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Werkbeschreibung | Giacomo Puccini

Messa con 4 voci e orchestra | Messa di Gloria

 

Giacomo Puccini ist gerade einmal 21 Jahre alt, als er die Messa con 4 voci e orchestra als Abschlussarbeit am Istituto Musicale Pacini seiner Heimatstadt Lucca vorlegt.

 

Die Messa ist die erste umfangreiche Arbeit Puccinis; er knüpft darin an die solide musikalische Tradition seiner Familie an und verwendet zugleich die modernen Ausdrucksmittel seiner Zeit. Der vertraute Umgang mit festlicher Kirchenmusik und strengen Formen des Kontrapunkts verbindet er mit einem persönlichen musikalischen Stil und einer Erfindungsgabe für Melodien und Klänge, die schon seine außerordentliche Meisterschaft der späteren Opernmusik enthüllen.

 

Für die begeistert aufgenommene Uraufführung der Messa a quattro voci am 12. Juli 1880 während eines Gottesdienstes am Fest des Heiligen Paolino in Lucca wird das vorhandene Credo mit den noch fehlenden Teilen zu einer Messe zusammengefügt, deren Abschnitte von auffallend unterschiedlicher Länge sind: Kyrie (67 Takte), Gloria (531 Takte), Credo (250 Takte), Sanctus (20 Takte), Benedictus (65 Takte), Agnus Dei (54 Takte). Warum sich das Stück so unausgewogenen präsentiert – das Gloria ist länger als alle anderen Teile zusammengenommen – ist nicht ganz klar. Es wird vermutet, dass der junge Puccini in Zeitnot gerät, da sich der Festtag des in Lucca verehrten Heiligen Paolinus nähert, zu dessen Ehren das Werk öffentlich aufgeführt werden soll.

 

Das vollständige Manuskript der Messa wurde von Puccini nie veröffentlicht, sein Werk, trotz erfolgreicher Erstaufführung, auch zu Lebzeiten des Komponisten nicht mehr aufgeführt. Erst 1950 wurde sie durch den amerikanischen Priester Dante del Fiorentino bei Arbeiten an einer Puccini-Biographie wieder entdeckt. Ihm verdankt sie den Namen Messa di Gloria, den er vermutlich wegen der im Vergleich zu anderen Messevertonungen ungewöhnlichen Länge des Gloria wählte und der ihren Charakter zugleich sehr präzise beschreibt: Die ganze Messe – ein »Monument zur Ehre Gottes«, wie ein Herausgeber des Werkes formuliert.

 

Erst auf den Tag genau 72 Jahre nach der Premiere kam es in Chicago zur ersten Wiederaufführung.

 

Die Meinung der Biographen zur Messe ist eher zurückhaltend; vom vernichtenden Urteil »Konfektionsware, wie sie in Italien und anderswo massenhaft produziert wurde« bis zu »allein die Messa weist von den Frühwerken auf das kommende Genie hin« geht die Spannbreite.
»Keineswegs vermittelt die Messe den Eindruck jugendlicher Spontaneität und Frische - kaum eine Stelle, an der sich bereits an den späteren Puccini denken ließe.« (Dieter Schickling)
»Das Werk strotzt vor frischer, jugendlicher Spontaneität der Erfindung und bietet ein gutes Bild von Puccinis Begabung und Rang als Kirchenkomponist.« (Mosco Carner)

 

Aufbau

Kyrie

1878 schrieb Puccini im Rahmen seines Studiums die Motette per San Paolino zum Fest des Hl. Paolino (12. Juli). Daraus schuf er das Kyrie, welches er später als musikalischen Ankerpunkt für eine dramatische Szene in seiner zweiten Oper, Edgar (1889) verwendete.

 

Im dreiteiligen Kyrie verlaufen, von Orchestereinleitung und Schluss abgesehen, die erste und die dritte Anrufung identisch: Ein lyrisch fließender Oberstimmensatz steht jeweils am Beginn; aus ihm löst sich ein kurzes Motiv, das die Chorstimmen nacheinander kanonisch verwenden. Dieses erklingt bei seinem ersten Auftreten in einer zurückhaltenderen, beim zweiten Mal dann in einer deutlich emphatischeren Variante: Der unterschiedliche Charakter kommt dadurch zustande, das die auftaktige Linie nach einer stufenmelodisch beiden Fällen gleichen Zielton zunächst demütig im Tritonussprung abwärts, dann leidenschaftlicher im Tritonussprung aufwärts erreicht. Das Christe in der parallelen Molltonart gibt sich sogleich melodisch und harmonisch unruhiger als die Kyrie-Rahmenteile und steigert sich in seinem Verlauf noch maßgeblich mittels einer insistierenden Repetitionsfigur aus akzentuierten Achteln, die bereits in der Orchestereinleitung des Satzes kurz auftauchte.

 

Gloria

Mit seinen 531 Takten ist das Gloria mit Abstand der längste Satz der Messe und dauert etwa 21 Minuten. 219 Takte entfallen allein auf den als mehrteilige Fuge angelegten Schlussabschnitt Cum Sancto Spiritu, das sowohl dem Chor als auch dem Orchester ein Höchstmaß an Präzision abverlangt. Den ersten Textabschnitt Gloria in excelsis Deo vertont Puccini auf sehr eingängige, liedhafte Weise. Er fügt diese Passage dann zwischen Gratias- und Domine Deus-Abschnitt noch einmal ein; außerdem kommt er auch im Schlussabschnitt darauf zurück, indem er das Gloria-Thema samt Text mit dem (modifizierten) Fugenthema Cum Sancto Spiritu kombiniert. Im Duktus eines pathosgeladenen Opernchores kommt das umfangreiche Qui tollis daher, dessen weit ausgreifende Kantilene zunächst in F-Dur von den Chorbässen vorgestellt wird, nach einem demütigeren, chromatisch über dem Orgelpunkt C entfalteten Miserere nobis dann vom ganzen Chor unisono gesungen wird, ehe die Soprane allein sie erneut aufgreifen und nach As-Dur anheben; ein letzter quasi-kanonischer Durchlauf der Kantilene krönt diesen Abschnitt.

 

Credo

Das Credo, ursprünglich als eigenständiges Werk konzipiert, komponierte Puccini bereits 1878 und wurde in Lucca begeistert aufgenommen. Die klare Strukturierung (Credo-Motiv) und die hoch differenzierte Aufgabenteilung und Melodienvielfalt der Komposition des 20-jährigen beeindrucken ungemein.

 

Der erste Teil des Credo beeindruckt durch wiederholte Crescendo-Akkorde in den Bläsern untermalt von dazu passenden Paukenwirbeln. Homophon setzt Puccini den Anfang des Et in carnatus est: Der Chor beginnt a cappella, eine expressive Melodie des über dem Geschehen schwebenden Tenorsolisten begleitend; nach kurzer Zeit mischen sich erst Streicher, dann Bläser stützend, akzentuierend und klangfarbliche Akzente setzend in den Vokalsatz.

Das anschließende Crucifixus gestaltet Puccini dann in wirkungsvoller Gegensätzlichkeit als Basskantilene, die ganz aus der Tiefe kommt und von dort aus, zunehmend erregt durch die Worte Etiam pro nobis, emotionsgeladen in die Höhe steigt.

Das eher düstere Crucifixus leitet in ein fugato Et resurrexit über, dem das Et in Spiritum Sanctum im Andante, das Et unam sanctam catholicam im Larghetto folgen. Mit dem Et vitam venturi saeculi in einem schlichten Andantino schließt das Credo, nicht ohne das Solo-Orchester nach dem letzten Amen des Chores mit einem aus dem pianissimo in ein fortissimo über 4 Takte crescendierenden C-Dur Akkord das Credo abschließen zu lassen.

 

Sanctus/Benedictus

Chorisch-homophon (mit colla parte eingesetzten Instrumenten) beginnt das sehr knapp gehaltene Sanctus. Bei Dominus Deus Sabaoth fächert sich der Satz dann polyphon auf, bei Pleni sunt coeli deklamiert der Chor unisono in Dreiklangsmotivik, vom Orchestertutti komplementär ergänzt mit schmetternden Akkordrepetitionen. Nach äußerst kurzem Hosanna gehört das ausgedehntere Benedictus ganz dem Baritonsolisten.

 

Agnus Dei

Das gleichfalls sehr kurze Agnus Dei im Dreivierteltakt gestaltet Puccini responsorial: Tenor-, Baritonsolist und schließlich beide zusammen in Terzen- respektive Sextenmelodik tragen die drei Agnus Dei-Anrufungen über einer Begleitung aus Kontrabass-Pizzicati und nachschlagenden Achteln der höheren Streicher vor. Der Chor repetiert Miserere nobis in quintfällig sequenzierendem Oberstimmensatz. In Abweichung von der liturgischen Vorlage heißt es bei Puccini auch nach der dritten Akklamation zunächst Miserere nobis; das Dona nobis pacem wird dann von den Solisten in Triolenmelodik angefügt und zum Schluss noch einmal kurz vom Chor aufgegriffen.

 

Das kaum veränderte Agnus Dei verwendet Puccini als Tanz-Madrigal im zweiten Akt seiner dritten Oper, Manon Lescaut. Inzwischen aufgefundene Handschriften belegen, dass Puccini in späteren Jahren noch einmal begann, leichte Veränderungen in die Partitur einzuarbeiten; zu einer neuen Aufführung ist es aber wohl nicht gekommen.

 

Nach den groß angelegten Gloria und Credo folgen als Abschluss ein demütiges Sanctus und Agnus Dei. Manche haben die Bescheidenheit der beiden Messeteile mit dem Zeitdruck des Studenten Puccini erklären wollen, noch rechtzeitig vor der Uraufführung alles abgeliefert zu haben. Oder doch eine weitere Genialität des Komponisten? Was vom großen Jubel angesichts der Herrlichkeit Gottes und des mutigen Bekennens des Glaubens bleibt, ist – stille – Hoffnung.

 

Besetzung:

Soli (S)TB, Chor SATB, Piccolo-Flöte, Flöte, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, 2 Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass

 

Eine Aufführung dauert ca. 43 min

 

Hörproben und Übungsdateien

  • Kyrie

    London Symphony Chorus & Orchestra | Leitung: Antonio Pappano

  • Gloria in excelsis deo - Et in terra pax - Laudamus te

    London Symphony Chorus & Orchestra | Leitung: Antonio Pappano

 

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Michael Wersin (Hrsg.): Reclams Führer zur lateinischen Kirchenmusik, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2006

Mosco Carner: Puccini, A Critical Biography, London, 3. Auflage 1992, Deutsche Übersetzung: Frankfurt/Main 1996

Wolfgang Hochstein: Vorwort zur Orchesterpartitur, Carus-Verlag, Stuttgart, 2004

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Puccini_Messa_di_Gloria.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 10.09.2017


 
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