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Werkbeschreibung | Ludwig van Beethoven

Oratorium „Christus am Ölberge“ op. 85

 

Beethoven komponierte „Christus am Ölberge“ nach eigenen Aussagen im März 1803 innerhalb von nur 14 Tagen. Das Oratorium wurde gemeinsam mit dem dritten Klavierkonzert op. 37 und der 1. und 2. Symphonie op. 21 und 36 in der Akademie vom 5. April 1803 im Theater an der Wien uraufgeführt.

 

Das Libretto stammt vom Wiener Literaten Franz Xaver Huber (1760-1810) nach Matthäus 26, 36-56, Markus 14, 32-52, Lukas 22, 39-53, Johannes 17 und Johannes 18, 1-11.

 

Das Werk wurde von der zeitgenössischen Kritik verhalten, vom Publikum jedoch freundlicher aufgenommen. Der Misserfolg der Komposition liegt nicht nur, aber in hohem Maße in den Schwächen ihres Librettos begründet. Der Text von Franz Xaver Huber ist ausgesprochen simpel und überschreitet an vielen Stellen die Grenze zum Lächerlichen. Auch dramaturgisch lässt die Behandlung des Stoffes viele Wünsche offen.

 

Für eine erneute Aufführung am 27. März 1804 arbeitete Beethoven seine Komposition so grundlegend um, dass die Fassung von 1803 heute nur schwer rekonstruierbar ist. Am Text retuschierte man sogar noch erheblich intensiver. Wahrscheinlich auf Betreiben des Verlages Breitkopf & Härtel in Leipzig, bei dem 1811 die Originalausgabe erschien, wurde das Libretto sprachlich geglättet und stilistisch mehr dem Zeitgeschmack des Betrachtenden, Erbaulichen angepasst. Das Werk wurde anders, auch gefälliger - gut wurde es nicht. Beethoven war sich dessen wohl bewusst und lehnte in späteren Jahren Stoffe ab, wenn er von deren Qualität - auch in textlicher Hinsicht - nicht überzeugt war. »...daß ich wohl jezt ganz anders ein oratorium schreibe als damals das ist gewiß«, schreibt er im August 1811 an den Verlag Breitkopf & Härtel. Umgesetzt hat er die Behauptung nicht und kein weiteres Oratorium komponiert, obgleich immer wieder sowohl Anfragen als auch Pläne vorlagen.

 

Die Handlung des Oratoriums setzt im Garten Gethsemane ein, als Jesu Verhaftung kurz bevorsteht und er seinen Vater um Trost bittet, gleichzeitig aber seinen bevorstehenden Kreuzestod „zum Heil der Menschheit“ willkommen heißt. Als die Krieger auftauchen, um Jesus zu verhaften, bittet er seinen Vater, die Leidensstunden mögen schnell vorübergehen. Währenddessen flehen die Jünger um Erbarmen. Petrus versucht, Jesus zu retten, wird aber von diesem davon abgehalten. Als Jesus von den Kriegern gepackt wird, beschließt ein Chor der Engel das Werk.

 

Die Musik Beethovens zeigt starke opernhafte Züge, man könnte sie als Vorstudie zur gleichzeitig begonnenen Arbeit an Leonore betrachten. Sie ist in traditioneller Weise nach einer orchestralen „Introduzione“ in eine Folge von Rezitativen, Arien und Chören gegliedert. Die Kontraste sind höchst wirkungsvoll dargestellt, die Musik versetzt den Hörer in die gegensätzlichen Empfindungen von Angst, Schrecken, Zorn und Jubel. Im Gegensatz zu früherer Tradition ist die Christuspartie einem Tenor anvertraut, weitere Personen der Handlung sind der Sopran Seraph (ein sechsflügeliger Engel) und Petrus als Bass. Der Chor ist mehrfach geteilt in den gemischten Chor der Engel, den Chor der Krieger (TBB) und den Chor der Jünger (TT). Da Krieger und Jünger auch zusammen auftreten, ist eine starke Männerbesetzung notwendig.

 

Aufbau und vollständiger Text des Oratoriums

1. Introduktion (Grave – Adagio), Rezitativ und Arie (Allegro)

Rezitativ (Jesus)

Jehovah, du mein Vater! O sende Trost und Kraft und Stärke mir! Sie nahet nun, die Stunde meiner Leiden, von mir erkoren schon, noch eh' die Welt auf dein Geheiß dem Chaos sich entwand. Ich höre deines Seraphs Donnerstimme. Sie fordert auf, wer statt der Menschen sich vor dein Gericht jetzt stellen will. O Vater! Ich erschein' auf diesen Ruf. Vermittler will ich sein, ich büße, ich allein, der Menschen Schuld. Wie könnte dies Ge­schlecht, aus Staub gebildet, ein Gericht er­tragen, das mich, deinen Sohn, zu Boden drückt! Ach sieh', wie Bangigkeit, wie Todesangst mein Herz mit Macht ergreift! Ich leide sehr, mein Vater! O sieh! Ich leide sehr, erbarm' dich mein!

Arie (Jesus)

Meine Seele ist erschüttert
von den Qualen, die mir dräun.
Schrecken faßt mich, und es zittert
gräßlich schaudernd mein Gebein.
Wie ein Fieberfrost ergreifet
mich die Angst beim nahen Grab,
und von meinem Antlitz träufet
statt des Schweißes Blut herab.
Vater! Tief gebeugt und kläglich
fleht dein Sohn hinauf zu dir:
Deiner Macht ist alles möglich,
nimm den Leidenskelch von mir.
Meine Seele ist erschüttert
von den Qualen, die mir dräun.
Und von meinem Antlitz träufet
statt des Schweißes Blut herab.

2. Rezitativ, Arie (Larghetto) und Chor

Rezitativ (Seraph)

Erzittre, Erde! Jehovah's Sohn liegt hier, sein Antlitz tief in Staub gedrückt, vom Vater ganz verlassen, und leidet unnennbare Qual. Der Gütige! Er ist bereit, den martervollsten Tod zu sterben, damit die Menschen, die er liebt, vom Tode auferstehen und ewig leben!

Arie (Seraph)

Preist des Erlösers Güte,
preist, Menschen, seine Huld!
Er stirbt für euch aus Liebe,
sein Blut tilgt eure Schuld.

Seraph und Chor der Engel

O Heil euch, ihr Erlösten,
euch winket Seligkeit,
wenn ihr getreu in Liebe,
in Glaub' und Hoffnung seid.
Doch weh! Die frech entehren das Blut,
das für sie floß,
sie trifft der Fluch des Richters,
Verdammung ist ihr Los.

3. Rezitativ und Duett (Adagio molto)

Rezitativ (Jesus)

Verkündet, Seraph, mir dein Mund Erbarmen meines ew'gen Vaters?
Nimmt er des Todes Schrecknisse von mir?

Rezitativ (Seraph)

So spricht Jehovah: Eh' nicht erfüllet ist das heilige Geheimnis der Versöhnung, so lange bleibt das menschliche Geschlecht verworfen und beraubt des ew'gen Lebens.

Duett (Jesus und Seraph)

Jesus

So ruhe denn mit ganzer Schwere auf mir, mein Vater, dein Gericht.
Gieß über mich den Strom der Leiden, nur zürne Adams Kindern nicht!

Seraph

Erschüttert seh' ich den Erhabnen in Todesleiden eingehüllt.
Ich bebe, und mich selbst umwehen die Grabesschauer, die er fühlt.

Jesus, Seraph

Groß sind die Qual, die Angst, die Schrecken, die Gottes Hand auf mich/ihn ergießt,
doch größer noch ist meine/seine Liebe, mit der mein/sein Herz die Welt umschließt.

4. Rezitativ und Chor (Alla marcia)

Rezitativ (Jesus)

Willkommen, Tod, den ich am Kreuze
zum Heil der Menschheit blutend sterbe!
O seid in eurer kühlen Gruft gesegnet,
die ein ew'ger Schlaf in seinen Armen hält,
ihr werdet froh zur Seligkeit erwachen!

Chor der Krieger

Wir haben ihn gesehen
nach diesem Berge gehen,
entfliehen kann er nicht,
sein wartet das Gericht.

5. Rezitativ (Tempo della Marcia) und Chor (Allegro molto)

Rezitativ (Jesus)

Die mich zu fangen ausgezogen sind, sie nahen nun. Mein Vater! O führ' in schnellem Flug der Leiden Stunden an mir vorüber, daß sie fliehn, rasch, wie die Wolken, die ein Sturmwind treibt, an deinen Himmeln ziehn. Doch nicht mein Wille, nein, dein Wille nur geschehe.

Chor der Krieger

Hier ist er, der Verbannte,
der sich im Volke kühn
der Juden König nannte,
ergreift und bindet ihn!

Chor der Jünger

Was soll der Lärm bedeuten?
Es ist um uns geschehn!
Umringt von rauhen Kriegern,
wie wird es uns ergehn?
Erbarmen, ach, Erbarmen!
Es ist um uns geschehn!

6. Rezitativ, Terzett und Chor (Allegro ma non troppo), Schlusschor (Maestoso – Allegro)

Rezitativ (Petrus)

Nicht ungestraft soll der Verweg'nen Schar dich Herrlichen, dich, meinen Freund und Meister,
mit frecher Hand ergreifen.

Rezitativ (Jesus)

O laß dein Schwert in seiner Scheide ruhn! Wenn es der Wille meines Vaters wäre, aus der Gewalt der Feinde mich zu retten, so würden Legionen Engel bereit zu meiner Rettung sein.

Terzett

Petrus

In meinen Adern wühlen gerechter Zorn und Wut.
Laß meine Rache kühlen in der Verweg'nen Blut!

Jesus

Du sollst nicht Rache üben! Ich lehrt' euch bloß allein,
die Menschen alle lieben, dem Feinde gern verzeihn! 

Seraph

Merk' auf, o Mensch, und höre: Nur eines Gottes Mund
macht solche heil'ge Lehre der Nächstenliebe kund.

Seraph, Jesus, Petrus

O Menschenkinder, fasset dies heilige Gebot:
Liebt jenen, der euch hasset, nur so gefallt ihr Gott!

Chor der Krieger

Auf, auf! Ergreifet den Verräter,
weilet hier nun länger nicht.
Fort jetzt mit dem Missetäter,
schleppt ihn schleunig vor Gericht!

Chor der Jünger

Ach! Wir werden seinetwegen
auch gehaßt, verfolget sein.
Man wird uns in Bande legen
martern und dem Tode weihn.

Jesus

Meine Qual ist bald verschwunden,
der Erlösung Werk vollbracht,
bald ist gänzlich überwunden
und besiegt der Hölle Macht!

Chor der Engel

Welten singen Dank und Ehre
dem erhab'nen Gottessohn.
Preiset ihn, ihr Engelchöre,
laut im heil'gen Jubelton!

 

Besetzung:

Soli (STB) - Jesus (Tenor), Seraph (Sopran), Petrus (Bass) -, Chor und Orchester

 

Die Aufführungsdauer beträgt ca. 52 Minuten

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Beethoven_op85.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 02.05.2015

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