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Gedanken zum Entwurf der St. Thomas-Morus-Kirche  

Dipl.-Ing. Norbert Hartrnann

 

Die Kirche ist zunächst ein Zweckbau, wie jedes andere Bauwerk auch, d. h. die gottesdienstlichen Handlungen müssen ihrer Funktion entsprechend richtig und zweckdienlich ausgeführt werden können. Dies ist der profane Ausgangspunkt. Wesensmerkmal für eine Kirche jedoch ist, dass sie als sichtbare Form der Begegnung des Menschen mit Gott, des Geschöpfes mit seinem Schöpfer, definiert werden kann. Die theologische Konzeption über das Verhältnis des Menschen zu Gott, des Geschöpfes zum Schöpfer also, ist Voraussetzung für die Architektur der Kirche.

 
 Grundriss Pfarrzentrum
 

Bisher wurde - die Anfänge gehen bis in die frühromanische Zeit - die Kirche in erster Linie als das "Haus Gottes" verstanden, in dem der allmächtige Gott in der Gestalt der hl. Eucharistie seine Wohnung unter den Menschen aufgeschlagen hat. Zwar diente dieses Gotteshaus ebenfalls der Versammlung der Gemeinde, aber der Altar mit dem tieferen Mittelpunkt der Kirche, dem Tabernakel, dem Zelt Gottes unter den Menschen, hatte fern von den Gläubigen im Chorraum seinen Platz, und nur die Priesterschaft durfte diesen Bereich betreten. In richtiger Konsequenz dieser "Gotteshausidee", begünstigt durch die Verflechtung geistlicher und weltlicher Macht, wurde die Kirche in aller Pracht, in ihren Bauvolumen meistens über das Notwendige hinaus, als der das Gemeinwesen im Städtebild beherrschende Baukörper herausgestellt, dem alles übrige zu- und untergeordnet war, Die entsprechenden Stiche alter Städte - so vor allem das Stadtbild von Neuss von Hogenberg um 1580 - sind der Ausdruck für eine in sich ruhende Ordnung, dessen Urheber und Ziel Gott ist.


 


  

Modell Modell.thumb
Unter diesem Aspekt ist es nebensächlich, dass dieses Münster"romanisch" und jener Dom "gotisch" oder "barock" errichtet wurde. Einer durch die Jahrhunderte hindurch nahezu gleichbleibenden theologischen Auffassung wurde in jeder Epoche in der Formensprache ihrer Zeit künstlerische Gestalt verliehen.
 


Nun ist es allgemein bekannt , dass gerade innerhalb der theologischen Konzeption in seiner Auswirkung auf den Kirchenbau durch das Zweite Vatikanische Konzil mit seinem Schema über die Liturgie umwälzende Erneuerungen eingetreten sind. Berücksichtigte der Kirchenbau der Vergangenheit vor allem die theologischen Erkenntnisse über Gott, so sollten von nun an vor allem die theologischen Erkenntnisse über den Menschen den Kirchenbau wesentlich bestimmen.

 

Nicht mehr primär als "Gotteshaus", sondern einem "weltlichen Kloster" vergleichbar, wird heute für die Gemeinde ein Pfarrzentrum gebaut, das über die Bindung an das Jenseitige hinaus dem Einzelnen innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft Lebensmitte sein will, d. h. der Mensch wird in seiner unvergleichbaren Daseinsform als Leib-Seele-Wesen erfasst. Auf der Grundlage des gemeinsamen Glaubens an Christus soll den Mitgliedern der Gemeinde sowohl die Begegnung untereinander als auch die Begegnung mit Gott ermöglicht werden.

 

Für den Architekten bedeutet dies, die extrovertierten Maßstäbe der Vergangenheit aufzugeben. Dies fällt ihm um so leichter, als die Kirche als sogenannte städtebauliche Dominante gegenüber den Hochhäusern ohnehin keine Chance mehr hat. Das Wesen der neuen Bauaufgabe besteht darin, den Kirchenraum innerhalb eines großen profanen Bereichs, zwar zunächst als Teil hierin in architektonischer Einheit verschmolzen, so herauszustellen, dass er seine Bedeutung als Sakralbau behält, denn der Mensch in seinem rätselhaften Drang zum Ewigen verlangt danach - wenigen modernistischen Gegenmeinungen zum Trotz - dieses metaphysische Bewusstsein als materielle Metamorphose zu begreifen. Dieser Begriff des Sakralen als Inhalt der Bauaufgabe ist die unzerstörbare Brücke vom alten zum neuen Kirchenbau und umgekehrt.

 

Für den Laien stellt sich die Frage, wie die Transformation der geistigen Idee in die gebaute Wirklichkeit vonstatten geht, so dass der vollendete Kirchenraum jene gewollte Ausstrahlungskraft besitzt. Mit den Kategorien des Verstandes lässt sich dieser Vorgang kaum erklären, und ebenso versagen Methoden des Gefühls. Es bleiben die Prinzipien künstlerischer Imagination, die den Menschen in die gotteigene Schöpfungsfähigkeit einbeziehen.

Dipl.-Ing. Norbert Hartrnann

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