ERZBISTUM KÖLN | TagesLiturgie     

Werkbeschreibung | Charles-Marie Widor

 

Messe à deux chœurs et deux orgues op. 36

 

Nach der Reihenfolge der Opusnummern muss man vermuten, dass Widors einzige Messe etwa 1879/80 entstanden ist. Der Herausgeber Hamelle, Paris, gibt als Jahr der Partitur-Ausgabe 1878 an. Die Messe war vornehmlich für den Gebrauch in der Kirche Saint-Sulpice, Paris bestimmt, an der Widor 64 Jahre Titular-Organist war. Das Datum der Erstaufführung ist nicht bekannt.

 

In der Partitur hat Widor angegeben, dass das Werk für zwei Chöre bestimmt ist; er schreibt: »pour un double chœur composé l'un des deux cents voix« (der eine für etwa 200 Stimmen) »du Grand-Séminaire, l'autre, des quarante exécutans de la Maîtrise« (der andere für bis zu 40 Sängern). In der Kirche St-Sulpice ist die Hauptorgel (Cavaillé-Coll) weit entfernt von der Chororgel im Altarraum. Obwohl diese Situation akustische Probleme bereitete, hat Widor die Besetzung aufrechterhalten.

 

»Sie hat die Strenge von Bach und Händel, verbunden mit der einnehmenden Mendelssohnschen Anmut und ist durch den katholischen Geist beflügelt. Das Agnus Dei ist eine der feinsten und inspiriertesten Schöpfungen Widors«, schrieb ein zeitgenössischer Kritiker über Widors Messe op. 36. Widors Vertonung soll der Hervorhebung der Herrlichkeit der Liturgie dienen, ohne diese jedoch unnötig in die Länge zu ziehen, und Kürze wird hier durch minimale Wiederholung der Worte erreicht (das Benedictus grenzt fast ans Saloppe).

 

Ziel der 1878 komponierten Messe fis-Moll für zwei Chöre und zwei Orgeln op. 36 war die Hervorhebung der Herrlichkeit der Liturgie, ohne diese jedoch unnötig in die Länge zu ziehen, und Kürze wird hier durch minimale Wiederholung der Worte erreicht. Dieses romantische Werk, das weder in der Gregorianik noch im Palestrinastil verwurzelt ist, besteht aus den Teilen: Kyrie (fis-moll), Gloria (D-Dur), Sanctus (A-Dur), Benedictus (A-Dur) und Agnus Dei (fis-moll).

 

Der erste Chor besteht nur aus Männerstimmen (in Baritonlage) und ist im Kyrie und Gloria weitgehend einstimmig, ab dem Sanctus dann überwiegend zweistimmig geführt. Der zweite Chor ist vierstimmig (SATB).

 

Bereits im Kyrie macht Widor effektvoll Gebrauch von den zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten, die die reiche Besetzung im Zusammenhang mit den akustischen Gegebenheiten in einem großen Kathedralraum ermöglicht: Die große Orgel ist zuständig für Ein- respektive Überleitungen, die Chororgel wird vor allem zur Begleitung der Chöre eingesetzt. Im marschartigen, beinahe heldischen Kyrie I ist diesbezüglich zu beoachten, wie die große Orgel auch Ende und Neubeginn von vokalen Phrasen miteinander verbindet, indem sie der mit dem Vokalpart gehenden Chororgel quasi ins Wort fällt. Im deutlich milderen und lyrischeren Christe-Mittelteil, der in D-Dur steht, begleitet hingegen allein die Chororgel. Das Kyrie II nimmt den Charakter des ersten Teils wieder auf und führt ihn in puncto dynamische Kraftentfaltung und strukturelle Dichte zum Höhepunkt; hier begleiten beide Orgeln gemeinsam das Vokaltutti, wobei die große Orgel mit markantem, akzentuierten Spiel rhythmische Akzente setzt und das Geschehen vorantreibt. Besetzungstechnisch vierlfältig gestaltet Widor auch den Vokalsatz: Die beiden Chöre treten je einzlen oder auch gemeinsam in Erscheinung; im Miteinander übernimmt gelegentlich der Männerchor die melodische Führung (etwa in der Mitte des Christe, wo er gemeinsam mit den Tenören und Bässen des zweiten Chores singt), oder er läuft colla parte mit einer der Stimmen des zweiten Chores (am Ende des Christe mit den Sopranen, am Beginn des Kyrie II mit den Bässen); immer wieder fügt er sich auch mit einer eigenen Stimme in den Satz des zweiten Chores ein.

 

Notenmaterial und Hörproben

  • Mass, Op.36, Partitur

    J. Hamelle, n.d.(ca.1878), Paris (Hrsgb.), Public Domain

    • Kyrie
      Kyrie
    • Gloria
      Gloria
    • Sanctus
      Sanctus
    • Benedictus
      Benedictus
    • Agnus Dei
      Agnus Dei

Hörproben (Fragment): CD Vierne, Widor & Dupré: Chorwerke | Westminster Cathedral Choir, The Hyperion Chorus of Baritones · Joseph Cullen und Andrew Reid, Orgel · Dirigent: James O'Donnell

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Michael Wersin (Hrsg.): Reclams Führer zur lateinischen Kirchenmusik, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2006

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Widor_Messe_op36.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 08.11.2015


 
Zum Seitenanfang | Benutzer-Login | Seite weiterempfehlen | Druckversion | Kontakt | Klassisch | Datenschutz | Impressum