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Prof. Hugo Distler

* 24. Juni 1908 in Nürnberg
†   1. November 1942 in Berlin

Repertoire

  • Vom Himmel hoch, o Englein, kommt, Liedsatz für vierstimmigen Chor (1941)
    (nicht mehr im aktuellen Repertoire)

 

Portrait

Komponist, evangelischer Kirchenmusiker und Chordirigent

Hugo DistlerEine liebevolle, glückliche Kindheit war ihm nicht beschert: seine Mutter emigrierte 1912 in die Vereinigten Staaten und überließ es den Großeltern, den Vierjährigen aufzuziehen. Diese ermöglichten ihm 1915 den Klavierunterricht bei Elisabeth Weidmann und Carl Dupont, dem Leiter der privaten Musikschule Dupont und den Besuch des Nürnberger Realgymnasium an der Vorderen Landauergasse.

Nach dem Tod der Großmutter 1925 und der Verarmung des Stiefgroßvaters musste sich Hugo Distler bei Carl Dupont abmelden und bewarb sich um ein Stipendium am Konservatorium der Stadt Nürnberg, das ihn zweimal wegen „mangelnder Begabung“ ablehnte. Carl Dupont griff ein und unterrichtete von da an seinen Schüler unentgeltlich.

Nach dem Abitur im Frühjahr 1927 bewarb sich Hugo Distler am Landeskonservatorium Leipzig und bestand die Aufnahmeprüfung mit Auszeichnung. Er studierte zunächst Klavier bei Carl Adolf Martienssen und Dirigieren bei Max Hochkofler, doch schon bald erkannte man dort seine eigentliche - kirchenmusikalische - Begabung. So schlossen sich alsbald Orgel- und Kompositionsstudien am kirchenmusikalischen Institut des Konservatoriums bei Thomasorganist Günther Ramin (Orgel) sowie dem Reger-Schüler Hermann Grabner (Kontrapunkt, Formenlehre und Komposition) an. Unter dem Eindruck der durch den Thomanerchor vermittelten alten Musik entstanden in dieser Zeit auch Distlers erste Kompositionen.

Nach dem Tod seines Stiefgroßvaters Johann Michael Herz, der trotz eigener Armut sein Musikstudium finanziert hatte, musste Distler 1930 sein Studium vorzeitig abbrechen.

Auf Vermittlung von Günther Ramin wurde Hugo Distler am 1. Januar 1931 Kantor an der renommierten Kirche St. Jakobi zu Lübeck. Die Berührung mit der dort befindlichen, teils aus dem 15. Jahrhundert stammenden historischen Orgel sowie der norddeutschen Orgelwelt generell sollte ihn für sein weiteres Leben nachhaltig prägen. Sein kirchlicher Vorgesetzter Pastor Axel Werner Kühl und der Chorleiter Bruno Grusnick setzten sich in Lübeck seit 1928 für die Anliegen der Liturgischen Bewegung ein und begründeten mit Distler die musikalischen Gottesdienste und Vespern in St. Jakobi. Distler komponierte 1931/1932 seinen Jahrkreis op. 5, eine Sammlung von 52 kleinen geistlichen Chormusiken zum Gebrauch in Kirchen-, Schul- und Laienchören. Er vollendete im Herbst 1931 seine Deutsche Choralmesse op. 3 für sechsstimmigen gemischten Chor und 1932 seine Choral-Passion op. 7, seine Kleine Adventsmusik op. 4 und seine Orgelpartita Nun komm, der Heiden Heiland op. 8,1. In Lübeck entstand der größte Teil seiner Geistlichen Chormusik op. 12.

Im Oktober 1933 heiratete Distler Waltraut Thienhaus, die er im Lübecker Sing- und Spielkreis kennen gelernt hatte.

Nachhaltigen Erfolg konnte Distler 1935 bei den Kasseler Musiktagen verbuchen. In diese Zeit fallen kompositorisch die Orgel-Partita „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ op. 8 Nr. 2, die Choralkantate „Wo Gott zum Haus nit gibt sein Gunst“ op. 11 sowie das Konzert für Cembalo und Streicher op. 14.

Im Dezember 1936 eskalierten in Lübeck die Auseinandersetzungen zwischen Bekennender Kirche und „Deutschen Christen“. An Silvester 1936 legte Hugo Distler sein Organistenamt an St. Jakobi nieder. Als Distler am 1. April 1937 dann als Professor für Komposition, Orgel und Chorleitung, daneben Leiter des Hochschulchores an die Württembergische Hochschule für Musik Stuttgart berufen wurde, sollten dies die glücklichsten drei Jahre seines so kurzen Lebens werden. Seine Hoffnung, in Stuttgart unbehelligt von der Politik komponieren zu können, erfüllte sich nicht: die NS-Studentenschaft attackierte ihn wegen seiner Kirchenmusik.

Zusätzlich zu seinen Stuttgarter Hochschulverpflichtungen übernahm Distler am 1. Oktober 1937 die Leitung der Esslinger Singakademie und führte mit ihr am Palmsonntag 1938 Bachs Johannes-Passion in der Esslinger Stadtkirche auf. Da die Aufführung ohne Genehmigung der NS-Kulturgemeinde erfolgte, hatte dies die Auflösung der Singakademie zur Folge. Beim Abschiedsabend mit den Sängern sagte Distler: „Es muss Ihnen das Glück genügen, diese Werke mitgesungen zu haben.

Es entstanden in der Folge unter anderem die Kleinen Orgelchoral-Bearbeitungen op. 8 Nr. 3 und das Neue Chorliederbuch op. 16 mit seinen Bauernliedern, Kalendersprüchen und weiteren Sätzen.

1939 erregte Distler mit seinem Opus 19, dem Mörike-Chorliederbuch, auf dem Fest der Chormusik in Graz erhebliches Aufsehen, denn die spröde und eben deshalb so frisch wirkende Harmonik gab den Zuhörern Anlass, den Beginn einer neuen Chormusik-Epoche zu feiern.

Im Herbst 1940 wurde Hugo Distler als Professor für Chorleitung, Tonsatz, Komposition und Orgel an die Berliner Staatliche Hochschule für Musik sowie als Leiter der Hochschulkantorei berufen. Er trat seinen Dienst am 1. Oktober an und siedelte mit seiner Familie im November 1940 nach Strausberg bei Berlin über. Es war dies unbestritten der Höhepunkt von Hugo Distlers beruflicher Laufbahn, gleichzeitig aber sein Verhängnis. Die Vielzahl der Verpflichtungen gingen über seine nie stark gewesenen körperlichen Kräfte, zumal er im April 1942 zusätzlich die Leitung des Berliner Staats- und Domchores übernahm. Schöpferisches Arbeiten, welches ihm Zeit seines Lebens so wichtig gewesen war, war unter den gegebenen Umständen nicht mehr möglich und zermürbte ihn zusehends: er geriet erneut - wie schon 1933 in Lübeck - ins Visier der SS, seine kirchenmusikalische Arbeit wurde planmäßig von der HJ sabotiert.

 

 

Am 14. Oktober 1942 erhielt Hugo Distler seinen sechsten Gestellungsbefehl (fünfmal konnte er die Befehle abwenden).
Am 1. November 1942, einen Tag nach seiner endgültigen Freistellung vom Wehrdienst, fuhr er von Strausberg nach Berlin, um den Gottesdienst im Dom noch einmal musikalisch zu begleiten. Danach begab er sich zu seiner Dienstwohnung in der Bauhofstraße und setzte seinem Leben durch Gasvergiftung ein Ende.
Seine Grabstätte befindet sich auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. Sein Grabkreuz zitiert als Wahlspruch den Vers 16,33 aus dem Evangelium nach Johannes: Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.

 

Werke

Hugo Distler ist vor allem als Komponist geistlicher und weltlicher Chormusik bekannt geworden. Zu seinen Chorwerken zählen:

  • Deutsche Choralmesse, op. 3 für sechsstimmigen Chor (1931)
    (Uraufführung am 4. Oktober 1931 in Lübeck)
  • Kleine Adventsmusik, op. 4 für Flöte, Oboe, Violine, Kammerchor, Orgel und Sprecher (1932)
  • Der Jahrkreis, op. 5, 52 zwei- und dreistimmige Choral- und Schriftwortmotetten (1932)
  • Drei kleine Choralmotetten op. 6 Nr. 2 für gemischten Chor (1933)
  • Choral-Passion nach den 4 Evangelien der Heiligen Schrift op. 7 für fünfstimmigen Chor und zwei Vorsänger (1932)
    (Uraufführung 29. März 1933 im Berliner Dom)
  • Das Lied von der Glocke op. 9 Nr. 2 für Solostimmen, Chor und Orchester (1934)
  • Die Weihnachtsgeschichte op. 10 für vierstimmigen Kammerchor a cappella und vier Vorsänger (1933)
    (Uraufführung am 1. Dezember 1933 in Köln)
  • Choralkantate Wo Gott zu Haus nit gibt sein Gunst, op. 11 (1933)
  • Geistliche Chormusik op. 12 für gemischten Chor a cappella, eine Sammlung von neun Motetten für das Kirchenjahr (1934-1941)
  • Neues Chorliederbuch op. 16 für gemischten Chor a cappella (1936-1938)
  • Mörike-Chorliederbuch op. 19 (1939)

Darüber hinaus komponierte Distler Orgelmusik wie Partiten, Choralbearbeitungen

  • Orgelpartita Nun komm der Heiden Heiland, op. 8 Nr. 1 (1932) (Uraufführung am 26. Dezember 1932 durch Hugo Distler)
  • Orgelpartita Wachet auf, ruft uns die Stimme, op. 8 Nr. 2 (1935) (Uraufführung am 13. Oktober 1935 durch Hugo Distler)
  • Orgelsonate op. 18 Nr. 2 (1939)

Sonaten

  • Konzertante Sonate op. 1 für 2 Klaviere (1931)
  • Sonate über alte deutsche Volkslieder für 2 Violinen und Klavier op. 15 (1938)

zwei Cembalokonzerte

  • Kammerkonzert für Cembalo und elf Soloinstrumente oop. (1930/1932)
  • Konzert für Cembalo und Streicher op. 14 (1935)

und Kammermusik

  • Kammermusik für Flöte, Oboe, Violine, Viola, Violoncello und Klavier, oop. (1929)


Hugo Distler ist der bedeutendste Vertreter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920. Ihre Ziele und Ideale kommen in seiner Musik klar zum Ausdruck, wobei trotz beabsichtigter leichter Ausführbarkeit immer ein künstlerisch hohes Niveau gewahrt bleibt. Seine Vokalkompositionen erwachsen aus sanglichen, am menschlichen Atem orientierten Melodien, deren tonales Material oft aus modalen Tonleitern oder der Pentatonik entnommen ist.

 

Quellen und weiterführende Links:

Marc Honegger/Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik, Band 2, Verlag Herder Freiburg, 1992

Siegmar Hohl (Hrsg.): Musikführer. Oper, Operette, Musical, Ballett, Konzert, Orbis Verlag München, 1995

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/service/komponisten/Distler.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 18.05.2017

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