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Werkbeschreibung | Gabriel Fauré

Requiem op. 48

 

Das Requiem op. 48 von Gabriel Fauré ist eine Komposition für Sopran- und Bariton-Solisten, vier- bis sechsstimmigen Chor und Orchester, für das er sich mehr als zehn Jahre Zeit nahm.
Bereits 1877, Fauré war gerade an der Madeleine zum maître de chapelle ernannt worden, entwarf er ein Libera Me für Baritonstimme und Orgel, über dessen Aufführung allerdings nichts bekannt ist.

 

Die Erstfassung seines Requiems - seines einzigen größeren Werkes mit einem religiösen Text - von 1887/88, bestehend aus den fünf Sätzen Introït mit Kyrie, SanctusPie Jesu, Agnus Dei und In Paradisum, schrieb der 42 Jährige zwischen dem Tod seines Vaters (1885) und seiner Mutter (1887) und führte es erstmals am 16. Januar 1888 in der Église de la Sainte Marie Madeleine in Paris zur Beerdigung eines angesehenen Architekten auf. Nach der Aufführung machte ihm der Vikar der Madeleine klar, das Repertoire an der Madeleine sei umfassend genug und man bräuchte sein Stück nicht. Unbeirrt setzte Fauré aber die Arbeit an seinem Requiem fort, fügte der Besetzung der Erstfassung - einem Streichorchester ohne Violinen, mit Harfe, Pauke und Orgel - im Mai 1888 zunächst Hörner und Trompeten hinzu, bearbeitete es von 1889 bis 1892 für Kammerorchester und ergänzte es um das Offertoire und das Libera Me von 1877. Diese Fassung wurde am 23. Januar 1893 uraufgeführt.

 

In den Jahren 1894 bis 1899 gab Fauré seinem Requiem die am 12. Januar 1900 uraufgeführte Endfassung für großes Orchester.

 

Faurés Requiem weicht in mehrerlei Hinsicht von der traditionellen Totenmesse ab. Er hatte bei zu vielen Beerdigungen die Orgel gespielt, um nicht die katholische Totenliturgie genau zu kennen. Indessen verwendet er sie nur zum Teil und nimmt sich mit den Texten Freiheiten heraus, die den Abstand verdeutlichen, den er angesichts der traditionellen Worte über die letzten Dinge zu wahren beabsichtigt.
Die erste Initiative, die uns auffällt, ist die Auslassung des Dies irae: Reaktion eines Komponisten, der Bedenken hegt gegen den romantischen Aufschrei, Wunsch eines wenig gläubigen Menschen, das Phänomen des Todes zu entdramatisieren. Die beiden Gefühle konvergieren. Die Trauer, die ihn bewegt, vermag sich in der konventionellen Sprache der großen Begräbnisse nicht zu artikulieren. In der Liturgie der Kirche forscht er instinktiv nach den Worten, die ihm angemessen erscheinen, um seinem eigenen Schmerz Ausdruck zu verleihen. Seine zärtliche Liebe spricht stärker zu uns, als die Stimme eines ihm fremden Dogmas. Nicht vom Jüngsten Gericht noch von Angst und Schrecken ist die Rede. Fauré verzichtet auf eine dramatisierende Darstellung des Dies irae und beschränkt sich auf die Vertonung von dessen letztem Vers, dem Pie Jesu. An die Stelle des Dies irae („Tag des Zornes“) tritt eine andere Verheißung, nämlich die des abschließenden In paradisum aus den Exequien, das traditionell bei der Überführung des Leichnams von der Kirche zum Friedhof erklingt. Aus der religiösen Welt, in der er beruflich zu Hause ist, hat Fauré die Vorstellung übernommen, dass das Paradies ein Ort der Erquickung, des Lichts und des Friedens ist. Es ist die einzige Zukunft, die er für jene, denen er in Liebe zugetan war, in Betracht ziehen möchte. Auf diese Weise gibt er dem Wort „Requiem“ seine Grundbedeutung zurück. Es handelt sich um eine ewige Ruhe, die der Komponist mit einer ihm eigenen gefühlsmäßigen Vorstellung ausstattet.

 

Fauré schrieb 1900 über sein friedvolles Requiem: »Es ist von sanftmüftigem Charakter, so wie ich selbst« und erläuterte später, dass er den Tod »nicht als ein schmerzliches Erlebnis, sondern als eine willkommene Befreiung, ein Streben nach dem Jenseits« ansieht. »Ich habe instinktiv versucht, dem zu entfliehen, was man allgemein für richtig und angebracht hielt. Nach all den Jahren, in denen ich Begräbnisgottesdienste auf der Orgel begleitet habe, kenne ich alles auswendig! Ich wollte etwas anderes schreiben.«

 

Aufbau und vollständiger Text

1. Introït et Kyrie

Das Introït et Kyrie beginnt mit dem sanften, auf einem Akkord gesungenen Requiem aeternam des Chores, das melodiös zunächst von den Tenören, dann von den Sopranen weitergeführt wird. Lautstark trägt danach der Chor die Bitte Exaudi orationem meam vor, kehrt dann aber wieder ins Pianissimo zurück und lässt den Satz sanft mit dem Kyrie eleison ausklingen.

 

Requiem aeternam dona eis, Domine,
et lux perpetua luceat eis.
Te decet hymnus, Deus, in Sion,
et tibi reddetur votum in Jerusalem.
Exaudi orationem meam,
ad te omnis caro veniet.
Kyrie eleison.
Christe eleison.
Kyrie eleison.

Herr, gib ihnen die ewige Ruhe,
und das ewige Licht leuchte ihnen.
Dir gebührt Lob, Herr, auf dem Zion,
Dir erfüllt man Gelübde in Jerusalem.
Erhöre mein Gebet;
zu Dir kommt alles Fleisch.
Herr, erbarme Dich.
Christus, erbarme Dich.
Herr, erbarme Dich.

2. Offertoire (Bariton-Solo und Chor)

Das Offertoire leitet ein zweistimmiger Chor ein. Im Mittelteil trägt der Bariton die eigentlichen Fürbitten solistisch vor, worauf der Chor beschwörend seine Anfangsworte wiederholt, dann aber mit dem Amen wieder ins Pianissimo zurückkehrt.

 

O Domine Jesu Christe, Rex gloriae,
libera animas defunctorum
de poenis inferni,

et de profundo lacu,
de ore leonis,
ne absorbeat tartarus,
ne cadant in obscurum.

Hostias et preces tibi Domine,

laudis offerimus;
tu suscipe pro animabus illis,
quarum hodie memoriam facimus:
Fac eas, Domine, de morte transire

ad vitam,
quam olim Abrahae promisisti

et semini eius.
O Domine Jesu Christe, Rex gloriae,
libera animas defunctorum
de poenis inferni,

et de profundo lacu,
ne cadant in obscurum.
Amen.

Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit,
bewahre die Seelen der Verstorbenen
vor den Qualen der Hölle,
vor den Tiefen der Unterwelt,
dem Rachen des Löwen,
dass die Hölle sie nicht verschlinge,
noch dass sie hinabstürzen in die Finsternis.


Opfergaben und Gebete bringen wir dir dar,

Herr, nimm sie an für jene Seelen,
derer wir heute gedenken.
Gib, Herr, dass sie vom Tode gelangen

zum Leben,
was einst Abraham versprochen wurde
und dessen Nachkommen.
Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit,
bewahre die Seelen der Verstorbenen
vor den Qualen der Hölle,

vor den Tiefen der Unterwelt,
dass sie nicht hinabstürzen in die Finsternis.
Amen.

3. Sanctus

Der liebliche, einstimmige Chorgesang des Sanctus drückt unendliche Ruhe aus, die kurz vom markanten Hosanna in excelsis der von Bläsern unterstützten Männerstimmen unterbrochen wird, im sanften Ausklingen des Satzes aber wieder einkehrt.

 

Sanctus, Sanctus, Sanctus
Dominus Deus Sabaoth.
Pleni sunt coeli et terra gloria tua.
Hosanna in excelsis.

Heilig, heilig, heilig
Herr, Gott der Heerscharen.
Himmel und Erde sind erfüllt 
von deiner Herrlichkeit.
Hosanna in der Höhe.

4. Pie Jesu (Sopran-Solo)

Im Pie Jesu, dem wohl bekanntesten und beliebtesten Satz des Requiems, hat Fauré nur den letzten Vers des Dies irae (Milder Herr Jesus, schenke ihnen die ewige Ruhe) vertont. Die Schlichtheit der lieblichen Melodie gibt dieser Bitte einen ganz besonderen Nachdruck.

 

Pie Jesu,

Domine, dona eis requiem,

sempiternam requiem. 

Gütiger Jesus,

Herr, gib ihnen Ruhe,

die ewige Ruhe.

5. Agnus Dei

Diese Stimmung bleibt im Agnus Dei, das die Tenöre einstimmig beginnen, zunächst erhalten, bis der Chor nach „ewiger Ruhe“ ruft und das Bitten beschwörender wird.

 

Agnus Dei,

qui tollis peccata mundi,
dona eis requiem. (2x)
Agnus Dei,

qui tollis peccata mundi,
dona eis requiem,

sempiternam requiem. 

Lamm Gottes,

du nimmst hinweg die Sünde der Welt,
gib ihnen Ruhe.
Lamm Gottes,

du nimmst hinweg die Sünde der Welt,
gib ihnen Ruhe,

die ewige Ruhe.

6. Libera Me (Bariton-Solo und Chor)

Im Libera Me erfährt das Werk noch einmal eine gewisse Dramatik. Der Bariton beginnt zunächst sehr ruhig mit der Bitte um Erlösung, die im eindringlichen Chorgesang fortgeführt wird, bis unvermittelt die Hörner einen wahren Aufschrei einleiten, mit dem der Chor im Fortissimo auf das Jüngste Gericht hinweist. Doch bevor sich ein Gefühl von Angst und Schrecken ausbreiten kann - nur siebzehn Takte umfasst dieser Aufschrei -, kehren Bariton und Chor wieder zum Eingangsthema zurück und lassen den Satz friedlich und zuversichtlich ausklingen; das jüngste Gericht hat nie stattgefunden.

 

Libera me, Domine,

de morte aeterna,
in die illa tremenda,
quando coeli movendi sunt et terra,
dum veneris judicare saeculum per ignem.

Rette mich, Herr,

vor dem ewigen Tod
an jenem Tage des Schreckens,
wo Himmel und Erde wanken,
da Du kommst, die Welt durch Feuer zu richten.

Tremens factus sum ego, et timeo,
dum discussio venerit,

atque ventura ira.
Dies illa, dies irae,
calamitatis et miseriae,
dies magna et amara valde.
Dum veneris judicare saeculum per ignem.
Requiem aeternam dona eis, Domine,
et lux perpetua luceat eis.
Libera me, Domine, de morte aeterna,
in die illa tremenda,
quando coeli movendi sunt et terra,
dum veneris judicare saeculum per ignem.

Zittern befällt mich und Angst,
denn die Rechenschaft naht

und der drohende Zorn.
O jener Tag, Tag des Zorns,
des Unheils, des Elends,
o Tag, so groß und so bitter,
da Du kommst, die Welt durch Feuer zu richten.
Herr, gib ihnen die ewige Ruhe,
und das ewige Licht leuchte ihnen.
Rette mich, Herr, vor dem ewigen Tod
an jenem Tage des Schreckens,
wo Himmel und Erde wanken,
da Du kommst, die Welt durch Feuer zu richten.

7. In Paradisum (Chor)

Direkt ins Paradies scheint der engelhafte Gesang mit Harfenbegleitung des letzten Satzes, In Paradisum, zu führen und unterstreicht Faurés Einstellung, wonach der Tod „nicht ein schmerzliches Erlebnis, sondern eine willkommene Befreiung, ein Streben nach dem Jenseits ist“.

 

In paradisum deducant angeli;
in tuo adventu suscipiant te martyres,
et perducant te in civitatem

sanctam Ierusalem.
Chorus angelorum te suscipiat,
et cum Lazaro quondam paupere,
æternam habeas requiem.

Ins Paradies mögen die Engel dich geleiten,
bei deiner Ankunft die Märtyrer dich empfangen
und dich führen in die

heilige Stadt Jerusalem.

Der Chor der Engel möge dich empfangen,
und mit Lazarus, dem einst armen,
mögest du ewige Ruhe haben.

 

Aufführungsdauer: ca. 35 Minuten 

Besetzung:

2 Soli (Sopran, Bariton), Chor (SATTBB), Orchester (2 Flöten, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, Harfe, Violinen, 2 Viola, 2 Violoncello, Kontrabass), Orgel

 

Notenmaterial

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Jean-François Labie: Fauré Requiem (in Französisch), Übersetzung von Wilfried Sczepan

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Faure_Requiem_48.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 28.11.2017

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