ERZBISTUM KÖLN  TagesLiturgie     

Klais-Orgel Opus 356, III/55, 1907/1908

Die erste Orgel in der Stiftskirche

Nachdem Johannes Klais (1852-1925), der Gründer der Orgelbauanstalt Klais in Bonn, bereits 1906 einen Plan zum Neubau einer vermutlich zweimanualigen Orgel vorgelegt hatte (MV 287), reichte er im März 1907 den Kostenanschlag für ein dreimanualiges Instrument ein.

 

Ohne Motor und Gehäuse sollte das Werk 23.600 Mark kosten, das Gehäuse nach den Zeichnungen von Ludwig Becker, Mainz wurde mit 5.210 Mark veranschlagt und für den elektrischen Ventilator zusätzlich 1.650 Mark berechnet, so dass die Gesamtsumme 30.460 Mark betrug. Für die alte Orgel wollte Klais eine Vergütung von 460 Mark gewähren. [...]

 

Am 18. Mai 1907 erteilte das Generalvikariat in Köln die Genehmigung zum Bau der Orgel nach dem Kostenanschlag vom 7. März 1907. Am 10. Juni 1907 wurde der Orgelbauvertrag geschlossen. Zwischen November 1907 und 20. November 1908 wurde die erste Orgel der Stiftskirche mit der Opuszahl 356, MV 322 erbaut und hatte 55 Register verteilt auf drei Manualen. 

 

Die Disposition der Klais-Orgel, Opus 356, MV 322 von 1908: 

I. Manual C-g3   

Hauptwerk

II. Manual C-g3       

Positiv

III. Manual C-g3    

Schwellwerk

Pedal C-f1

 

Koppeln/

Spielhilfen

Principal 16’ Viola 16’ Stillgedackt 16’ Principalbaß 16’ Norm-Koppel
Bordun 16’ Hornprincipal 8’ Geigenprincipal 8’ Violon 16’ Sub II-I
Principal 8’ Rohrflöte 8’ Bordunalflöte 8’ Salicet 16’ Sub III-II
Flauto major 8’ Flauto amabile 8’ Aeoline 8’ Subbaß 16’ Sup I
Gedeckt 8’ Quintatön 8’ Vox coelestis 8’ Gedacktbaß 16’ Sup III-I
Viola di Gamba 8’ Salicional 8’ Flauto-traverso 4’ Quintbaß 10 2/3’ Sup Ped
Gemshorn 8’ Fugara 4’ Violino 4’ Octave 8’ Mel I-II
Dolce 8’ Spitzflöte 4’ Flötine 2’ Violoncello 8’ PP, P
Octave 4’ Sesqui. 2 2/3’+2' Harmonika-aeth. 3-4f Baßflöte 8’ MF, F, FF, T
Hohlflöte 4’ Flauto piccolo 2’ Klarinette 8’ Superoctave 4’ Principalchor
Quinte 2 2/3’ Mixtur 4f Seraphische Flöte 8’ Bombarde 32’ Gambenchor
Superoctave 2’ Solotrompete 8’ Seraphische Gamba 8’ Posaune 16’ Flötenchor
Cornett 3-5f Oboe 8’ Tuba mirabilis 8’ Tromba 8’ Rohrwerkchor
Cymbale 5f       Ped-Mod.
Clairon 4’       W, Z ab
Posaune 8’       HD ab, Kop ab
        1 fr. Komb.

 

 

Die Revision durch Carl Cohen, Köln, Wilhelm Stockhaus, Trier, August Wiltberger (1850-1928), Brühl  und Felix Krakamp (1861-1937), Bonn fand am 21. Dezember 1908 statt:

 

»Bestimmend für den Grundriß und Aufbau des Werkes war das in der Giebelmauer befindliche prachtvolle Fenster, das aus architektonischen und ästhetischen Rücksichten frei bleiben mußte. Dadurch war eine zweiteilige Anlage gefordert. Die in gotischem Stile mit reichen Bildhauerarbeiten schmuckvoll ausgestatteten und durch symmetrisch gegliederte Pfeifenfelder belebten Fassaden des hochaufstrebenden Doppelgehäuses wirken sehr dekorativ. [...]

Die Gruppierung der Register ist nach zielbewußten Gesichtspunkten geschehen. Jedes Manual stellt ein musterhaft disponiertes, einheitliches Ensemblespiel dar. [...] Bei der Auswahl der gemischten und schärfenden Register ist die richtige Linie und das passende Maß eingehalten worden. Auch ist der Chor der Zungenstimmen gut und wirksam vertreten.

Die Registratur für die klingenden Stimmen und Koppeln ist vierfach angelegt, und zwar liegen die Manubrien für die Manualstimmen und Koppeln in vier parallel laufenden Reihen hinter dem 3. Klavier. Die Manubrien haben verschiedene Gestalt: Bei Registratur I rot gefärbte Druckknöpfe, bei Registratur II aufrecht stehende Tastenwippen, bei Registratur III kleine Züge und bei Registratur IV kleine Hebelchen. Die II. Registratur führt die Namenreihe der Register und Koppeln; die Registratur II und IV individualisieren die Stimmen durch Nummern. Das Hauptpedal liegt links und rechts neben der untersten Klaviatur. Als Baß zum II. und III. Manual dient eine Anzahl Register, die dem Hauptpedal entnommen und für welche eigene Manubrien angebracht sind; auch diese können in vierfacher Weise registriert werden. Der Wechsel zwischen den Registraturen wird vollzogen durch gegenseitig sich auslösende Druckknöpfe oder durch entsprechende Pedaltritte. [...] Für das Tutti ist noch ein Pedaltritt vorhanden.

An Registerhilfen sind ferner die Manubrien für die Auslösung der Zungenstimmen, der Koppeln, der Hochdruck-Register und der Melodiekoppel zu erwähnen. Auch hierfür dienen gleichzeitig Pedaltritte. Ein kleiner Schieber in der Zierleiste des III. Manuals ist als Baßaccent bezeichnet, der bewirkt, daß einzelne Pedalstimmen in diesem Manual mitsprechen; dadurch kann die Pedalstimme mit der linken Hand gespielt werden. Zur schnellen Regulierung der Baßstärke beim wechselnden Gebrauch der Manuale dienen die drei Druckknöpfe bzw. die drei Tritte Pedal I, Pedal II, Pedal III. Dahin gehört auch noch ein sogenannter Pedalmoderator in Form eines Schiebers, durch den verschiedene Stärkegrade des Pedals sich einstellen lassen. [...].

Für die Plazierung des Gebläses und der zugehörigen Teile wurde der Kirchenspeicher benutzt. Es besteht aus zwei Magazinbälgen, die zweckentsprechend belastet sind. Der eine Balg erzeugt einen normalen Druck von ungefähr 100 mm, im zweiten Balg, der die Luft für die Hochdruckstimmen liefern muß, ist die Luft auf 300 mm komprimiert. Das Hauptmagazin wird durch einen großen Ventilator gespeist, der von einem elektrischen Motor zu 4. P.S. getrieben wird.«

 

Aus der im Revisionsprotokoll genannte Disposition geht hervor, dass Klais nicht auf die vom Organisten der Stiftskirche Arnold Joseph Monar gemachten Änderungsvorschläge einging.

Ludwig Boslet, der ebenfalls an der Revision teilnahm, legte seinen Revisionsbericht am 2. Januar 1909 vor. J.G. Bach aus Troisdorf hebt in einem bereits deutlich von der elsässer Orgelreform beeinflußten Aufsatz über Mixturen die fünffache Cymbel lobend hervor:

 

»Nebenher sei erwähnt, daß der genannte Orgelbauer [Klais], welcher (...) der richtigen Verwendung, Zusammenstellung und Mensur der gemischten Stimmen besondere Aufmerksamkeit widmet, eine eigenartige Mixtur in der großen Stiftskirchen-Orgel zu Bonn disponiert hat: Cymbal 5 fach, bestehend aus 2', 1 3/5', 1 1/3', 1 1/7', 1'. Mit entsprechender Unterlage gebraucht, macht diese Stimme eine ausgezeichnete Wirkung und verleiht dem vollen Werke aparten Glanz.«

 

Die Einweihung der Orgel fand am 30. Dezember 1908 statt. Im dabei vorgetragenenen Konzertprogramm wurden folgende Werke aufgeführt:

 

1.  C. Sattler:    

Improvisiertes Präludium zu Fr. Nekes sechsstimmigem "Laudate Dominum" (Carl Sattler)

2. J. S. Bach:

Präludium und Fuge D-Dur (Ludwig Boslet (1860-1951))

3. E. Batiste:

Grand Offertoire (Carl Sattler (1874-1938))

4. C. Sattler:

Fantasie über Weihnachtslieder (Carl Sattler)

5. T. Dubois:

Toccata (Ludwig Sauer (1861-1940))

6. J. Monar:

Fantasie (Arnold Joseph Monar (1860-1911))

7. R. Wagner:

Trauermarsch (Ludwig Sauer)

8. L. Boslet:

Ciacona (Ludwig Boslet)

9. A. Mailly:

Marche solennelle (Felix Krakamp (1861-1937))

 

 

Laut Bericht der Mülheimer Volkszeitung war das zweiteilige Gehäuse so konstruiert, dass ein Sängerchor unter der Orgel Aufstellung nehmen konnte. Der Spieltisch stand zwischen beiden Gehäusen und war zum Altar hin ausgerichtet. Die Balganlage befand sich teilweise auf dem Gewölbe des rechten Seitenschiffes und teilweise unter dem Podium der Orgel, wo auch die Koppelmaschine für die Register und eine Menge sonstiger kleinerer Apparate, die mit der Orgel in Verbindung stehen, Platz gefunden haben. Die Orgel hat acht Magazin- und Regulatorbälge, die durch einen vierpferdigen ELektromotor mit gekuppeltem Exaustor gespeist werden. Doch dieser liefert nur Wind von einer bestimmten Stärke, während die Orgel Wind von dreierlei verschiedenem Druck braucht. Dieses wird bewirkt durch besondere Bälge, deren Konstruktion als Fabrikgeheimnis gewahrt wird, die selbsttätig den Wind auf einen höhreren Druck pumpen.

 

Diese Orgel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1956 durch einen Neubau von Klais ersetzt.

 

Quellen und weiterführender Link:

 

Horst Hodick: Johannes Klais (1852-1925): ein rheinischer Orgelbauer und sein Schaffen, Band 1: Leben und Werk, S. 274-281 m.w.N.; Band 2: Werkverzeichnis (Foto Nr. 1), Katzbichler Musikverlag, 2001

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/service/orgeln/Orgel_1908.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 16.07.2017

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