, sind in jener Stadt getötet worden, in der sie ihre intensivsten Glaubenserfahrungen gemacht haben: in Jerusalem. Hier haben sie den Einzug Jesu erlebt, die Reinigung des Tempels, die Gefangennahme und Passion, die Verzweiflung nach dem Tod Jesu, die alles verändernde Erfahrung des Auferstandenen, seine Himmelfahrt und die Sendung des Heiligen Geistes. Das „Jerusalemer Kreuz“ - ein großes Kreuz, in dem vier kleine Kreuze zu sehen sind (Zeichen für die fünf Wunden Jesu) - unter dem Leuchter Jacobus, des Jüngeren, erinnert an die Beziehung zu dieser Stadt. Die Offenbarung des Johannes wird am Ende von jenem himmlischen Jerusalem sprechen, der heiligen Stadt, die von Gott her aus dem Himmel herabkommt (vgl. Offb. 21,2). Und es heißt dann: Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes (Offb 21,14). – Der Gedenktag von Jacobus, dem Jüngeren, ist, gemeinsam mit Philippus, am 3.Mai.

6) HEILIGER BARTHOLOMÄUS

Links benachbart vom Apostelleuchter des Jacobus finden wir eine zunächst ungewöhnliche Darstellung: Zu sehen ist ein Kreuz, neben dem ein Baum steht.
 

Dieser Baum macht aufmerksam auf die Berufungsgeschichte des Bartholomäus, der identisch ist mit Natanael aus Kana in Galiäa (Joh 21,2). Im 1.Kapitel des Johannesevangeliums (V. 45ff.) heißt es: „Philippus traf Natanael und sagte zu ihm: Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazaret, den Sohn Josefs. Da sagte Natanael: Aus Nazaret? Kann denn von dort etwas Gutes kommen? Philippus antwortete: Komm und sieh! Jesus sah Natanael auf sich zukommen und sagte über ihn: Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit. Natanael fragte ihn: Woher kennst du mich? Jesus antwortete ihm: Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen. Natanael antwortete: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!“

Dass Jesus dem Natanael bzw. Bartholomäus zusagte, er habe ihn unter dem Feigenbaum gesehen, lässt ihn zum Glauben kommen – und er legt ein frühes Bekenntnis zu Jesus Christus ab. Es ist nicht bei einem Bekenntnis mit Worten geblieben: Nach der Auferstehung Christi zog Bartholomäus als Wanderprediger durch Armenien und Mesopotamien und wurde schließlich – so die Überlieferung – zur sogenannten Persischen Todesstrafe verurteilt: Bei lebendigem Leib zog man ihm die Haut vom Körper ab (in Kunstwerken oft sehr drastisch dargestellt); anschließend kreuzigte man ihn. Die Gebeine werden seit über 1000 Jahren in der Kirche St. Bartolomeo auf der Tiberinsel in Rom verehrt. Im liturgischen Kalender gedenkt die Kirche dieses Apostels am 24. August.

Die Darstellung des Baumes erinnert an Zachäus („Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“) und an die Bedeutung des Kreuzesbaumes, die eine unserer Präfationen so auf den Punkt bringt: Vom Baum des Paradieses kam der Tod, vom Baum des Kreuzes erstand das Leben. Bartholomäus ist über den Feigenbaum zum Kreuzesbaum gekommen: und dieser ist – trotz der äußeren Grausamkeit – für ihn zum Lebensbaum geworden.

7) HEILIGER JAKOBUS, DER ÄLTERE

Ganz vorne rechts im Seitenschiff, am Sakristeieingang, erinnert der Apostelleuchter mit dem Bild des Kreuzes, des Wanderstabs und der Pilgermuschel an den Heiligen Jakobus. Er ist mit Johannes einer der beiden Söhne des Fischers Zebedäus, die wegen ihres stürmischen Eifers auch ‚Donnersöhne’ (Mk 3,17) genannt werden. Er hat das Privileg, gemeinsam mit seinem Bruder und mit Petrus Jesus bei seiner Verklärung auf dem Berg Tabor erleben zu dürfen. Ebenso war er im Garten Getsemane mit dabei, wobei auch ihm Jesus, nachdem sie alle eingeschlafen waren, sagen musste: „Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen? Als erster der 12 Apostel starb Jakobus durch Herodes Agrippa I. – wohl um das Jahr 44 – den Martertod durch das Schwert (Apg 12,2). Klemens von Alexandrien berichtet, es habe sich dabei sein Henker bekehrt und dieser sei dann mit ihm zusammen getötet worden. An der mutmaßlichen Stelle seines Martyriums wurde später die Jakobuskirche in Jeru salem erbaut.
Wie kommt es nun zu der Verehrung dieses heiligen Apostels im nordwestspanischen Santiago de Compostela? Da gibt es zum einen seit dem 7. Jhd. die Legende, Jakobus habe in Spanien gepredigt und sei dort gestorben und begraben worden – was nicht haltbar ist, da sein Martyrium bereits von der Apostelgeschichte bezeugt ist. Zum anderen gibt es die Überlieferung, dass die Gebeine des Apostels um das Jahr 70 n.Chr. zum Sinai gebracht wurden, von wo sie dann im 8.Jh. vor den Sarazenen nach Spanien gerettet worden seien. Am 25.Juli – dem Festtag des Hl. Jakobus – im Jahr 816 wurden die Gebeine dann feierlich beigesetzt und es entwickelte sich der Wallfahrtsort Santiago de Compostela (Santiago = St. Jakob; Compostela = campus stellae: denn nach der Legende sind die Gebeine in Vergessenheit geraten, bis sie durch ein wunderbares Sternenlicht auf dem Feld wieder aufgefunden wurden). Die Wallfahrt zum Hl. Jakobus hat im Mittelalter unzählige Menschen bewegt und in den letzten Jahren ist diese Wallfahrt wieder stark aufgeblüht. Die Pilgermuschel und der Pilgerstab sind seit dem 12. Jahrhundert die Hauptattribute dieses Apostels: Sie erinnern daran, dass unser ganzes Leben eine Pilgerreise mit Höhen und Tiefen, mit Zeiten der Gemeinschaft und der Einsamkeit, mit schönen und extrem mühsamen Erfahrungen ist. Und wenn wir bei jedem Einzug in den Gottesdienst am Apostelleuchter des Hl. Jakobus vorbeiziehen, so wird es auch zum Sinnbild dafür, das all unsere Wege bei Gott – und ganz konkret auch in der Feier der Eucharistie – zur Sprache kommen dürfen und unser Leben bei ihm zum Ziel findet. 

8) HEILIGER MATTHIAS

Auch der Hl. Matthias – die Darstellung auf dem Apostelleuchter rechts neben Jakobus – steht mit dem Lebenssymbol des Weges in engem Zusammenhang, pilgern doch zahlreiche Menschen aus unserer Umgebung an sein Grab, denn er ist der einzige Apostel, dessen Grab nördlich der Alpen, nämlich in Trier, verehrt wird. Der Name Matthias bedeutet „Geschenk Jahwes“, und er war der Apostel, der für den Verräter Judas Iskariot nach dessen Tod nachrückte, um die (heilige) Zahl 12 im Apostelkollegium wieder zu erreichen – analog zu den alttestamentlichen 12 Stämmen Israels. Sozusagen im 1. Konklave der Kirchengeschichte wurde er von den übrigen 11 Aposteln, nach dem Gebet um die richtige Entscheidung im Heiligen Geist, durch Los in das Apostelkollegium hineingewählt (vgl. Apg 1,15-26). Matthias wirkte nach der Überlieferung zuerst in Judäa und später in Äthiopien. Das Kreuz – als Symbol der Christusnachfolge bei allen Aposteln zu sehen – wird hier ergänzt durch das Beil; denn Matthias (der auch Namenspatron des Künstlers Heiermann ist) wurde um das Jahr 63 zunächst durch eine Steinigung schwer verletzt und dann mit dem Beil erschlagen. Im Auftrag der Kaiserin Helena wurden im 4.Jh. seine Gebeine durch Bischof Agritius nach Trier gebracht, wo sie in der Benediktinerabtei St. Matthias bis heute verehrt werden. Viele ältere Priester unseres Bistums wurden am Matthiastag – dem 24. Febraur – im Kölner Dom geweiht; später wählte man für die Weihen eher die wärmere Jahreszeit. Seit 1992 sind die Priesterweihen im Erzbistum Köln immer am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu, gut eine Woche nach Fronleichnam.

9) HEILIGER PHILIPPUS

Philippus wird – über die mehrfach erwähnten Auflistungen aller Apostel hinaus – in der Heiligen Schrift an vier Stellen individuell genannt, und zwar immer im Johannesevangelium. Zunächst ist Philippus bei Johannes, dem Täufer, am Jordan zu finden. Er stammte aus Betsaida, dem Heimatort des Andreas und des Petrus. Von Jesus wird er berufen mit den Worten: „Folge mir nach!“ Er führt dann den Natanael (Bartholomäus) zu Jesus, indem er zu ihm sagt: „Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben“ (vgl. Joh 1,43-46). Vor der Brotvermehrung überlegt Philippus, ganz praktisch denkend: „Brot für 200 Denare reicht nicht aus.“ Dann verschafft er Griechen einen Zugang zu Jesus, die ihn gebeten hatten: „Wir möchten Jesus sehen.“ Und beim Gespräch Jesu über seinen Weg zum Vater bittet Philippus: „Herr, zeige uns den Vater, das genügt uns.“ Jesus erwidert ihm: „Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,8). Über dem Kreuz ist eine Hand zu sehen: die beschützende, gütige Hand des himmlischen Vaters, die in Jesus Christus konkret erfahrbar wurde.

10) HEILIGER JOHANNES

Unter allen Jüngern des Herrn nimmt Johannes, Sohn des Zebedäus und Bruder des Jakobus, einen einzigarti-gen Rang im Kreis der Apostel ein. Die Tiefe des theologischen Denkens und Empfindens ist herausragend – und so ist er unbestritten, wie es Künstler immer wieder ins Bild gebracht haben, der „Adler“ unter den Evangelisten, an dessen Namen sich der geistige Höhenfluss des gewaltigsten aller Evangelien knüpft. Diesen Johannes meint das vierte Evangelium, wenn es wiederholt von dem „Jünger, den Jesus liebte“ spricht: eine Bezeichnung, die wir im ganzen Neuen Testament von keinem anderen Jünger Jesu lesen.
 

Mit Petrus und seinem Bruder Jakobus gehörte Johannes zum engsten Kreis der vertrauten Jünger, die Jesus bei besonderen Gelegenheiten – wie der Erweckung der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus, der Verklärung sowie beim Gebet im Garten Gethsemane mitnahm. Dabei war er ein durchaus kantiger Mann: Jesus nannte ihn und seinen Bruder Jakobus die „Donnersöhne“ (Mk 3,17), offenbar wegen ihres ungestümen Temperaments. Und dass sich die beiden besondere Ehrenplätze im Himmelreich sichern wollten, zeugt von Ehrgeiz und einem Konkurrenzdenken gegenüber den anderen. Doch als Jesus festgenommen wurde, war Johannes der einzige Apostel, der vor seiner Passion nicht weggelaufen war, sondern mit Maria unter dem Kreuz stand. (Nach der Neugestaltung unserer Friedhofskapelle im Herbst wird deshalb das Kreuz mit Maria und Johannes ab dem 1. November dort zu sehen sein: denn so schwer das Mit-Leiden und Trauern ist, so brauchen wir doch, wie Johannes zeigt, nicht davor wegzulaufen). Dies ist auch das Symbol unter dem Apostelleuchter: Johannes steht mit einer weiteren Gestalt – Maria, vielleicht aber auch wir selbst?! – unter dem Kreuz. Das Zeichen unfassbaren Leids wird zum Zeichen einer unfassbaren Liebe! Aus dem Leiden erwächst die Leidenschaft zur Nachfolge!

Nach Ostern wird Johannes mit Petrus zum ersten apostolischen Zeugen des leeren Grabs (allerdings erst nach Maria Magdalena und den sie begleitenden Frauen), von dem es schlicht heißt: „Er sah und glaubte“: Und als Jesus seinen Jüngern am See Genesareth erschien, erkannte ihn Johannes als ersten und rief aus: „Es ist der Herr!“ (Dieser Satz aus Joh 21,8 ist auch mein Primizwort).

Nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte haben nach Pfingsten Petrus und Johannes gemeinsam gewirkt: offensichtlich waren beide freundschaftlich miteinander verbunden. Die altkirchliche Tradition verweist auf ein späteres Wirken des Johannes in Ephesus. Unter Kaiser Domitian (81 – 96) wird er auf die Insel Patmos verbannt, wo er die Offenbarung (Apokalypse) schrieb. Gestorben ist er im hohen Alter – und er ist der Tradition nach der einzige Apostel, der nicht als Blutzeuge um des Glaubens willen umgebracht wurde.

Der Apostelleuchter befindet sich übrigens unmittelbar neben dem Beichtstuhl, fasst doch gerade Johannes in seinem Evangelium die Sendung der Apostel und ihrer Nachfolger am Osterabend zusammen mit den Worten: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. Wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22f.).

11) HEILIGER MATTHÄUS

Der Apostel und Evangelist Matthäus ist in den neutestamentlichen Apostellisten bezeugt. Als „Zöllner“ (Mt 10,3) und als „Levi, der Sohn des Alphäus“ (Mk 2,14) wird er bezeichnet. Wir wissen aus dem Matthäusevangelium, dass Jesus ihn von seiner Zollstation wegberuft und er anschließend ein Gastmahl ausrichtet, zu dem viele Zöllner und Sünder kamen. Weder der Ort seines späteren Wirkens noch die Art und Weise des Martyriums sind eindeutig sicher überliefert: jedoch verehren ihn die lateinische wie die griechische Kirche von Alters her als Märtyrer.
 

Schon 130 n.Chr. ist Matthäus als Verfasser des 1. Evangeliums bezeugt. Papias von Hierapolis schreibt in dieser Zeit: „Matthäus hat in hebräischer Sprache die Logia (Reden und Aussprüche Jesu) zusammengeordnet, übersetzt hat sie ein jeder, so gut er konnte.“ Die Erforschung durch Bibelwissenschaftler hat gezeigt, dass der Prozess der Entstehung dieses längsten Evangelientextes vielschichtig war in der Aufnahme sowie Bearbeitung von Quellen und Traditionen, Gebetstexten, Worten Jesu und mündlicher Gemeindeüberlieferung. Dennoch wird Matthäus als Augen- und Ohrenzeuge Jesu in diesem Entstehungsprozess eine zentrale Rolle gespielt haben. Übrigens stehen wir derzeit wieder, bis zum Ende des Kirchenjahres (Christkönigssonntag Ende November), im ‚Matthäusjahr’ und hören an jedem Sonntag einen Abschnitt aus diesem Evangelium.

Das Symbol bei Matthäus ist – wie man an der Gestalt mit den Flügeln erkennen kann – ein Engel. So haben ihn Künstler im Laufe der Geschichte oft dargestellt, weil in seinem Evangelium immer wieder von Engeln die Rede ist: bei der Verkündigung Marias, in den Träumen des Joseph und der Weisen aus dem Morgenland und nicht zuletzt am leeren Grab Jesu am Ostermorgen. Es ist gut, dass in den letzten Jahren die Bedeutung der Engel, die so unzweifelhaft biblisch bezeugt sind, wieder mehr in das Bewusstsein vieler Menschen getreten ist. Wir dürfen im Blick auf die Matthäusdarstellung dankbar sein, dass Gott uns sichtbare Zeugen (die Apostel) und unsichtbare Begleiter (die Engel) an die Seite gestellt hat. Zudem hat der Apostelleuchter seinen Platz neben der Taufkapelle und erinnert damit an den Abschluss des Matthäusevangeliums: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes... Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,19f.).

12) HEILIGER JUDAS THADDÄUS

Kaum etwas ist über das Leben dieses Apostels bekannt. Die Apostellisten des Evangelisten Lukas nennen ihn den „Sohn des Jakobus“, Matthäus und Markus bezeichnen ihn als „Thaddäus“ – vom hebräischen ‚taddai’ = der Mutige. Origines verbindet Anfang des 3. Jahrhunderts bereits beide Namen zu „Judas Thaddäus“. Nur ein Satz ist von ihm in der Bibel überliefert. In den Abschiedsreden Jesu fragt er: „Herr, wie kommt es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?“ (Joh 14,22).
 

Nach der späteren Überlieferung ging Judas Thaddäus gemeinsam mit seinem Mitapostel Simon, dem Zeloten, nach Persien, wo er durch aufgebrachte Mithraspriester gemartert wurde. Er soll dort mit einer Keule erschlagen worden sein. Seine Gebeine werden im Petersdom in Rom verehrt.

Judas Thaddäus war ein lange fast vergessener Apostel. Nur wenige Kirchen sind ihm – weltweit – geweiht worden. Ob es an der Namensgleichheit mit dem Verräter Judas lag? Die Verehrung setzte verstärkt erst im 18. Jahrhundert ein: Nun erflehte man vielerorts seine Hilfe in verzweifelten Situationen und scheinbar aussichtslosen Lagen.

Symbolischen Ausdruck findet diese oft unscheinbare persönliche Ausweglosigkeit an unserem Apostelleuchter (linkes Seitenschiff hinten) im Bild des Labyrinths, wo es auch keinen Weg zum Ziel zu geben scheint, wo Rückschläge, Umwege und Sackgassen drohen. Aber so wie in der griechischen Minotaurus-Sage Theseus durch den roten Faden der Ariadne aus dem Labyrinth von Kreta wieder herausgefunden hat, so weist das Kreuz als der rote Faden unseres Glaubens auf die machtvolle Hilfe Gottes hin, der seinen Sohn in die Verstrickungen und Verwerfungen unserer Welt gesandt hat, um ihr den Ausweg in das Leben zu zeigen.


Pastor Christoph Bersch

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