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Berühmte Zwillinge gab es schon in der Mythologie: so Remus und Romulus. Sie wurden nach der Geburt in einem Weidenkorb auf dem Tiber ausgesetzt. Deren Schreien lockte eine Wölfin an, die sie rettete und groß zog. Später gründeten sie Rom. Auch in der Bibel ist von Zwillingen die Rede: Esau und Jakob, die Söhne von Isaak und Rebekka. Esau erblickte kurz vor Jakob das Licht der Welt, tauschte später sein Erstgeburtrecht gegen ein Linsengericht um. Selbst Kinderbuchautoren haben sich mit dem Thema beschäftigt: Hanni und Nanni (Enid Blyton), Das doppelte Lottchen (Erich Kästner).
Auch uns interessierte das Thema. WIR brauchten nicht lange zu suchen, um „Zwillingspärchen“ in Ohligs zu finden, davon gibt es vier (!) nur in den Reihen der Ministranten:
Marcel und Phillip Bartoschek
Jana und Lea Baur
Marie und Wibke Guthues
Matthias und Sebastian Quadflieg.
Viele Kirchgänger kennen Matthias und Sebastian, denn sie schwenkten lange Jahre das Weihrauchfass mit besonderem Brio (Auf dem Teppich unseres Autos gibt es eine sichtbare Spur deren Eifer: ein kleines Loch, entstanden bei einer Sternsinger-Aktion, als das Weihrauchfass umkippte). Sie wären gerne zu unserem Treff gekommen, aber der Eine hat eine Ausbildung angefangen und für den Anderen hatte das Studium im fernen Würzburg bereits begonnen. Ein weiteres Zwillingspaar hat unsere Fragen netterweise beantwortet, wollte aber nicht genannt werden.
Also trafen wir uns mit sechs Jugendlichen an einem regnerischen Tag während der Herbstferien.
Am Ähnlichsten sehen sich Marcel und Phillip, obgleich sie sich große Mühe gegeben haben, kleine Unterschiede in ihr Aussehen „einzubauen“: Philipp hat die Haare mit Gel nach oben frisiert und eine hellere Brille, Marcel trägt die Haare glatt gekämmt und eine dunklere Brille….
Mein Leben als „Zwillingshälfte“… Dazu sagen alle spontan, ohne zu zögern, es sei „toll“, „gut“, „super“, „extrem schön“, aber auch „zwiespältig“ und „besonders“.
Die Vorteile scheinen bei allen zu überwiegen: man hat immer einen dabei, als Kleinkind zum Spielen, später zum Reden, man hat dieselben Freuden, man findet immer einen Zuhörer … und (das sagen natürlich die Mädchen!) man kann Klamotten tauschen! In der Grundschule sind „unsere“ Zwillinge immer in derselben Klasse gewesen. In den weiter-führenden Schulen wurde allen angeboten, in getrennte Klassen zu kommen, das kam aber für keine(n) in Frage! Der gemeinsame Besuch derselben Klasse bringt eindeutig Vorteile: man arbeitet gleichzeitig dieselben Themen durch und kann ggf. zu Hause nachfragen, wenn etwas fehlt oder nicht richtig verstanden wurde; ist einer krank, können (eventuell!) die Hausaufgaben trotzdem pünktlich erledigt und der Lernstoff rechtzeitig durchgenommen werden; und man kann sich ggf. auch das Pensum der Hausaufgaben teilen! Auch im Urlaub kann es angenehm sein, als Zwillinge aufzutreten: so traut man sich eher, auf andere Kinder zuzugehen und kann daher schneller neue Bekanntschaften machen. Man kennt den Anderen ziemlich „in- und auswendig“, das ist ein Vorteil, kann aber auch ein Nachteil sein: „Flunckern wird schwer, der andere Zwilling merkt immer, wenn es einem super, aber auch nicht so gut geht“.
Nachteilig ist natürlich, dass man sehr viel zusammen ist, selten allein. Hinzu kommt, dass viele Leute die einzelnen Identitäten gerne übersehen und nur von „den Zwillingen“ sprechen, oder einfach den Familiennamen im Plural benutzen: „die Bartoscheks“, „die Baurs“…
Man wird manchmal verwechselt, öfter verglichen, das ist nicht immer angenehm. Aber für eine der Befragten ist es gerade das, was sie eigentlich gut findet: dadurch dass sie zuerst immer nur als „Schwester-von“ gesehen wurde, musste sie sich erst richtig behaupten, um eigenständig und selbstbewusst zu werden.
Mit den Eltern scheint es gut zu klappen, die meisten haben darauf Acht gegeben, jede(n) Einzelne(n) bewusst wahrzunehmen, ihn/sie als Individuum und nicht ein „Gesamtpaket“ zu erziehen. Dennoch wurden manche Zwillinge doch gleich angezogen, und manchmal, „wenn ein Zwilling etwas verbockt hatte, wurden beide über einen Kamm geschoren“. Ggf. wurde das Geschwisterkind als Beispiel vorgeführt: „warum machst Du so etwas, nimm Dir ein Beispiel an Deiner Schwester“. Eine Art „Konkurrenzkampf“ entstand schon mal, vor allem in der Pubertät, „aber im netten Sinn“.
Die Freunde haben es manchmal schwer. „Wenn ich Dich zu meinem Geburtstag einlade, MUSS ich auch Deine Schwester einladen?“ wurde schon mal gefragt. Oder sie haben etwas falsch verstanden, dachten doch, der Bruder sei der feste Freund der Freundin, weil er immer auf sie aufgepasst habe.
Wenn man als Zwilling geboren wird, hat man nie alleine Geburtstag, da feiert immer eine(r) mit! Ob das schlimm ist? NEIN, ist die allgemeine Antwort. Jana und Lea können sich überhaupt nicht vorstellen, nicht zusammen zu feiern: „auch wenn wir 50 werden, feiern wir zusammen!“ „Früher fand ich es doof“, meint Wibke, aber jetzt sei es schön. Das meinen alle Anderen auch. Ob man dann immer dasselbe geschenkt kriegt? Als Kleinkind sei es öfter passiert: hatte die/der Erste ihr Päckchen aufgemacht, dann brauchte die/der Zweite es nicht zu tun, wusste sie/er doch, was darin steckt! Aber, wenn es dasselbe war, war es, weil es so gewünscht worden war, also völlig in Ordnung. „Wenn es Kleidungsstücke waren, Hosen oder Pulli zum Beispiel, dann sahen die sowieso anders aus“, ergänzt Marcel. In den ersten Lebensjahren haben alle ein Zimmer geteilt, mittlerweile haben die meisten ein eigenes Zimmer. Die Nähe war schön, aber mit zunehmendem Alter schätzt es jede(r), sich ins eigene Reich zurückziehen zu können.
Denkt man als Zwillinge dasselbe? Oft, sagen Jana und Lea: sie sind der Meinung, dass sie aufgrund ihres „Zwilingsseins“ eine intensivere Beziehung haben als mit einem anderen Geschwister; schließlich habe man sich gleichzeitig entwickelt und viele Erfahrungen gleichzeitig gemacht. Für die Anderen ist es nicht so eindeutig.
Können unsere Zwillinge jüngeren Zwillingen Rastschläge geben? Aber ja! „Macht Eure eigenen Erfahrungen. Schließlich seid Ihr etwas Besonderes, jede(r) für sich!“ „Findet Euren eigenen Weg und beschreitet ihn! Wenn man die „zweite Hälfte“ braucht, kann man jederzeit zu ihr gehen. Du bleibst immer ein Zwilling, egal, wie oft man sich streitet. Du bist nie allein… und das ist toll!“
Das ist das klare Fazit unseres netten Treffens: es ist einfach schön, einen Zwillingsbruder, einen Zwillingsschwester zu haben, und keine(r) der Befragten möchte es missen.
Also, es stimmt doch:
halb so schlimm wie befürchtet, nur doppelt so schön!!! |