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Werkbeschreibung | Camille Saint-Saëns

Oratorio de Noël, op. 12

 

Mit Ausnahme des Quintetts, das Saint-Saëns nachkomponierte, entstand das Oratorio de Noël in nur elf Tagen, vom 4. bis 15. Dezember 1858 und wurde am 25. Dezember des gleichen Jahres in der Église de la Madeleine uraufgeführt. Chor, Vokalsolisten und Orchester hatten also gerade einmal eine gute Woche Zeit, um das Werk einzustudieren.

Saint-Saëns widmete es seiner Schülerin Madame la Vicomtesse de Grandval.

 

Obgleich der Dreiundzwanzigjährige gleich zu Beginn des zehnsätzigen Oratoriums dem großen Thomaskantor seine Reverenz in Gestalt eines Präludiums »im Stil Seb. Bachs« erweist, war Bachs Weihnachtsoratorium nicht das Vorbild für seine Komposition. Von der trompetenüberglänzten Festlichkeit des Bachschen Werkes ist die Weihnachtsmusik des jungen Saint-Saëns weit entfernt. Vorbild war eher der Lyrismus der französischen Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts. Schon die Besetzung lässt dies erkennen. Zu einem Solistenquintett mit zwei Sopranen treten ein vierstimmiger Chor, Streichorchester, Harfe und Orgel. Das Fehlen der Bläser bewirkt ein gedecktes, romantisch-warmes Klangbild, das in einigen Sätzen durch glitzerndes Passagenspiel der Harfe apart aufgelichtet wird. Der lyrische Grundton des Werkes wird mannigfach abgewandelt: erzählendes Rezitativ, volkstümliche Melodik, choralartige chorische Homophonie, hymnische Steigerung, in einem Falle auch aufbegehrende Dramatik wechseln miteinander ab, ohne dass jedoch die kontemplative Grundstimmung des Ganzen angetastet würde.

 

Im Gegensatz zum Lutheraner Bach wählte der Katholik Saint-Saëns seine Texte aus der Vulgata und der lateinischen Weinachtsliturgie der Kirche. Dem Bericht des Evangelisten Lukas von der Verkündigung der Geburt Christi durch die Engel auf den Hirtenfeldern Bethlehems lässt er beziehungsreiche und sehr sinnvoll angeordnete Texte aus den Psalmen, aus Jesaja und den Evangelien nach Matthäus und Johannes folgen, in denen das Weihnachtsereignis aus prophetischer und theologischer Sicht gedeutet wird. Im zweiten Teil des Oratoriums finden sich vor allem Lobpreisungen, wobei kurz vor dem Schlusschor die pastorale Anfangsstimmung wieder aufgenommen wird.

 

Das stimmungsvolle Werk mit seinen wundervollen warmen Kantilenen ist hierzulande lange unbekannt geblieben. Es fand allerdings auch schon zu Lebzeiten Saint-Saëns wenig Beachtung; die Presse nahm von der Uraufführung keine Kenntnis.

 

Aufbau und vollständiger Text des Oratoriums

1. Prélude (dans le style de Seb. Bach)

Instrumentales Vorspiel, das in seiner Anlage als wiegendes, Siciliano-artiges Pastorale (im 12/8-Takt) auf barocke Vorbilder verweist, ohne jedoch eine tatsächliche Stilkopie Johann Sebastian Bachs darzustellen. Aber die noble Wärme dieses Prélude ist charakteristisch für das gesamte Werk.

 

2. Récit et Chœur

Die Engelsbotschaft ist einem Solistenquartett (Sopran, Alt, Tenor und Bariton) anvertraut, das nachfolgende Gloria dem Chor, wobei der zunächst einfache Satz durch Fugierungen an Komplexität gewinnt.

Text: Lukas 2, 8-13

 

Tenor Et pastorent erant in regione eadem
vigilantes et custodientes

vigilias noctis super gregem suum.

Und es waren Hirten in derselben Gegend
auf dem Felde,
die hüteten des Nachts ihre Herde.
Alt Et ecce Angelus Domini stetit juxta illos,
et claritas Dei circumfulsit illos,
et timuerunt timore magno.
Et dixit illis Angelus:
Und der Engel des Herrn trat zu ihnen,
und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie;
und sie fürchteten sich sehr.
Und der Engel sprach zu ihnen:
Sopran

Nolite timere!
Ecce enim evangelizo vobis

gaudium magnum,
quod erit omni populo:
quia natus est vobis hodie

Christus Dominus
in civitate David.
Et hoc vobis signum:
Invenientes infantem pannis involutum,
et positum in praesepio.

Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch

große Freude,
die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute geboren

Christus, der Herr,
in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen:
ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.

Bariton Et subito facta est cum Angelo
multitudo militiae coelestis,
laudantium Deum, et dicentium:
Und alsbald war da bei dem Engel
die Menge der himmlischen Heerscharen,
die lobten Gott und sprachen:
Chor Gloria in altissimis Deo,
et in terra pax hominibus
bonae voluntatis!
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden bei den Menschen
seines Wohlgefallens!

 

3. Air

Die Arie für die zweite Sopranistin ist ein getragenes Espressivo-Stück, in der das Harren auf den Erlöser durch musikalische Unterstreichung des Wortes „Expetans“ (ich harrte) eindringlich vorgestellt wird.

Text: Psalm 39, 2

 

Expectans expectavi Dominum.
Et intendit mihi.
Ich harrte des Herrn,
und er neigte sich zu mir [und hörte mein Flehn].

 

4. Air et Chœur

In die hymnische Arie für Tenor, das Bekenntnis Petri zur Sendung Christi, fällt in feierlichen Klängen der geteilte Frauenchor ein.

Text: Johannes 11, 27

 

Domine, ego credidi,
quia tu es Christus,
Filius Dei vivi,
qui in hunc mundum venisti.
Ja, Herr, ich glaube,
dass du der Christus bist,
der Sohn Gottes,
der in die Welt gekommen ist.

 

5. Duo

Duett für Sopran und Bariton, in der Einleitung tritt erstmalig exponiert die Harfe hervor.

Text: Psalm 118, 26-28

 

Benedictus, qui venit in nomine Domini!
Deus Dominus, et illuxit nobis.
Deus meus es tu, et confitebor tibi.
Deus meus es tu et exaltabo te.

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Der Herr ist Gott und er ist uns aufgestrahlt.
Mein Gott bist du, und ich will dich preisen,
mein Gott bist du, und ich will dich erheben.

 

6. Chœur

Eine kurze dramatische Episode des Chores »Quare fremuerunt gentes« (Warum toben die Heiden) wandelt sich rasch in eine feierlich-ruhige Anrufung der Dreifaltigkeit.

Text: Psalm 2, 1

 

Quare fremuerunt gentes
et populi meditati sunt inania?
Gloria Patri, gloria Filio,
gloria Spiritui Sancto.
Sicut erat in principio, et nunc, et semper,
et in saecula saeculorum. Amen.
Warum toben die Völker,
warum machen die Nationen vergebliche Pläne?
Ehre sei dem Vater, Ehre dem Sohn,
Ehre dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, jetzt und immerdar,
und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

7. Trio

Im Trio »Tecum principium« (Mit dir ist dein Volk) wird das Solo-Terzett Sopran, Tenor, Bariton von der Harfe umspielt. Die helle, strahlende Klanglichkeit der Musik unterstreicht den Text, der vom „Glanz der Heiligen“ spricht.

Text: Psalm 110,3

 

Tecum principium

in die virtutis tuae
in splendoribus Sanctorum.

Mit Dir ist dein Volk

am Tage deiner Macht
in heiliger Pracht.

 

8. Quatuor

Solistenquartett (Sopran, Mezzosopran, Alt, Bariton).

Text: Jesaja 49, 13

 

Alleluja. Laudate coeli, et exulta terra,
quia consulatus est Dominus populum suum;
et pauperum suorum miserebitur.
Halleluja. Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde!
Denn der Herr hat sein Volk getröstet
und erbarmt sich seiner Elenden.

 

9. Quintette et Chœur

Das Orchester greift die Pastoralmelodie des ersten Teils wieder auf, in die zunächst das Solistenquintett, dann auch der Chor einstimmen.

Text: Klagelieder 2,19 | Jesaja, 62,1

 

Consurge, filia Sion. Alleluja.
Lauda in nocte, in principio vigiliarum.
Alleluja.

Steh auf, Tochter Zion,

des Nachts und zu Beginn der Nachtwache und rufe laut:

Halleluja

Chor:

Egrediatur ut splendor justus Sion,

et Salvator ejus ut lampas accendatur.
Alleluja.

 

Bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz

und sein Heil brenne wie eine Fackel

 

10. Chœur

Ein kurzer homophoner Schlusschor beschließt das Werk festlich.
Text: Psalm 96

 

Tollite hostias,
et adorate Dominum in atrio sancto ejus.
Laetentur coeli,
et exultet terra a facie Domini,
quoniam venit.
Alleluja.
Bringet Geschenke
und betet an den Herrn in seinen Vorhöfen!
Der Himmel freue sich,
und die Erde sei fröhlich, vor dem Herrn;
denn er kommt.

 

Besetzung:

5 Soli (SMsATB), Chor (SATB), Orgel, Harfe und Streichquartett

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 35-40 Minuten.

 

Notenmaterial und Hörproben

 

  • I. Prélude
  • II. Récit et Chœur
  • III. Air
  • IV. Air et Chœur
  • V. Duo
  • VI. Chœur
  • VIII. Quatuor
  • IX. Quintette et Chœur
  • X. Chœur: Tollite hostias

    Hörproben (Fragment): CD Camille Saint-Saens: Oratorio de Noel op.12 |
    Vocalensemble Rastatt · Antonia Bourvé, Sopran · Gundula Schneider, Mezzosopran · Sabine Czinczel, Alt · Marcus Ullmann, Tenor · Jens Hamann, Bariton · Les Favorites · Romano Giefer, Orgel · Dirigent: Holger Speck

  • Oratorio de Noël (35:12)

    The Ruth Asawa San Francisco School Of The Arts Orchestra · Forrest Nolan, Elenna Davis, Kyle Miller, Sopran · Kelsey Lauritano, Olivia Cosio, Mezzosopran · Rachel Spund, Alt · Jens Ibsen, Forrest Nolan, Tenor · Daniel Illig, Bariton · Todd Wedge, Leitung

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Saint-Saens_op12.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 28.11.2017


 
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