ERZBISTUM KÖLN  TagesLiturgie     

Prof. Charles-Marie Jean Albert Widor

* 21. Februar 1844 in Lyon

† 12. März 1937 in Paris

Repertoire

 

Portrait

Französischer Organist, Komponist und Musikpädagoge

 

Charles-Marie Widor um 1900Über den Großvater väterlicherseits, einen aus Ungarn ins Elsass zugewanderten Orgelbauer, hatte das Organistische Eingang in die Familie gefunden. Charles-Marie Widor erhielt bereits ab dem vierten Lebensjahr von seinem Vater François-Charles, der als Komponist, Orgellehrer und Titularorganist an Saint-François-de-Sales wirkte, den ersten Orgelunterricht und besuchte das humanistische Collège des Jésuites in Lyon, das er mit siebzehn Jahren mit dem Brevet de Bachelor abschloss. Schon während der Schulzeit spielte Widor die Orgel in den Schulgottesdiensten in der Kapelle des Collège und finanzierte auf diese Weise seine Ausbildung.

 

Père Cavaillé-Coll, ein enger Freund der Familie Widor, überredete Charles-Maries Eltern, ihren Sohn sein Orgelstudium am Königlichen Konservatorium Brüssel fortsetzen zu lassen, wo Widor während der Jahre 1862 und 1863 für 15 Monate von Jacques-Nicolas Lemmens intensiv im Orgelspiel sowie von François-Joseph Fétis in Komposition unterrichtet wurde.

 

Während seines Lebens lernte er bedeutende Musiker wie Rossini, Wagner, Bizet, Liszt, Charles Gounod, Lalo und Delibes kennen, u. a. mit Saint-Saëns und Massenet verband ihn eine enge Freundschaft. Danach verbreitete sich Widors Ruf als Orgel- und Klaviervirtuose auf Konzertreisen in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Italien, Spanien, Portugal und Russland.

 

1860 wurde er Organist an St. François in Lyon, neun Jahre später erhielt er einen zunächst nur provisorischen Jahresvertrag als Nachfolger von Louis Lefébure-Wély an der prächtigen Cavillé-Coll-Orgel von Saint-Sulpice in Paris, die er 64 Jahre lange spielen sollte, allerdings nur als provisorischer Organist, er erhielt nie eine Festanstellung.

 

In den 1870er Jahren setzte die rege Kompositionstätigkeit Widors ein, 1880 erschien das erste Bühnenwerk La Korrigane.

 

Als Dirigent des Concordia Oratorien Chors/Orchesters bringt er als erster die großen Chorwerke Händels und Bachs an der Seine zu Gehör. Durch seine immer zahlreicheren Orgelkompositionen, seinen steigenden Schülerkreis und vor allem durch seine wahrhaft weltberühmten Improvisationen in St-Sulpice ließen auch akademische Berufungen nicht auf sich warten: 1890 Professur am Conservatoire für Orgel (Nachfolge César Franck), 1896 für Komposition (Nachfolge Théodore Dubois). Die Liste seiner Schüler ist die Geschichte der symphonischen Orgelmusik des 19./20. Jahrhunderts: Charles Tournemire, Louis Vierne, Henri Libert, Alphonse Schmitt, Albert Schweitzer und Marcel Dupré (Orgel) - Gabriel Dupont, Arthur Honegger, Darius Milhaud u. a. (Komposition).

 

Im Jahre 1910 wurde Widor in die Académie des Beaux-Arts gewählt, deren ständiger Sekretär er ein Jahr später wurde. Ab 1914 gründete er Hilfsfonds zur Unterstützung kriegsinvalider französischer Musiker; für die Casa de Velázquez, das Gegenstück zur Villa Medici in Madrid wird er zum geistigen Vater.

 

Die Liste der Ehrungen, die Widor während seines Lebens zuteil wurden, ist lang: Er war Ritter der Ehrenlegion, empfing den päpstlichen St.-Gregorius-Orden1, den russischen Stanislaus-Orden, den belgischen Leopoldsorden und den portugiesischen Ordre du Christ. Er war außerdem Mitglied der Königlichen Akademien von Berlin, Brüssel und Stockholm.

 

Widor starb neunzehn Tage nach Vollendung seines 93. Lebensjahres. Während der Trauerfeier in Saint-Sulpice spielte sein Schüler und Nachfolger Marcel Dupré die Orgel. Widor wurde in der Krypta seiner Kirche beigesetzt.

 

Zusammen mit César Franck und Louis Vierne kann Widor zu Recht zur Trias der Großmeister der neueren französischen Orgelmusik gerechnet werden. Sein weitgespannter kultureller Horizont, seine gütige Natur sowie sein innovatives musikalisches Wirken (Bachpflege, Bewusstsein für „alte Musik“) gepaart mit einem musikalischen Können, das wohl weltweit seinesgleichen suchte, machten Widor zur lebenden Legende. Seine Tribune in Saint-Sulpice glich, glaubt man zeitgenössischen Berichten, einem Wallfahrtsort: Schließlich musste das erzbischöfliche Ordinariat Verbote gegen eine übermäßige Frequentation, vor allem durch weibliche Personen, erlassen. Besucher kamen auch von Übersee, aus Amerika und selbst aus Australien. Zu seiner gleichsam monolithischen Erscheinung trug auch das hohe Alter Widors bei: Als er 1937 mit 93 Jahren starb, hatte er Musikerpersönlichkeiten von Rossini bis Milhaud und Honegger persönlich kennengelernt, was in der Musikgeschichte ohne Beispiel blieb. Einige erhaltene Aufnahmen der 1930er Jahre zeugen noch von seiner Meisterschaft, wenn auch sein eigentliches Metier, die Improvisation, dem Augenblick verhaftet war.

 

Quellen und weiterführende Links:

Marc Honegger/Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik, Band 8, Verlag Herder Freiburg, 1992

Josef Johannes Schmid: Charles Marie Widor In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band XIII, Hamm 1998, ISBN 3-88309-032-8, Spalten 1055–1058

 

1 Der Ordine Equestre Pontificio di San Gregorio Magno (Päpstlicher Ritterorden vom heiligen Gregor dem Großen) ist der vierthöchste Orden, der unmittelbar vom Papst für Verdienste um die römisch-katholische Kirche verliehen wird.

 

Werke

Charles Widor schrieb Kammer-, Orchester- und Orgelmusik, darunter 10 monumentale Symphonien für Orgel (op. 13/1-4, 42/1-4, 70 und 73), Symphonien für Orgel und Orchester (Sinfonia Sacra). Sein unter Orgelliebhabern wohl sicher bekanntestes Werk ist die Toccata aus der Symphonie pour orgue Nr. 5 f-Moll, op. 42 Nr. 1, das er 1887 fertigte.

Widor schrieb jedoch mehr als 150 Werke, darunter viele Stücke für Klavier oder andere Instrumente wie Flöte, Klarinette, Violinge und Violoncello, drei Konzerte für Klavier und Orchester, je ein Konzert für Harfe bzw. Violoncello und Orchester, zwei Orchestersymphonien, die Symphonie Antique für Chor und Orchester sowie Kammermusik. Auch Chorwerke wie Motetten oder eine Messe für zwei Chöre und zwei Orgeln zählen zu Widors Schaffen, außerdem das Ballett La Korrigane, vier Opern und 60 Mélodies über Texte bekannter französischer Dichter (Victor Hugo oder Paul Bourget).

 

  • Tantum ergo op. 18 No. 1 für Baritonchor, Chor (SATB) und Orgel (1874)

    CD Vierne, Widor & Dupré: Chorwerke; (Fragment)
    The Hyperion Chorus of Baritones · Joseph Cullen, Orgel · Dirigent: James O'Donnell

  • Tu es Petrus op. 23 No. 2 für Baritonchor, Chor (SATB) und zwei Orgeln (1876)

    CD Vierne, Widor & Dupré: Chorwerke; (Fragment)
    The Hyperion Chorus of Baritones · Joseph Cullen, Orgel · Dirigent: James O'Donnell

  • Psalm 112 für Baritonchor, Chor (SATB), zwei Orgeln und Orchester (1879)

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/service/komponisten/Widor.html

Stifts-Chor Bonn | Service | Komponistenverzeichnis | Komponistenportrait Charles-Marie Widor

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 05.07.2017

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