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Werkbeschreibung | Johann Sebastian Bach

Wachet auf, ruft uns die Stimme, BWV 140

 

Eine der bekanntesten Kantaten von Johann Sebastian Bach, Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140 wurde für den im Kirchenjahr nur selten vorkommenden 27. Sonntag nach Trinitatis komponiert. Diesen Sonntag gibt es nur, wenn Ostern auf einen der Tage vor dem 27. März fällt. Bach erlebte diesen Sonntag in seiner Leipziger Amtszeit nur zweimal: im Jahre 1731 und 1742. Die Uraufführung erfolgte am 25. November 1731.

 

Der unbekannte Textdichter übernahm alle drei Strophen des gleichnamigen Chorals von Philipp Nicolai aus dem Jahre 1599 wörtlich für die Sätze 1, 4 und 7. Dazwischen fügte er frei gedichtete Rezitative und Arien ein, die auf biblische Motive des Hoheliedes Salomos zurückgreifen.

 

Grundgedanke des Textes ist die bildliche Gleichsetzung der Verbindung zwischen Jesus und der menschlichen Seele mit einer Hochzeit. Wie bei antiken orientalischen Hochzeiten der Bräutigam anscheinend zu einem nicht genau festgesetzten Zeitpunkt erschien, dann aber ein ordentliches Fest erwartete, so soll die Seele ständig bereit sein, Gott zu begegnen. 

 

Aufbau und vollständiger Text der Kantate

Satz 1 ist eine besonders weit angelegte Choralbearbeitung, die mit ihrem punktierten Rhythmus an den Stil einer französischen Ouvertüre gemahnt: die Choralmelodie erklingt zeilenweise in langen Noten als Cantus firmus im Sopran, welchen Alt, Tenor und Bass, einander imitierend, umspielen. Der Orchestersatz enthält tiefe Oboeninstrumente, was die zu Beginn „nächtliche“ Stimmung des Werkes unterstreicht.

 

Wachet auf, ruft uns die Stimme
Der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
Wach auf, du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde;
Sie rufen uns mit hellem Munde:
Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wohl auf, der Bräutgam kömmt,
Steht auf, die Lampen nehmt!
Alleluja!
Macht euch bereit
Zu der Hochzeit,
Ihr müsset ihm entgegengehn!

 

2. Rezitativ (T)

Das Tenor-Rezitativ kündigt die baldige Ankunft des Bräutigams an.

 

Er kommt, er kommt,
Der Bräutgam kommt!
Ihr Töchter Zions, kommt heraus,
Sein Ausgang eilet aus der Höhe
In euer Mutter Haus.
Der Bräutgam kommt, der einem Rehe
Und jungen Hirsche gleich
Auf denen Hügeln springt
Und euch das Mahl der Hochzeit bringt.
Wacht auf, ermuntert euch!
Den Bräutgam zu empfangen;
Dort, sehet, kommt er hergegangen!

 

3. Arie (S, B)

Das Sopran-Bass-Duett illustriert das Warten der Seele (Sopran) auf Jesus (Bass). Zu bemerken ist die virtuos-leidenschaftliche Solovioline.

 

SEELE: 

Wenn kömmst du, mein Heil?

JESUS:

Ich komme, dein Teil.

SEELE:

Ich warte mit brennendem Öle.

SEELE,

JESUS:

Er öffne /Ich öffne den Saal

zum himmlischen Mahl!

SEELE:

Komm, Jesu!

JESUS:

Komm, liebliche Seele!

 

Satz 4 kehrt zum Choral zurück. Der Cantus firmus wird vom Tenor gesungen. Die begleitende Unisono-Streichermelodie gehört zu den bekanntesten Schöpfungen Bachs.
Bach transkribierte diesen Satz 1748/1749 für Orgel, Choralbearbeitung BWV 645 in der Sammlung Schübler-Choräle.

 

Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freuden springen,
Sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig,
Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.
Nun komm, du werte Kron,
Herr Jesu, Gottes Sohn,
Hosianna!
Wir folgen all
Zum Freudensaal
Und halten mit das Abendmahl.

 

5. Rezitativ (B)

Satz 5 ist ein von Streichern begleitetes Rezitativ des Basses, in dem Jesus die Seele zu sich ruft und ihr Geborgenheit zusagt.

 

So geh herein zu mir,
Du mir erwählte Braut!
Ich habe mich mit dir
Von Ewigkeit vertraut!
Dich will ich auf mein Herz,
Auf meinem Arm gleich wie ein Siegel setzen
Und dein betrübtes Aug ergötzen.
Vergiss, o Seele, nun
Die Angst, den Schmerz,
Den du erdulden müssen;
Auf meiner Linken sollst du ruhn,
Und meine Rechte soll dich küssen.

 

6. Arie (S, B)

Satz 6 ist ein weiteres Sopran-Bass-Duett, in dem Seele und Jesus nunmehr fröhlich vereint sind. Dies wird musikalisch durch zahlreiche Melismen und eine schwungvolle Oboenpartie dargestellt.

 

SEELE: 

Mein Freund ist mein!

JESUS:

Und ich bin sein!

SEELE, JESUS:

 

 

Die Liebe soll nichts scheiden!
Ich will mit dir/du sollst mit mir in Himmels Rosen weiden,
Da Freude die Fülle, da Wonne wird sein!

 

Die Kantate schließt mit einem 4-stimmigen Satz der letzten Choralstrophe.

 

Gloria sei dir gesungen
Mit Menschen- und englischen Zungen,
Mit Harfen und mit Zimbeln schon.
Von zwölf Perlen sind die Pforten,
An deiner Stadt sind wir Konsorten
Der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt,
Kein Ohr hat je gehört
Solche Freude.
Des sind wir froh,
Io io,
Ewig in dulci jubilo.

 

Besetzung:

Soli S (Die Seele) T (Erzähler) B (Jesus), Chor SATB, Orchester: Corno, Oboe I+II, Taille, Violine piccolo, Violine I+II, Viola, Basso continuo (Orgel + Bassono)

 

Notenmaterial und Hörproben

 

Literaturnachweis, Quellen, weiterführende Links:

Hörproben: Aufnahme des Massachusetts Institute of Technology (MIT), Cambridge |
Concert Choir · Leitung: William Cutter

 

 

 

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes auf folgende URL:
http://gemeinden.erzbistum-koeln.de/stifts-chor-bonn/dokumente/Werkbeschreibung/Bach_BWV140.html

Autor: Judith Roßbach

Letzte Änderung am 16.07.2017

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