ERZBISTUM KÖLN  TagesLiturgie     

Werkbeschreibung | Antonín Dvořák

Messe in D op. 86 (1887/1892)

 

Die Messe D-Dur op. 86 komponierte Dvořák zwischen dem 26. März und 17. Juni des Jahres 1887 auf Wunsch des Architekten und Gründers der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Josef Hlávka, in einer Fassung für Soli, Chor und Orgel. Hlávka wollte eine neuerbaute Kapelle in seinem Schloß in Lužany (Südwestböhmen) festlich einweihen lassen und fand in Antonín Dvořák einen idealen Partner für diesen Auftrag. Der Komponist hatte sich zu jener Zeit bereits über die Grenzen seiner tschechischen Heimat hinaus einen großen Namen gemacht. Er war verschiedentlich mit kirchlichen Werken hervorgetreten, so unter anderem mit dem Stabat Mater (1876/77), das nach Aufführungen in Budapest und Wien sehr große Erfolge in London (1883) und New York (1884) zu verbuchen hatte. Auch in die Messe D-Dur brachte der Komponist seine ganze Meisterschaft ein.

 

Das Werk zeugt von Dvoráks Kunstfertigkeit, einen sakralen Text musikalisch zu fassen und gleichzeitig die heitere, unbeschwerte Atmosphäre der lieblichen böhmischen Landschaft und die Schlichtheit eines wahrhaft und tief religiös verwurzelten Landvolkes einzufangen, ohne sich dabei aber in folkloristischen Vereinfachungen zu verlieren.

 

In einem Brief an seinen Auftraggeber vom 17. Juni 1887 berichtete Dvořák:

»Sehr geehrter Herr Rat und lieber Freund. Ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß ich die Arbeit (die Messe D-Dur) glücklich beendet habe und daß ich große Freude daran habe. Ich denke, es wird ein Werk sein, das seinen Zweck erfüllen wird. Es könnte heißen: Glaube, Hoffnung und Liebe zu Gott dem Allmächtigen und Dank für die große Gabe, die mir gestattete, dies Werk zum Preis des Allerhöchsten und zur Ehre unserer Kunst zu beenden. Wundern Sie sich nicht, daß ich so gläubig bin - aber ein Künstler, der es nicht ist, bringt nichts solches zustande. Haben wir denn nicht Beispiele an Beethoven, Bach, Rafael und vielen anderen? Schließlich danke ich auch Ihnen, daß Sie mir die Anregung gaben, ein Werk in dieser Form zu schreiben, denn sonst hätte ich kaum je daran gedacht; bisher schrieb ich Werke dieser Art nur in großem Ausmaße und mit großen Mitteln. Diesmal aber schrieb ich nur mit bescheidenen Hilismitteln und doch wage ich zu behaupten, daß mir die Arbeit gelungen ist

 

Die Hoffnung des Komponisten, »mit diesem Werk in England ähnliche Erfolge zu erzielen wie mit dem Stabat Mater«, erfüllten sich jedoch nicht. Der Uraufführung am 11. November 1887 in Lužany unter der Mitwirkung von Dvořák folgten bis Ende der 1880er Jahre nur noch drei weitere Aufführungen: am 15. April 1888 in Pilsen (Plzeň) als öffentliche Erstaufführung sowie am 25. März und 16. April 1889 in Prag.

 

Diese anfänglich so geringe Resonanz des Werkes dürfte kaum auf die Qualität der Komposition zurückzuführen sein. Vielmehr scheinen dabei Aspekte der Gattung 'Messe' eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Denn als Dvořák im Jahre 1889 dem Musikverlag Simrock seine Messe D-Dur zum Druck anbot, erhielt er als Antwort: »Mit einer Messe ist heutzutage gar nichts mehr zu machen - und die Herstellung des Materials ist so teuer für so ein umfangreiches Werk, daß man die Kosten nicht wieder herausbringt. Es kauft ja niemand eine Messe, und die paar Vereine, die das Werk etwa aufführen, sind nicht nennenswert den Kosten gegenüber«.

 

Erst im Jahre 1892, nachdem, wie Dvořák es selbst ausdrückte, Simrock ihn mit der Messe sitzengelassen hatte, fand sich in der Firma Novello & Company London ein Verleger, der Interesse an dieser Messe zeigte. Für den Druck allerdings stellte Novello die Bedingung, den Orgelpart der ursprünglichen Fassung durch eine eigenständige Orchesterbegleitung zu ersetzen. Dvořák schrieb das Werk noch vor seiner ersten Amerikareise zwischen März und Juni 1892 für Orchester um, dabei wurden der Vokalsatz und die musikalische Substanz der Begleitung unverändert beibehalten. Das zweitaktige Vorspiel des Kyrie ist die gegenüber der Orgelfassung einzige Hinzufügung des Komponisten. Eine längere Solopassage erhält die Orgel im Vorspiel zum Benedictus, sonst tritt sie nur begleitend in Erscheinung.

 

Die Uraufführung der Orchesterfassung erfolgte am 11. März 1893 im Londoner Crystal Palace unter der Leitung von August Manns (1825-1907). Dvořáks Messe in D erfreute sich nach ihrer Uraufführung großer Beliebtheit. Der Komponist selbst berichtet während seiner Zeit in Amerika von Aufführungen in New York, Saint Paul, Minneapolis und New Orleans.

 

Aufbau

Im Kyrie (Andante con moto), das in wiegendem Sechsvierteltakt gehalten ist, bestimmt ein Kreuzmotiv nicht unähnlich demjenigen im Requiem des Komponisten das musikalische Geschehen der Rahmenteile. Es verengt sich zu chromatischer Dichte aus einem ursprünglich intervallisch etwas offener gefassten Motiv, mit dem die Soprane und Tenöre des Chores imitatorisch beginnen. Dvořák verarbeitet das Material in polyphonem Satz in mehreren Steigerungspartien auf harmonisch spannungsreiche Weise; erst am Ende des ersten Kyrie-Abschnittes wird die Anfangstonalität D-Dur triumphal wieder erreicht. Der in g-Moll beginnende Christe-Abschnitt konstituiert sich aus einem abtaktigen, abwärts gerichteten Dreiklangmotiv, das die Akllamation Christe, Christe trägt, samt kreisend stufenmelodischem Anhang eleison. Im knapperen dritten Kyrie-Abschnitt erklingen nach anfänglichem Rückgriff auf den ersten Teil des Satzes Kyrie- und Christe-Motiiik auf kleinem Raum noch einmal hintereinander.

 

Das Gloria beginnt mit aufstrebenden, ineinander verschachtelten Dreiklangsbrechungen; das Et in terra pax ist als A-cappella-Episode im Pianissimo und durch Seufzermotivik vom jubelnden Anfang abgesetzt. Mit der folgenden Lobpreispassage (Laudamus te) steigert sich die Musik, lockerer gefügt in Fis-Dur mit musikalischen Huldigungsgesten über Orgelpunkt-getragenen Quartsextakkorden beginnend, zum Fortissimo, dabei zu bündigerem, stringent fortschreitendem Satz zurückkehrend; bei Adoramus te wird ein Fugato zwischengeschaltet. Nach einem teilweise vom kleinen Chor bzw. von den Solisten getragenen ruhigeren Mittelteil mit dynamischen Steigerungen bei Pater omnipotens und Domine Deus, Agnus Dei kehrt ab Quoniam tu solus sanctus die Musik des Lobpreis-Abschnittes in modifziierter Weise wieder; das Fugato Cum Sancto Spiritu entspricht demjenigen bei Adoramus te, dessen ursprünglich dreiklangsmelodisches Thema nun in stufenmelodisch ausgefüllter Form erscheint.

 

Im Credo (Allegro moderato) bestreitet Dvořák den Anfangsteil und den Abschnitt über den Heiligen Geist (Credo in Spiritum Sanctum) mit derselben Musik liedhaft freundlichen gestimmten Charakters, die beim zweiten Mal unter Verwendung desselben Materials den (nicht als Fuge ausgestalteten) Schlussteil Et vitam venturi saeculi nach sich zieht. Dazwischen sticht die Passage ab Deum de Deo durch eigentümliche Harmonik hervor: Dvořák reiht mächtige, tonartlich teilweise sehr entfernte Akkorde aneinander, wohl um gleichzeitig die Größe und die Unergründlichkeit des Angerufenen musikalisch zum Ausdruck zu bringen. Crucifixus etiam pro nobis deklamiert der Chor im Fortissimo auf repetierten DV-Akkorden als Sinnbild für die Ungeheuerlichkeit des Geschehens; bei et sepultus est geht der Gesang abrupt in ein zögerliches Flüstern über.

 

Im Anschluss an ein knappes, recht konventionelles Sanctus erfährt das Benedictus große Ausdehnung. Nach langer instrumentaler Einleitung flicht der Chor, den transportierten Text intensiv beleuchtend und vermittelnd, einen dichten polyphonen Satz unter beständigem Variieren des zu Grunde liegenden thematischen Materials.

 

Das nicht der liturgischen Dreiteiligkeit des Textes folgende Agnus Dei beginnt in h-Moll als ausgedehnte Fugenexposition des kleinen Ensembles bzw. des Solistenquartetts. Anschließend wiederholt der Chor mit einem eigenen, sehr expressiven Motiv auf DV-Basis die Worte Miserere nobis. Darin fügt sich, begonnen vom Tenor unter Rückgriff auf das Christe-Dreiklangsmotiv aus dem Kyrie und auf den Qui tollis peccata-Abschnitt des Fugenthemas im ersten Teil des Agnus Dei, die Bitte Dona nobis pacem an. Die Messe klingt friedlich im dreifachen Piano aus, wobei die letzte homophone Chorphrase über C-Dur und a-Moll noch einmal kurzfristig von der zuvor bereits befestigten Grundtonart D-Dur wegführt.

Besetzung:

Soli (SATB), Chor (SATB) und Orgel

Soli (SATB), Chor (SATB), 2 Oboen, 2 Fagotte, 3 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, 2 Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass, Orgel

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 43 Minuten.

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Klaus Döge (Hrsg.): Antonín Dvorák: Messe in D. CV 40.653/07, Carus-Verlag, Stuttgart (Studienpartitur)

Michael Wersin (Hrsg.): Reclams Führer zur lateinischen Kirchenmusik, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 2006

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Dvorak_Messe_op86.html

Autor: Vincent Heitzer, Judith Roßbach

Letzte Änderung am 04.12.2017

Zum Seitenanfang Benutzer-Login Seite weiterempfehlen Druckversion Kontakt  Barrierefrei Datenschutz  Impressum