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Werkbeschreibung | Felix Mendelssohn Bartholdy

Die acht Choralkantaten

 

Schon während Mendelssohns Lehrjahren bei Carl Friedrich Zelter spielte die Choralbearbeitung eine große Rolle und die Beschäftigung mit dem evangelischen Choral zieht sich sogar durch sein sinfonisches und oratorisches Schaffen. Die im Zusammenhang mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion (1829) besonders intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Bachs führte zur Komposition einer Reihe von Kantaten über bekannte Choralweisen für Chor, Instrumente und manchmal auch Soli.

 

Felix Mendelssohn Bartholdy hat seinen acht Choralkantaten keine Opuszahlen gegeben – nicht etwa, weil er die Opusnummerierung aufgegeben hätte wie später César Franck, sondern weil er die Kantaten eher als Studienwerke denn als vollgültige Kompositionen ansah. Er hat seine Choralkantaten nicht veröffentlicht und auch in der Gesamtausgabe seiner Werke erscheinen sie nicht. Erst zwischen 1972 und 1983 wurden sie herausgegeben und so der Vergessenheit entrissen. In ihnen zeigt sich die faszinierende Auseinandersetzung eines begnadeten Komponisten, der in anderen Gattungen bereits souveräne Meisterschaft erlangt hatte. 

 

1. Christe, du Lamm Gottes, MWV A 5 (1827)

Text: GL 482, GGB 208, EG 190, 2

 

Als Mendelssohn Anfang November 1827 die Arbeit an der Motette Tu es Petrus op. 111 beendet hatte, wandte er sich bald darauf der Kantate »Christe, du Lamm Gottes« zu. Zum Weihnachtsfest 1827 widmete er die Komposition seiner Schwester Fanny, was sie in einem Brief an Karl Klingemann vom 25. Dezember erwähnt.

 

Das »Christe, du Lamm Gottes« Martin Luthers, als deutsches Agnus Dei eng mit dem Gottesdienst verbunden, bildet in Text und Melodie die alleinige Grundlage für Mendelssohns Bearbeitung. Dreimal tritt der Cantus firmus als zentrierende Mitte in Erscheinung, eingebettet in ein polyphones Gewebe, das seine Figuren aus der Choralmelodie bezieht.

 

Besetzung:

Chor SATB, 2 Violinen, Viola, Violoncello/Kontrabass; ad libitum: Flöte, Oboe, Klarinette

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 7 Minuten

Übungsmaterial ►

 

2. Jesu, meine Freude (1828)

Text: Johann Franck, 1653, Melodie: Johann Crüger, 1653 (vgl. EG 396)

 

Die Choralkantate »Jesu, meine Freude« ist in unmittelbarer Nachbarschaft zu »Christe, du Lamm Gottes« entstanden. Sie besteht aus einem einzigen ausgedehnten Chorsatz in der Struktur eines Bach‘schen Kantatensatzes mit Vor- und Zwischenspielen über die erste Strophe von Johann Francks Textdichtung.

 

Besetzung:

Chor SATB, Violinen, Viola, Violoncello/Kontrabass; ad libitum: Oboe, Fagott (arr: Orgel)

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 9 Minuten

Übungsmaterial ►

 

3. Wer nur den lieben Gott läßt walten, MWV A 7 (1829)

Die dritte Choralkantate »Wer nur den lieben Gott lässt walten« in a-moll entstand im Laufe des Jahres 1828 oder Anfang 1829. Mendelssohn nahm das fertige Werk mit auf seine Reise nach England, wohin er am 10. April 1829 aufbrach. Dort hoffte er auf Aufführungsmöglichkeiten in London und auf dem Musikfest in Birmingham; diese Pläne liessen sich jedoch offenbar nicht in die Tat umsetzen.

 

Die Choralkantate basiert auf Text und Melodie des Kirchenliedes von Georg Neumark (1641). Mendelssohn übernimmt die 1., 4. und 7. Strophe wörtlich, baut die Kantate allerdings anders als Bach auf. Außergewöhnlich ist, dass Mendelssohn der Vertonung der ersten Liedstrophe die Eingangsstrophe aus Israel Clauders Choral Mein Gott, du weißt am allerbesten“ (1699) voranstellt. Der zentrale Teil der Komposition, der Gedanke der Zuversicht und des Vertrauens auf Gott, findet seine musikalische Entsprechung in der zweiten Strophe, im subtil angelegten Zusammenspiel von Chor und Orchester. Eine zarte, liedhafte Sopran-Arie schließt sich als Strophe 3 an. Der Schlusschoral fasst die Thematik der Glaubensgewissheit mit dem Unisono des Chores und dem im energischen Forte begleitenden Orchester zusammen. Die letzte Zeile erklingt kraftvoll im Kantionalsatz: „Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verläßt er nicht“.

 

Das Autograph der Komposition galt lange Zeit als verschollen, da es schon in den zu Lebzeiten des Komponisten und nach dessen Tod erstellten Werk- und Nachlassverzeichnissen nicht erscheint. Erst vor wenigen Jahrzehnten wurde in der Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt eine Abschrift aus dem Nachlass des mit Mendelssohn befreundeten Sängers Franz Hauser entdeckt. Es ist anzunehmen, dass Hauser sich während eines Besuches in Berlin oder während Mendelssohns Aufenthalten in München (1830 und 1831) diese Kopie des Autographs anfertigen liess. Am 16. März 1834 kommt so im Briefwechsel der beiden Freunde zu diesem Thema auch die Kantate »Wer nur den lieben Gott lässt walten« zur Sprache: Mendelssohn hatte von Hauser eine Sendung mit Noten erhalten, unter denen sich auch die Vertonung des Textes durch Johann Sebastian Bach (BWV 93) befand. Da Mendelssohn dieses Stück vorher nicht gekannt hatte, war es verständlicherweise das erste, was er sich ansah. Der folgenden Briefstelle ist zu entnehmen, wie sehr Mendelssohn sein »Jugendwerk« immer noch schätzte: »Habe tausend Dank für die schöne Sendung, ich habe die Sachen bis jetzt nur flüchtig durchsehen können [...] dann musste ich das »Wer nur den lieben Gott« gleich ganz durchsehen, weil ich es noch gar nicht kannte, und deshalb selbst componirt hatte, und denk Dir an daß mir verschiedene Stellen im meinigen immer noch ganz gut, ja fast besser geschienen haben (andere dann freilich wieder nicht) und daß ich - bei einigen - gar mit dem alten Sebastian Ähnlichkeit habe. Ist das nicht eine Freude? Aber zeig Du das keinem in Leipzig, sie würden mich spiessen.«

 

Liedtext

1. Chor Mein Gott, du weißt am allerbesten
das, was mir gut und nützlich sei.
Hinweg mit allem Menschenwesen,
weg mit dem eigenen Gebäu.
Gib, Herr, daß ich auf dich nur bau
und dir alleine ganz vertrau.

2. Chor

Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn alle Zeit,
den wird er wunderbar erhalten,
in allem Kreuz und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

3. Aria,

Soprano

Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei.
So kommt Gott, eh wir's uns versehn,
und lässet uns viel Guts geschehn.
4. Chor Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

 

Besetzung:

Solo S, Chor SATB, 2 Violinen Viola, Violoncello/Kontrabass

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 12 Minuten

Übungsmaterial ►

 

4. O Haupt voll Blut und Wunden (1830)

Im Frühjahr 1830 brach Felix Mendelssohn zu seiner lange geplanten Reise nach Italien auf. Sie führte ihn zunächst nach Weimar, wo er von Goethe empfangen wurde, sodann nach München und Wien, bis er schließlich über Venedig und Bologna im November Rom erreichte. Sein Aufenthalt in Wien währte etwa von Mitte August bis in die zweite Septemberhälfte. In dieser Zeit entstand die Kantate »O Haupt voll Blut und Wunden«.

 

Die Textzusammenstellung für die drei Sätze geht vermutlich auf Mendelssohn selbst zurück. Der zweite Satz, mehr Lied denn Arie, verwendet einen Text, dessen Verfasser bisher nicht ermittelt werden konnte. Bis in die Wortwahl hinein ist bei ihm die Nähe von Dichtung Paul Gerhardts spürbar. Geringe Abweichungen vom Originaltext zeigen die erste und insbesondere die letzte Strophe.

 

Besetzung:

Solo B, Chor SATB, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Violinen, 2 Viola, 2 Violoncelli, Kontrabass

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 12 Minuten

 

5. Vom Himmel hoch, MWV A 10 (1831)

Unter den acht Choralkantaten, die Mendelssohn Bartholdy zwischen 1827 und 1832 schuf, stellt die mit dem lapidaren Wort »Weihnachtslied« überschriebene Kantate »Vom Himmel hoch, da komm ich her« (MWV A 10) unbestritten den glanzvollen Höhepunkt dar und ist aufgrund ihrer Besetzung und der sechs Sätze die umfangreichste seiner Choralkantaten. Schon das prunkvoll besetzte Orchester sticht aus dem Kreis der übrigen Werke dieser Gattung heraus. Der Aufbau der Komposition mit einem großdimensionierten, prächtigen Choralsatz für fünfstimmigen Chor zu Beginn, zwei kontrastreichen innigen Arien und einem prunkvollen Schlusschor unterstreicht die Sonderstellung dieser Kantate.

 

Franz Hauser, langjähriger Freund Felix Mendelssohn Bartholdys, gab dem jungen Komponisten »ein kleines Büchlein mit Luther’s Liedern« auf die Italienreise mit. Da »will ich viel componiren«, schrieb Mendessohn aus Mailand. In Rom besuchte er dann auch das Kloster, in dem der große Reformator während seines Rom-Aufenthaltes gewohnt hatte. Die Begeisterung Mendelssohns für Luthers Texte spricht aus einem Brief vom 2. Januar 1831 an Karl Klingemann in London: »Wie da jedes Wort nach Musik ruft, wie jede Strophe ein anderes Stück ist, wie überall ein Fortschritt, eine Bewegung, ein Wachsen sich findet, das ist gar zu herrlich und ich komponiere hier mitten in Rom sehr flüssig daran und betrachte mir das Kloster, wo er gewohnt hat, und sich damals von dem tollen Treiben der Herren überzeugte.«

 

Der Text enthält keine freie Dichtung, sondern verwendet ausschließlich eine Auswahl der insgesamt 15 Strophen der Dichtung Martin Luthers von 1535, zu dem Luther 1539 auch die Melodie schrieb.

 

Am 28. Januar 1831 ist »Luthers Weihnachtslied ‚Vom Himmel hoch’« – das ursprünglich nur aus fünf Nummern bestand – beendet. Welches Stück Mendelssohn noch ganz zum Schluss hinzufügte, ist unbekannt. Offenbar schrieb Mendelssohn »Vom Himmel hoch«, wie auch die meisten in Italien entstandenen Choräle und Kantaten, für die Berliner Singakademie und hielt sich dabei an die Wünsche Carl Friedrich Zelters, für die Akademie mehr »Vierstimmiges« und nicht »alles gleich zweichörig oder achtstimmig« zu komponieren; lediglich der Sopran ist doppelt besetzt.

 

Das Autograph der in Rom entstandenen Kantate liegt in der Deutschen Staatsbibliothek Berlin unter der Signatur Mus. ms. autogr. Mendelssohn 21.

 

Liedtext

I. (Chor)

Choralstrophen 1 und 2

Vom Himmel hoch, da komm ich her,
ich bring’ euch gute neue Mär;
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich sing’n und sagen will.

Euch ist ein Kindlein heut’ geborn
von einer Jungfrau auserkorn,
ein Kindelein, so zart und fein,
das soll euer Freud und Wonne sein.

II. Arie (Bariton)

Choralstrophe 3/Anfang 4

Es ist der Herr Christ, unser Gott,
der will euch führn aus aller Not,
Er will euer Heiland selber sein,
von allen Sünden machen rein.

Er bringt euch alle Seligkeit,
die Gott der Vater hat bereit.
Es ist der Herr Christ, unser Gott.

III. Choral (Chor)

Choralstrophe 4

Er bringt euch alle Seligkeit,
die Gott der Vater hat bereit,
daß ihr mit uns im Himmelreich
sollt leben nun und ewiglich.

IV. Arie (Sopran)

Choralstrophen 8 und 10

Sei willekomm’, du edler Gast!
Den Sünder nicht verschmähet hast,
und kommst ins Elend her zu mir,
wie soll ich immer danken dir?

Und wär’ die Welt vielmal so weit,
von Edelstein und Gold bereit’,
so wär sie doch dir viel zu klein,
zu sein ein enges Wiegelein.

V. Arioso (Bariton)

Choralstrophe 12

Das also hat gefallen dir,
die Wahrheit anzuzeigen mir.
Wie aller Welt Macht, Ehr’ und Gut
vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

VI. (Chor)

Choralstrophe 15

Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
der uns schenkt seinen ein’gen Sohn;
des freuen sich der Engel Schar
und singen uns solch neues Jahr.

 

Besetzung:

Chor SSATB, Soli Sopran/Bariton, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, 2 Violinen, 2 Viola, 2 Violoncelli, Kontrabass

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 16 Minuten

 

 

6. Verleih uns Frieden gnädiglich, MWV A 11 (1831)

Die einsätzige Komposition »Verleih uns Frieden gnädiglich« hielt Mendelssohn acht Jahre nach ihrer Fertigstellung als einzige Choralkantate für druckgeeignet.

 

Der Text von Martin Luther von 1529 nach der Antiphon Da pacem, Domine (vgl. EG 421), wurde mit einer ganz neuen Melodie unterlegt, deren Orchesterbegleitung besonders durch die warme Tongebung der geteilten Celli und Bratschen charakterisiert ist.

 

Liedtext

Verleih uns Frieden gnädiglich,
Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht,
der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

 

Besetzung:

Chor SATB, 2 Flöten, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Violinen, Viola, 2 Violoncelli, Kontrabass oder Chor SATB und Orgel

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 6 Minuten

Übungsmaterial ►

 

7. Wir glauben all an einen Gott, MWV A 12 (1831)

Text und Melodie: Martin Luther, vgl. EG 183

 

Mendelssohn begann diese Kantate als erste der Kantaten über Texte nach Martin Luther. Er erwähnt sie bereits Ende 1830: »...Aber eine grosse Fuge mache ich „Wir glauben all“...«

 

Besetzung:

Chor SATB, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, 2 Violinen, Viola, 2 Violoncelli, Kontrabass, [Orgel]

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 8 Minuten

 

8. Ach Gott, vom Himmel sieh darein, MWV A 13 (1832)

Text und Melodie: Martin Luther 1524 (Ps 12), vgl. EG 273

 

Besetzung:

Solo Bariton, Chor SATB, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, 2 Violinen, Viola, Violoncello/Kontrabass

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 14 Minuten

 

Notenmaterial, Hörproben und Übungsdateien

1. Christe, du Lamm Gottes, MWV A 5 (1827)

2. Jesu, meine Freude (1828)

3. Wer nur den lieben Gott läßt walten, MWV A 7 (1829)

6. Verleih uns Frieden gnädiglich, MWV A 11 (1831)

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Karen Lehmann (Hrsg.): Felix Mendelssohn Bartholdy: Vom Himmel hoch. Choralkantate über Luthers Weihnachtslied. Carus, Stuttgart 1985, ISMN M-007-06457-0 (Partitur)

Gotteslob (GL), Katholisches Gebet- und Gesangbuch, Ausgabe für das Erzbistum Köln.
1975/1996, Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart, J. P. Bachem Verlag, Köln

Gotteslob (GGB), Katholisches Gebet- und Gesangbuch, Ausgabe für das Erzbistum Köln.
2013, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart

Evangelisches Gesangbuch (EG), Ausgabe für die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Lippische Landeskirche. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, Luther-Verlag, Bielefeld, 1996

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Mendelssohn_Choralkantaten.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 10.09.2017

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