Stationen ab 18:50 Uhr

Abschlussmesse im Dom mit Weihbischof Rolf Steinhäuser um 22:15 Uhr

 

 

Einladung zum Schweigegang

Liebe Männer von Köln,
Christen in vielen Ländern Europas und weltweit gedenken in diesem Jahr der Reformation vor 500 Jahren. Für den Schweigegang haben die Verantwortlichen deshalb eine Bitte aus den Abschiedsreden Jesu gewählt, wie sie der Evangelist Johannes überliefert hat: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin“ (Joh 17,21). Es ist eine Bitte, von der die Exegeten vermuten, dass sie schon zur Abfassungszeit des Johannesevangeliums (Ca. um 100 n. Chr.) die Sorge um die Einheit der Gemeinden wiederspiegelt. Ebenso sprechen schon früher Apostelgeschichte und Briefe des Heiligen Paulus Parteiungen und Konflikte in den Gemeinden der jungen Kirche offen an. Das Problem, wie so unterschiedlich geprägte Menschen im Glauben an Jesus Christus eine Einheit finden sollen, ist also nicht erst seit Martin Luther aktuell, sondern begleitet Christen von Anfang an.

 

„Alle sollen eins sein“, das bedeutet, dass es nicht nur um die zeitgenössischen Mitchristen von heute geht. Die Bitte Jesu hat eine zeitliche und eine räumliche Dimension im Blick. Es geht um den gemeinsamen Glauben von den ersten Jüngern bis zu uns herauf in das 21. Jahrhundert. Licht- und Schattenseiten gehören dazu. Und es sollte uns immer bewusster werden, dass wir zu unserer Kirche gehören, die ihre Arme und Herzen öffnet für Menschen aus allen Kontinenten und Kulturen. Ich finde es einen Segen für die Kirche, dass es einen Papst aus Argentinien gibt und z.B. einen Jesuitenprovinzial aus Venezuela. Und es sollte selbstverständlich sein, dass wir später einmal uns ebenso über Päpste aus Afrika oder Asien freuen. Unsere Kirche beginnt langsam zu realisieren, dass das Reich Gottes weder eine deutsche oder europäische Angelegenheit ist, sondern eine menschheitsumfassende Wirklichkeit sein will.


„Alle sollen eins sein“, das könnte jetzt nach einem Arbeitsauftrag für uns aussehen. Aber diese Einheit – und darin sind sich alle Schriften des Neuen Testamentes einig – wird nicht von uns gemacht werden können. Wir müssen aber auch nicht warten wie Kinder auf das Christkind am Heiligen Abend. Die Einheit, die uns Glaubende zusammenführt und zusammenhält ist uns bereits gegeben: Jesus sagt: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein.“ (Joh 17,21). Vorbild für unsere Einheit ist demnach die Einheit, aber auch Unterschiedlichkeit des Vaters mit dem Sohn und dem Heiligen Geist. So sehr wir auch nach dem suchen sollen, was Christen unter- und miteinander verbindet. So schmerzlich es ist, dass es Konflikte und Spaltungen gegeben hat, die nicht so ohne weiteres von heute auf morgen ausgelöscht werden können, weil sie sich kulturell und biografisch tief eingegraben haben in die Lebenswelten und Seelen der Menschen. So notwendiger wird es sein, sich diesem unbegreiflichen Gott, diesem Idealbild von Einheit und Liebe in Verschiedenheit anzuvertrauen und sich von ihm her spirituelle Impulse schenken zu lassen für konkrete Schritte auf unserem gemeinsamen ökumenischen Weg. Nicht der Blick zurück bringt uns voran, sondern der Blick auf Jesus Christus.
Die Einheit der Christen wird immer zu erhoffende bleiben. Sie ist keine feste Größe, die man haben und verwalten kann. Wir sind immer unterwegs zu ihr und können umso mehr Verschiedenheit annehmen als wir selbst in der Einheit von Vater und Sohn zu Hause sind. In unserem Schweigegang können wir das auch erfahren.


Ihr
Werner Holter SJ
Stadt-Männerseelsorger