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| Nordstadtecho 23.11.2007 |
Beiern: Jede Probe ein Auftritt
➔ BRAUCHTUM Sie musizieren auf einem ungewöhnlichen Instrument: Zehn Männer und ein Jugendlicher haben sich dem Beiern der Kirchenglocken verschrieben. Sie müssen mit sechs Tönen auskommen.
VON SUSANNE NIEMÖHLMANN
WEISSENBERG Das Zwielicht des Herbstnachmittags taucht den Dachstuhl der neugotischen Josefskirche in geheimnisvollen Dämmer. Über ein Holzgerüst geht es weiter, längs über das gesamte Kirchenschiff bis hin zum Turm. Der Durchgang zum Glockenstuhl versperren staubige Spinnweben. Niemand wäre wirklich überrascht, flatterte gleich eine Fledermaus um die Ecke. Doch die Männer nehmen die düster-geheimnisvolle Stimmung kaum wahr. Sie sind unterwegs, um zu musizieren. Und ihr Instrument steht, pardon: hängt nun einmal an diesem Ort, an den sonst nur selten jemand geht: im Glockenturm der Pfarrkirche St. Josef. Beiern, das kurze Anschlagen der Glocken mit dem Klöppel, um eine Melodie erzeugen zu können, ist ein im Rheinland lange gepflegter Brauch. In St. Josef lebt er nun nach rund 40-jähriger Unterbrechung wieder auf. Am Weißen Sonntag dieses Jahres hatte die neue Mannschaft Premiere – erst einmal mit einem kleinen Ostinato aus zwei Tönen: Heilger Josef Schutzpatron. Inzwischen ist nicht nur die Gruppe angewachsen, sondern auch das Repertoire. Gut ein Dutzend Liedanfänge haben die Männer inzwischen gespielt. Fronleichnam waren es immerhin schon drei Glocken, die in Schwingung versetzt wurden, und zum Kirchweihfest immerhin fünf der insgesamt sechs Schallkörper im Kirchturm. „Da vibriert innerhalb von zwei bis drei Minuten der gesamte Glockenstuhl“, haben die Männer fasziniert beobachtet. Wie probt man eigentlich das Beiern? Ein breites Grinsen liegt auf den Gesichtern der Männer. „Gar nicht. Das heißt, wir sind werktags einfach hoch in den Turm und haben losgelegt“,
erklärt Wolfgang Thuir. Schalldämpfer? Fehlanzeige. Jede Probe also ein Live-Auftritt. Und jedes Mal lernen sie etwas dazu. „Beim ersten Mal sind wir tatsächlich voller Naivität ohne Ohrenschützer ans Werk gegangen“, erinnert sich Michael Kinna schmunzelnd, „davon hattenwir den ganzen restlichen Tag noch etwas.“ Auch die Technik wurde seither verbessert, Erfahrungen wurden gesammelt. So ist es ratsam, die kleine Erzengel-Glocke festzuhalten, weil sie sogleich stark zu schwingen beginnt. „Einmal ist uns prompt das Seil, das wir anfangs über eine Umkehrrolle geleitet hatten, gerissen“, erzählt Manfred Bongartz. „Wir probieren immer noch viel aus“, ergänzt Markus Brockers, der mit seinem neuen Hobby in die Fußstapfen von Vater Matthias getreten ist. Der hatte den Anfängern dann auch die erste Unterweisung gegeben. Teilweise reichen die Männer von den Holzgerüst aus an die Glockenschlägel, teilweise müssen sie erst Bohlenbretter in den Glockenstuhl legen, um die Seile an den Klöppeln befestigen und die Glocken eventuell seitlich feststellen zu können. Dann gibt ein „Dirigent“ – anhand von Zahlen statt von Noten – dasHandzeichen, wann wer welche Glocke anzuschlagen hat. „Anfangs haben wir viel zu langsam gespielt“, sagt Markus Brockers selbstkritisch. Warum entschließen sich Männer, die sich als Nachbarn, im Gospelchor oder bei der Freiwilligen Feuerwehr kennen gelernt haben,zum Beiern? „Aus Tradition“, platzt ausgerechnet der Jüngste, der zehnjährige Felix Thuir, heraus. „Das ist das einzige Instrument, das ich spielen kann“, sagt Manfred Bongartz, und alle nicken bestätigend: „Es ist schon etwas Besonderes.“ Geläutet wird schließlich vor jeder Messe. Dennoch: Im Sommer ist es heiß da oben, im Winter lausig kalt. Und anstrengend ist das Beiern ohnehin. So waren an Fronleichnam etwa einige Schichtwechsel nötig, als der Klang der Glocken die gesamte Prozession von der Josefskirche bis hin nach St. Thomas-Morus begleitete. Aus der Gemeinde jedenfalls bekamdie Beier-Mannschaft eine sehr positive Resonanz. Darum soll nun auch anlässlich der Eröffnung des Nikolausmarktes am 6. Dezember gebeiert werden. Über die Intonation von „Stille Nacht“ an Heilig Abend wird allerdings noch ein Wörtchen zu reden sein . . .

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