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Udo Lindenbergs Stimme erklingt in der Wachkomastation des Altenheims St-Joseph
‚Hinterm Horizont geht’s weiter… ein neuer Tag…, hinterm Horizont immer
weiter, zusammen sind wir stark …’ Die Zeilen des Liedes sind wie geschaffen für
unseren ersten Besuch in der Abteilung für Kurzzeit- und Schwerstpflege des Altenheims St.
Joseph.
WIR erinnern uns, im Herbst 2005 lassen wir die Daten des Altenheims Revue
passieren und hören:
- 1998 -
- 10 Pflegeplätze für Kurzzeitpflege werden errichtet sowie 8 Wachkomaplätze.
Glücklich berichtete Heimleiter Heinz Bender über Erfolge bei Wachkomapatienten.
Dominik, ein kleiner Junge, der einige Jahre behandelt wurde, besucht seit Sommer 2005 die
Wilhelm-Hartschen-Schule, was – wenn man sich ein wenig mit Literatur über Wachkomapatienten
befasst – ein unglaublicher Erfolg ist.(*)
Zum Foto von links: Doreen Grönow, Ute Gielg, Sigrid Schorn
Von der Wachkomastation hätten wir gern mehr gehört und so wenden wir uns erneut
an Herrn Bender, der uns ein Treffen mit der Wohnbereichsleiterin und stellvertretenden
Pflegedienstleitung, Frau Sigrid Schorn, ermöglicht. Sie und ihre Kolleginnen Ute Gielg und Doreen
Grönow sind examinierte Krankenschwestern resp. Altenpflegerinnen und kennen den inzwischen nahezu
quirligen Dominik seit drei Jahren. Sie haben ihn wie die anderen Patienten auch in ihr Herz
geschlossen.
Dominik – inzwischen 7 Jahre alt – verletzte sich auf der Rutsche
eines Spielplatzes. Er wurde behandelt und scheinbar gesund entlassen, hatte jedoch eine unbemerkt
gebliebene Bauchverletzung. Er musste unverzüglich operiert werden. Während der Narkose erlitt er
möglicherweise einen Krampfanfall – Genaues weiß man leider nicht –, sein Gehirn wurde
schlecht durchblutet und er fiel ins Koma. Etwa drei Monate befand er sich auf der Intensivstation,
weitere ca. 5 Monate in der Frührehabilitation, erst dann konnte ihn das Pflegeteam des Altenheims
St. Joseph als Wachkomapatienten gedanklich in die Arme schließen. Denn Berührungen duldete Dominik
zunächst nicht, diese quittierte er mit lautem Geschrei.
Während das Koma dem Schlaf ähnelt und der Patient künstlich ernährt wird,
handelt es sich beim Wachkoma um Schlaf- und Wachphasen, in denen der Patient die Augen öffnet und
je nach Ansprache durch die Familie, das betreuende Personal oder durch die Krankengymnastik, die
Logo- und/oder die Ergotherapie irgendwann eventuell erst nach Wochen und Monaten reagiert.
Langsam – in St. Joseph insbesondere mit Hilfe der Musiktherapie (die von
der ‚Kette der helfenden Hände’ finanziert wird und im sogenannten Kaminzimmer
stattfindet, aus dem wir eingangs wundervolle Klänge vernahmen) – sehr sehr langsam stellen
sich Erfolge ein. Denn manchmal gelingt der Musik, woran die Schulmedizin scheitert. Diese
Therapieform hilft besonders Menschen, die sich verbal nicht äußern können. Voraussetzung für den
möglichen Erfolg ist die gute Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Wachkomapatienten, die noch
nie auf die Außenwelt reagiert haben, antworten vielleicht durch einen Lidschlag oder
Mundbewegungen auf sämtliche Reize wie Berührungen, liebvolles Sprechen, Töne und Bewegungen. Man
geht davon aus, dass auch reaktionsunfähige Wachkomapatienten ein Bewusstsein haben und ihre Umwelt
wahrnehmen. Die Angehörigen der Patienten werden auf eine harte Probe gestellt, denn klitzekleine
Erfolge nach langer Zeit reihen sich an Stillstand oder auch Misserfolge.
Das Pflegeteam darf in dieser Zeit also tatsächlich nie den Mut verlieren und so
zollen wir der liebevollen Arbeit oder dem Dienst am Nächsten von Sigrid Schorn und ihrem Team
uneingeschränkte Bewunderung. ‚Der Weg ist das Ziel’ sagt Ute Gielg; die
möglichen Ziele eines Wachkomapatienten unterscheiden jedoch je nach Alter und Schwere der
Erkrankung erheblich.
Dominik, der Sonnenschein der Station, für den wir uns ganz besonders
interessieren, hatte das Glück, dass er bei Beginn des Komas ein Kleinkind war. Sigrid Schorn
erklärt dies mit Reserven, die junge Menschen haben. Nicht verletzte Gehirnteile können neue
Aufgaben übernehmen. Nachdem Dominik sich nach vielen Monaten anfassen ließ und begann, sich ein
klein wenig ins Leben einzufinden, konnte er nach einer weiteren Zeitspanne lachen und
plappern. Unglücklicherweise ist er wahrscheinlich blind wie nahezu alle Wachkomapatienten.
Hell und dunkel scheint er jedoch unterscheiden zu können. Er machte so sensationell gute
Fortschritte, dass er bereits mit 5 Jahren im Rollstuhl den Integrativen Kindergarten an der
Weyerstraße besuchen konnte. Seit seiner Einschulung wird er jeden Tag in die
Wilhelm-Hartschen-Schule gefahren. Noch immer wird er künstlich ernährt, beginnt jedoch bereits
Joghurt zu essen und macht dem Pflegeteam sehr viel Freude. Er kann inzwischen stehen, zwar noch
etwas unsicher, aber weitere Fortschritte sind in Aussicht. Das Wichtigste ist laut Sigrid Schorn:
Das Leben hat ihn wieder.
Dominik wird sicher noch eine Weile die Wachkomastation des Altenheims
bereichern, denn mit einer derart aufwändigen Pflege sind die Familienangehörigen in der Regel
überfordert. Sie stoßen in der Schwerstpflege an ihre Grenzen.
Körperlich macht Dominik wie die anderen Patienten in der Regel auch eine
normale Entwicklung durch, er ist ein altersgerecht großes Kind, das zum Glück ungewöhnlich
fröhlich ist.
Zwei junge Mädchen haben die Schwerstpflege der Wachkomastation bereits nach
guten Erfolgen verlassen können. Erfolge bedeuten, dass die Patienten wieder am Leben teilnehmen
können, behindert werden sie bleiben. Eines der Mädchen war mit 6 Jahren beinahe ertrunken, mit 11
Jahren wurde sie heimatnah entlassen. Bei dem anderen Mädchen hatte sich ebenfalls während einer
kleinen Operation ein Narkoseproblem ergeben. Sie war 14 Jahre alt und kehrte mit 17 Jahren in Ihre
Familie zurück.
Gegenwärtig befinden sich auf der Wachkomastation zwei 5 und 7 (=Dominik) Jahre
alte Kinder, zwei Jugendliche von 16 und 19 Jahren, drei Männer im Alter von 40, 41 und 52 Jahren
sowie eine 55 Jahre alte Dame.
Bei all diesen Informationen bleibt uns Gesunden nur der Dank an Gott, dass er
uns bis zum heutigen Tage half, die Klippen des Lebens so glimpflich zu umschiffen.
Sorgen bereiten Sigrid Schorn neue Einschränkungen durch die Gesetzlichen
Krankenkassen. Alle jetzt noch durch die Krankenkassen erstatteten Therapieformen sollen in 2006
nur noch eingeschränkt verordnet werden. Denn die Krankenkassen sind der Ansicht, dass eine
Therapie nur eingesetzt werden soll, wenn eine Genesung zu erwarten ist. Da diese Genesung zum
Beispiel bei Wachkomapatienten nicht 100 %ig gegeben ist, kann und wird es möglicherweise in
Zukunft Probleme geben.
Betroffene Familien haben sich daher in vielen Orten zu Selbsthilfegruppen
zusammen geschlossen, mit dem Ziel Sponsoren für bestimmte Therapien der Patienten zu erhalten. Als
Beispiel wird hier auch die hilfreiche Hippotherapie (Reittherapie) genannt, die nicht erstattet
wird. Auch das Solinger Tageblatt ist mit der ‚Kette der helfenden Hände’ ein immer
wieder gern gesehener Sponsor in allen Bereichen.
Zielsetzung der Selbsthilfegruppen ist es insbesondere, die betroffenen Familien
zu stärken. Es ist immens wichtig, mit den Familien und den Patienten Ausflüge und kleine
Ereignisse zu ermöglichen. Sigrid Schorn betont, dass die Wachkomastation den Jahreszeiten
entsprechend geschmückt wird, was uns natürlich nicht entgangen ist. Eine anheimelnd wirkende
Station mit fröhlichen Menschen empfing uns. Aus dem Lautsprechen erklang ein Potpourri
beschwingter Musik (siehe oben), im Musikzimmer wurde Klavier gespielt. Eine Dame in Altrosa
– wohl aus der Kurzeitpflege – nahm zusammen mit einem rollstuhlfahrenden Herrn am
Kaffeetisch Platz. Ein Klatschmohnblümchen gleich am ersten Tisch fiel mir ins Auge Im Hotel gleich
um die Ecke hätte es nicht anders aussehen können. Und da ist er wieder, dieser fröhliche Eindruck
dieses ‚unseres’ Altenheims. Auch hier können wir uns der grundsätzlich positiven
Stimmung nicht entziehen.
WIR danken Sigrid Schorn, Ute Gielg und Doreen Grönow für ihre Informationen und
wünschen dem ‚12 1 / 2’ – köpfigen Pflegeteam viel Kraft, Freude und weiterhin
alles Gute für ihre segensreiche Arbeit.
Erika Lachmann-Sturr
(*)
Im Rahmen der Aktion ‚Kette der helfenden Hände’ berichtete das Solinger
Tageblatt über Dominik und die Musiktherapie im Dezember 2005.
Wer sich für das Thema interessiert sollte lesen:
‚Bis auf den Grund des Ozeans’, Erfahrungen einer Komapatientin
Herder/Spektrum Verlag, von Julia Tavalaro und Richard Tayson
Oder
‚Ich habe vergessen, wer ich bin’, Erfahrungen nach einem Überfall
Piper Verlag, von Remy Eyraud und Julien Caumer
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