ERZBISTUM KÖLN  DOMRADIO     
Hinterm Horizont geht’s weiter …
- Wachkomastation im Altenheim St. Joseph –
              WIR 1/2006

Udo Lindenbergs Stimme erklingt in der Wachkomastation des Altenheims St-Joseph ‚Hinterm Horizont geht’s weiter… ein neuer Tag…, hinterm Horizont immer weiter, zusammen sind wir stark …’ Die Zeilen des Liedes sind wie geschaffen für unseren ersten Besuch in der Abteilung für Kurzzeit- und Schwerstpflege des Altenheims St. Joseph.

WIR erinnern uns, im Herbst 2005 lassen wir die Daten des Altenheims Revue passieren und hören:
 
- 1998  -
- 10 Pflegeplätze für Kurzzeitpflege werden errichtet sowie 8 Wachkomaplätze.

Glücklich berichtete Heimleiter Heinz Bender über Erfolge bei Wachkomapatienten. Dominik, ein kleiner Junge, der einige Jahre behandelt wurde, besucht seit Sommer 2005 die Wilhelm-Hartschen-Schule, was – wenn man sich ein wenig mit Literatur über Wachkomapatienten befasst – ein unglaublicher Erfolg ist.(*)


Zum Foto von links: Doreen Grönow, Ute Gielg, Sigrid Schorn

Von der Wachkomastation hätten wir gern mehr gehört und so wenden wir uns erneut an Herrn Bender, der uns ein Treffen mit der Wohnbereichsleiterin und stellvertretenden Pflegedienstleitung, Frau Sigrid Schorn, ermöglicht. Sie und ihre Kolleginnen Ute Gielg und Doreen Grönow sind examinierte Krankenschwestern resp. Altenpflegerinnen und kennen den inzwischen nahezu quirligen Dominik seit drei Jahren. Sie haben ihn wie die anderen Patienten auch in ihr Herz geschlossen.

Dominik – inzwischen 7 Jahre alt – verletzte sich auf der Rutsche eines Spielplatzes. Er wurde behandelt und scheinbar gesund entlassen, hatte jedoch eine unbemerkt gebliebene Bauchverletzung. Er musste unverzüglich operiert werden. Während der Narkose erlitt er möglicherweise einen Krampfanfall – Genaues weiß man leider nicht –, sein Gehirn wurde schlecht durchblutet und er fiel ins Koma. Etwa drei Monate befand er sich auf der Intensivstation, weitere ca. 5 Monate in der Frührehabilitation, erst dann konnte ihn das Pflegeteam des Altenheims St. Joseph als Wachkomapatienten gedanklich in die Arme schließen. Denn Berührungen duldete Dominik zunächst nicht, diese quittierte er mit lautem Geschrei.

Während das Koma dem Schlaf ähnelt und der Patient künstlich ernährt wird, handelt es sich beim Wachkoma um Schlaf- und Wachphasen, in denen der Patient die Augen öffnet und je nach Ansprache durch die Familie, das betreuende Personal oder durch die Krankengymnastik, die Logo- und/oder die Ergotherapie irgendwann eventuell erst nach Wochen und Monaten reagiert.

Langsam – in St. Joseph insbesondere mit Hilfe der Musiktherapie (die von der ‚Kette der helfenden Hände’ finanziert wird und im sogenannten Kaminzimmer stattfindet, aus dem wir eingangs wundervolle Klänge vernahmen) – sehr sehr langsam stellen sich Erfolge ein. Denn manchmal gelingt der Musik, woran die Schulmedizin scheitert. Diese Therapieform hilft besonders Menschen, die sich verbal nicht äußern können. Voraussetzung für den möglichen Erfolg ist die gute Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Wachkomapatienten, die noch nie auf die Außenwelt reagiert haben, antworten vielleicht durch einen Lidschlag oder Mundbewegungen auf sämtliche Reize wie Berührungen, liebvolles Sprechen, Töne und Bewegungen. Man geht davon aus, dass auch reaktionsunfähige Wachkomapatienten ein Bewusstsein haben und ihre Umwelt wahrnehmen. Die Angehörigen der Patienten werden auf eine harte Probe gestellt, denn klitzekleine Erfolge nach langer Zeit reihen sich an Stillstand oder auch Misserfolge.

Das Pflegeteam darf in dieser Zeit also tatsächlich nie den Mut verlieren und so zollen wir der liebevollen Arbeit oder dem Dienst am Nächsten von Sigrid Schorn und ihrem Team uneingeschränkte Bewunderung.  ‚Der Weg ist das Ziel’ sagt Ute Gielg; die möglichen Ziele eines Wachkomapatienten unterscheiden jedoch je nach Alter und Schwere der Erkrankung erheblich.

Dominik, der Sonnenschein der Station, für den wir uns ganz besonders interessieren, hatte das Glück, dass er bei Beginn des Komas ein Kleinkind war. Sigrid Schorn erklärt dies mit Reserven, die junge Menschen haben. Nicht verletzte Gehirnteile können neue Aufgaben übernehmen. Nachdem Dominik sich nach vielen Monaten anfassen ließ und begann, sich ein klein wenig ins Leben einzufinden, konnte er nach einer weiteren Zeitspanne lachen und plappern.  Unglücklicherweise ist er wahrscheinlich blind wie nahezu alle Wachkomapatienten. Hell und dunkel scheint er jedoch unterscheiden zu können. Er machte so sensationell gute Fortschritte, dass er bereits mit 5 Jahren im Rollstuhl den Integrativen Kindergarten an der Weyerstraße besuchen konnte. Seit seiner Einschulung wird er jeden Tag in die Wilhelm-Hartschen-Schule gefahren. Noch immer wird er künstlich ernährt, beginnt jedoch bereits Joghurt zu essen und macht dem Pflegeteam sehr viel Freude. Er kann inzwischen stehen, zwar noch etwas unsicher, aber weitere Fortschritte sind in Aussicht. Das Wichtigste ist laut Sigrid Schorn: Das Leben hat ihn wieder.

Dominik wird sicher noch eine Weile die Wachkomastation des Altenheims bereichern, denn mit einer derart aufwändigen Pflege sind die Familienangehörigen in der Regel überfordert. Sie stoßen in der Schwerstpflege an ihre Grenzen.

Körperlich macht Dominik wie die anderen Patienten in der Regel auch eine normale Entwicklung durch, er ist ein altersgerecht großes Kind, das zum Glück ungewöhnlich fröhlich ist.

Zwei junge Mädchen haben die Schwerstpflege der Wachkomastation bereits nach guten Erfolgen verlassen können. Erfolge bedeuten, dass die Patienten wieder am Leben teilnehmen können, behindert werden sie bleiben. Eines der Mädchen war mit 6 Jahren beinahe ertrunken, mit 11 Jahren wurde sie heimatnah entlassen. Bei dem anderen Mädchen hatte sich ebenfalls während einer kleinen Operation ein Narkoseproblem ergeben. Sie war 14 Jahre alt und kehrte mit 17 Jahren in Ihre Familie zurück.

Gegenwärtig befinden sich auf der Wachkomastation zwei 5 und 7 (=Dominik) Jahre alte Kinder, zwei Jugendliche von 16 und 19 Jahren, drei Männer im Alter von 40, 41 und 52 Jahren sowie eine 55 Jahre alte Dame.

Bei all diesen Informationen bleibt uns Gesunden nur der Dank an Gott, dass er uns bis zum heutigen Tage half, die Klippen des Lebens so glimpflich zu umschiffen.

Sorgen bereiten Sigrid Schorn neue Einschränkungen durch die Gesetzlichen Krankenkassen. Alle jetzt noch durch die Krankenkassen erstatteten Therapieformen sollen in 2006 nur noch eingeschränkt verordnet werden. Denn die Krankenkassen sind der Ansicht, dass eine Therapie nur eingesetzt werden soll, wenn eine Genesung zu erwarten ist. Da diese Genesung zum Beispiel bei Wachkomapatienten nicht 100 %ig gegeben ist, kann und wird es möglicherweise in Zukunft Probleme geben.

Betroffene Familien haben sich daher in vielen Orten zu Selbsthilfegruppen zusammen geschlossen, mit dem Ziel Sponsoren für bestimmte Therapien der Patienten zu erhalten. Als Beispiel wird hier auch die hilfreiche Hippotherapie (Reittherapie) genannt, die nicht erstattet wird. Auch das Solinger Tageblatt ist mit der ‚Kette der helfenden Hände’ ein immer wieder gern gesehener Sponsor in allen Bereichen.

Zielsetzung der Selbsthilfegruppen ist es insbesondere, die betroffenen Familien zu stärken. Es ist immens wichtig, mit den Familien und den Patienten Ausflüge und kleine Ereignisse zu ermöglichen. Sigrid Schorn betont, dass die Wachkomastation den Jahreszeiten entsprechend geschmückt wird, was uns natürlich nicht entgangen ist. Eine anheimelnd wirkende Station mit fröhlichen Menschen empfing uns. Aus dem Lautsprechen erklang ein Potpourri beschwingter Musik (siehe oben), im Musikzimmer wurde Klavier gespielt. Eine Dame in Altrosa – wohl aus der Kurzeitpflege – nahm zusammen mit einem rollstuhlfahrenden Herrn am Kaffeetisch Platz. Ein Klatschmohnblümchen gleich am ersten Tisch fiel mir ins Auge Im Hotel gleich um die Ecke hätte es nicht anders aussehen können. Und da ist er wieder, dieser fröhliche Eindruck dieses ‚unseres’ Altenheims. Auch hier können wir uns der grundsätzlich positiven Stimmung nicht entziehen.

WIR danken Sigrid Schorn, Ute Gielg und Doreen Grönow für ihre Informationen und wünschen dem ‚12 1 / 2’ – köpfigen Pflegeteam viel Kraft, Freude und weiterhin alles Gute für ihre segensreiche  Arbeit.

       Erika Lachmann-Sturr

(*)
Im Rahmen der Aktion ‚Kette der helfenden Hände’ berichtete das Solinger Tageblatt über Dominik und die Musiktherapie im Dezember 2005.

Wer sich für das Thema interessiert sollte lesen:
‚Bis auf den Grund des Ozeans’, Erfahrungen einer Komapatientin
Herder/Spektrum Verlag, von Julia Tavalaro und Richard Tayson
Oder
‚Ich habe vergessen, wer ich bin’, Erfahrungen nach einem Überfall
Piper Verlag, von Remy Eyraud und Julien Caumer

 
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