Wie es dazu kam...
Über die Entstehung der Pfarrgemeinde St.Thomas Morus
Wer die Neusser Stadtpläne der Vorkriegszeit mit denen der fünfziger und der siebziger
Jahre vergleicht, erkennt sofort, welch stürmische bauliche Entwicklung die Stadt Neuss in
dieser Zeit erlebte: Für 1939 gibt das Statistische Jahrbuch Nordrhein-Westfalen eine Einwohnerzahl
von 59.654 an, die sich bis 1950 nur um 6,4 % auf 63.478 erhöhte. Dann aber folgte eine wahre
Bevölkerungsexplosion: die Zahl der Neusser Einwohner stieg auf 92.916 im Jahre 1961 und auf
114.613 im Jahre 1970 an, d. h. sie verdoppelte sich fast gegenüber der Vorkriegszeit.
Hatte sich die Ausdehnung der Wohnbebauung zunächst stark nach Süden orientiert, so griff sie in
den fünfziger und sechziger Jahren auch in den Nordwesten der Stadt aus. Dort hatte sich die
Besiedlung viele Jahrzehnte lang zunächst nur entlang den Hauptverkehrsstraßen entwickelt, d. h.
entlang der oberen Further-, Venloer- und Kaarster Straße, der Gladbacher und der Viersener Straße.
jetzt aber entstanden große neue Wohngebiete zwischen Further Straße und Nordkanal, in Weißenberg
und - Mitte der sechziger Jahre - auch zwischen dem nördlich der Gladbacher Straße gelegenen
Pappelwäldchen, der damaligen Stadtgrenze an der Kaarster Brücke und der Eisenbahnlinie Neuss -
Krefeld.
Zwar gab es seit 1934 nördlich der Kaarster Straße an der Brückerfeld- und
Stingesbachstraße eine Siedlung von landwirtschaftlichen Nebenerwerbsstellen. jetzt aber
stand das ganze Gebiet des Gutes Vogelsang zur Bebauung an; es entstand hier ein geschlossenes
Wohngebiet für etwa 10.000 Menschen. Die Häuser wurden zum Teil von der"Neuen Heimat", zum Teil vom
Neusser Bauverein, ein Teil auch von Einzelbauherren errichtet. Bezogen wurden die Wohnungen zu
einem erheblichen Teil von Familien, die im Gefolge der Nachkriegswirren hierher gekommen waren.
Dennoch hatte der Stadtteil Vogelsang nie den Charakter einer Vertriebenen? oder Aussiedlerstadt,
wie wir sie aus Ostwestfalen kennen. Neben zahlreichen Ostpreussen, Ermländern und Sudetendeutschen
suchten vielmehr auch viele Familien aus Neuss und dem Düsseldorfer Raum hier - dem Zug der Zeit
folgend - ein ansprechendes Eigenheim oder eine schön gelegene Mietwohnung am Rande der Stadt.
Insgesamt ergab sich so eine fruchtbare Verbindung von "Alt"- und "Neu"-Neussern, wobei die "alten
Further" zwar in der Minderheit, aber das "Salz in der Suppe" bildeten.
Der Zuzug vieler tausender neuer Bewohner in die Neusser Nordstadt machte eine
Neuabgrenzung der katholischen Pfarrbezirke unabweisbar, zumal die bisherige Regelung etwa hundert
Jahre alt war. Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war - auf der Grundlage eines
1830 geschaffenen Schulbezirks Weißenberg ? die Pfarre St. Josef aus Teilen der Pfarren St.
Quirinus/Neuss, St. Martinus/Kaarst und St. Mauritius/ Büderich geschaffen worden, um die
Bauernschaften, Einzelhöfe und Streusiedlungen nordwestlich von Neuss zusammenzufassen. Dies waren
die Bauernschaften Weyhe, Neußbroich, Morgensternsheide und Broichhof, ferner Weißenberg und
Bommerkamp, die Neußerfurth, Buschhausen, Kaarsterbrücke, Schroershof, Lauvenburg, Hinterfeld und
ein Teil der Kaarster Heide, die damals politisch zu drei Bürgermeistereien des alten Kreises Neuss
gehörten. Zwischen die Pfarren St. Josef und St. Quirinus schob sich dann um die Jahrhundertwende
die Pfarre St. Marien, die auch das Gebiet westlich der Bahn bis zur Burgunderstraße
umfaßte.
Dies reichte aber zur pfarrlichen Betreuung dieses Gebietes nun nicht mehr aus.
Die Überlegungen führten letztlich zur Errichtung von drei neuen Pfarreien: Im Bereich zwischen
Nordkanal, Burgunderstraße und Further Straße wurde zu Beginn der fünfziger Jahre die Pfarre
Christ-König errichtet, die 1953/55 ihr neues Gotteshaus am Berliner Platz erhielt. Um 1970
entstand in Weißenberg die Pfarre Heilig Geist, deren Kirchenbau 1974 vollendet wurde. Und 1966
wurde nördlich des Pappelwäldchens zwischen Kaarster Straße, Eggenhofstraße und der
Eisenbahnstrecke Neuss-Krefeld unsere Pfarre, St. Thomas Morus, gebildet; ihr wurde auch die
Bols?Siedlung sowie die nordöstlich der Bahnlinie und nordwestlich der Gladbacher Straße gelegenen
Häuser zugeordnet.
Die Errichtungsurkunde beschreibt die Grenzen der neuen Pfarrei - auf der
Grundlage einer angefügten Karte - recht umständlich wie folgt:


Auffällig an dieser Grenzbeschreibung ist, daß sie nur die Grenzen der
neugebildeten Pfarre nach Süden und Westen gegenüber der Muttergemeinde St. Josef festlegt. Die
nördliche und östliche Grenze des Pfarrbezirks St. Thomas Morus ist nicht beschrieben; sie ergibt
sich vielmehr aus der früheren Abgrenzung der Pfarre St. Josef gegenüber den Pfarren St. Martinus
in Kaarst und St. Mauritius/Büderich. Diese Grenze war jedoch, wie oben dargestellt, nicht in Form
einer Linie festgelegt, sondern nach den damals bestehenden Gehöften und Weilern. Auch die Autobahn
Düsseldorf-Krefeld existierte - als mögliche Grenze damals noch nicht; auch waren die neuen
Gemeindegrenzen zwischen Neuss, Kaarst und Meerbusch, wie sie sich 1975 aus der kommunalen
Neugliederung ergaben, noch nicht bekannt. Daraus ergaben sich für eine lineare Abgrenzung der
Pfarre St. Thomas Morus im Norden und Osten im Zuge der über die alte Stadtgrenze von Neuss
ausgreifenden Bebauung - z. B. an der Bataverstraße Schwierigkeiten, die mit den angrenzenden
Pfarren (insbesondere mit der Pfarre Heilig Geist in Meerbusch-Niederdonk) im Wege des
Einvernehmens zu regeln waren. Danach kann man die Grenze der Pfarre nach Norden, Nordosten und
Osten heute wie folgt beschreiben:
Von der Einmündung der Eggenhofstraße in die Kaarster Straße läuft die Grenze in Richtung der
Eggenhofstraße über die Autobahn hinweg auf die Lauvenburg zu, folgt von dort nach Osten der Straße
"An der Lauvenburg" bis zum Stingesbach, überquert - dem Stingesbach folgend - die Autobahn wieder
in südöstlicher Richtung und umgreift westlich und südlich die jetzt wieder zugeschüttete
Kiesgrube. Sie knickt dann vom Niederdonker Weg in südöstlicher Richtung ab und trifft südlich
von"Allkauf" auf die Bataverstraße, kreuzt diese und führt zur Stadtgrenze mit Düsseldorf, dann auf
der Südseite der Gladbacher Straße zurück bis zur Kreuzung Bataverstraße und an dieser östlich
entlang zur Bahnunterführung.
Durch die neue Pfarreinteilung entstanden im Neusser Norden Pfarren mit einer
"Seelenzahl" zwischen 4.000 und 6.000. Das erstaunt, zumal in benachbarten Orten - z. B. in Kaarst
oder in Büttgen -, die ebenfalls zu dieser Zeit durch eine rege Bautätigkeit eine erhebliche
Ausweitung erlebten, die angestammten Ortspfarreien St. Martinus und St. Aldegundis zu mehr als
doppelt so großen Pfarren anwuchsen, bei denen sich - in Vorst oder Holzbüttgen - nur periphere
Änderungen ergaben. Möglicherweise begegneten sich hier einerseits seelsorgerische Überlegungen im
Anschluß an die Bestrebungen des 11. Vatikanischen Konzils und der Liturgiereform, die auf die
Bildung kleinerer und überschaubarer Pfarrgemeinden abzielten mit Vorstellungen von einer - trotz
stürmischer Neubautätigkeit - vermeintlich noch nicht gesprengten örtlichen Gemeinschaft, die in
der Lage sei, auch neu Hinzuziehende zu integrieren. Im Nordwesten von Neuss führte dies
vergleichbar den evangelischen Pfarrbezirken - zu relativ kleinen Pfarren mit jeweils einem eigenen
Pfarrer. In Büttgen und Kaarst hingegen entstanden Großpfarreien mit einem jeweils mehrere
Geistliche umfassenden Pfarrklerus. Allerdings bestanden auch für den Norden von Neuss damals
Alternativplanungen für eine Großpfarre, die ein neues Pfarrzentrum an der Mecklenburger Straße
vorsahen; doch dazu kam es nicht.
Hätte man damals schon über die heutige Erfahrung verfügt, nach denen in neuen
Wohngebieten - besonders in solchen mit einem hohen Anteil an Wohneigentum - im Zuge der
natürlichen Bevölkerungsbewegung die Wohnbevölkerung nach etwa 20 Jahren absinkt, weil die
erwachsen gewordenen Kinder und jugendlichen wegziehen, und wäre damals die Sorge um den
Priesternachwuchs schon so drängend geworden, wie sie in den letzten Jahren geworden ist: wer weiß,
ob die Pfarre St. Thomas Morus je errichtet worden wäre. Wie dem auch sei: eine Fehlentscheidung
war die Errichtung unserer Pfarre sicherlich nicht; denn in den zwanzig Jahren ihres Bestehens hat
sich im Neusser Stadtteil Vogelsang - ausgehend von einer "Stunde Null - ein recht eigenständiges
und lebendiges Pfarrleben entwickelt, an dem eine erstaunliche Zahl alter und neuer Neusser sowie
älterer und junger Pfarrangehöriger lebhaften Anteil nehmen. Das darin zum Ausdruckkommende
glückhafte Zusammenwirken von Gottes Segen und einem nachhaltigen "Mitwirken mit der Gnade Gottes"
in schwäbisch-rheinischem Sinne gibt uns Mut, vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen.