• Das Triptychon aus St. Paul in der Krypta

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Dem Chor der Stiftskirche St. Andreas stand bis 1807 die kleine einschiffige romanische Pfarrkirche St. Paul des Sprengels Niederich gegenüber. Als einzig gesichertes Stück aus dem Inventar von St. Paul hat sich das Triptychon des ehemaligen Kreuzaltares einer südlichen Kapelle erhalten, welches noch 1916 im Pfarrhaus, heute in der Krypta von St. Andreas seine Aufstellung fand. Es handelt sich hierbei um ein Ölbild, welches auf Holz gemalt wurde. St.Paul-TriptychonLupe
kryptatriptychon1 Das Altargemälde zeigt auf der Mitteltafel die Kreuzigung Christi. Maria Magdalena ist zu Füßen des Kreuzes niedergesunken und umklammert den Kreuzesschaft mit ihren Armen und den auffällig langen Fingern. Diese Szene deutet auf die Salbung von Bethanien hin. Ihr vornehmes Kleid sowie ihr Kopfschmuck zeichnen sie als (wie damals vermutet wurde) Kurtisane am Hof des Herodes aus. Während sie dem Betrachter den Rücken zuwendet, blickt sie zu Jesus empor. Im Hintergrund halten sich vier Personen mit Turbanen auf, wobei zwei von ihnen stehen und je einer auf einem schwarzen bzw. weißen Pferd sitzt; alle schauen in Richtung der Kreuzigung. Die Kleidung der Männer verweist uns ins Heilige Land, das zur Zeit der Entstehung des Gemäldes in der Hand der Muslime ist.
Zur Rechten Jesu erkennt man seine Mutter Maria in ihrem kennzeichnenden blauen Mantel und gefalteten Händen und ebenfalls auffällig langen Fingern. Maria hält ihren Kopf gesenkt und weist mit dieser Geste auf den Altarstifter, den Stiftsherrn von St. Andreas und Pfarrer an St. Paul, Hermann Aldenkirchen (gest. 1581) hin, der betend zu ihren Füßen kniet. Das sich hier befindende Monogramm "HAPP" bedeutet: Hermannus Aldenkirchen Pastor S. Pauli. Vor dem Stadttor im Hintergrund erblickt man zwei Männer, die durch ihre Hüte als Juden gekennzeichnet sind.
Zur Linken Jesu steht Johannes in einem roten Mantel, die Hände gefaltet, ebenfalls zum Gekreuzigten aufschauend. Seine Physiognomie ist wesentlich gröber herausgearbeitet als die der beiden Frauen.
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kryptatriptychon2 Der gesamte Hintergrund der Mitteltafel ist bestimmt durch die Stadtlandschaft von Jerusalem mit einem dreistöckigen Zentralbau - bei dem es sich um den idealisierten Tempel Salomons handeln soll - Befestigungsanlagen, Häuser und einem lebhaft dunklen, wolkenreichen Himmel.

Den Franziskanern, Hüter der Heiligen Stätte in Palästina, ist der rechte Altarflügel gewidmet. Der hl. Franziskus kniet in der Landschaft und streckt seine stigmatisierten Hände zum Himmel empor. Ein weiterer Franziskaner sitzt hinter ihm, nachdenklich, in einem Buch lesend. Es ist Bruder Leo, der ihn auf den Berg Alverno begleitet hatte, wo Franziskus die Stigmata empfing. Im Hintergrund liegen Kloster und Kirche. Am Fest des hl. Hieronymus kehrt er nach Assisi zurück.
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kryptatriptychon4 Daher ist dem hl. Franziskus ebenfalls in einer Landschaft auf dem linken Altarflügel der hl. Hieronymus entgegen gestellt. Mit seiner Linken greift er an den Saum des Büßergewandes, unter dem die blutige Brust sichtbar wird. Um Buße zu tun, hat er sich mit einem Stein, den man in seiner Rechten erkennt, geschlagen. Rechts zu seinen Füßen sitzt ein Löwe. Diesem zog der hl. Hieronymus einstmals einen Dorn aus der Pfote, woraufhin das dann zahme Tier zu seinem treuen Wächter wurde. Hieronymus, einst Sekretär des Papstes Damasus, wird aufgrund der päpstlichen Umgebung oft als Kardinal dargestellt. Da er wohl nie den Purpur erhielt, hängt die Kardinalsrobe, samt Hut an einem Ast. kryptatriptychon6
Bemerkenswert sind auch auf diesem Flügel die Details des Hintergrundes, die so fein gemalt sind, dass man sogar noch die Gesichter der kleinen Figuren erkennen kann. Hinter Hieronymus wird sein in Bethlehem gegründetes Kloster gezeigt, vor dem zwei Lasten tragende Kamele und drei Männer stehen. Diese sind durch ihre Kopfbedeckung als Rabbiner erkennbar und erinnern daran, dass der hl. Hieronymus den Rat der Rabbiner einholte, als er die Bibel übersetzte.
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Stil und der Qualität der Malerei nach zu urteilen, entstand das Triptychon in einer Antwerpener bzw. flämischen Werkstatt in den 1550er bis 1570er Jahren. Zwar ist der Künstler bislang unbekannt, doch verweisen die Feingliedrigkeiten der Dargestellten und die schroffe Gebirgslandschaft auf die Nachfolge des Antwerpener Malers Joachim Patenier (um 1475/1480 - 1524). Typisch für ihn sind kleine, zur Staffage herabgesunkene Figuren in meist idealisierter (also in der Realität so nicht zu findender) gebirgiger Landschaft mit blaugrüner Ferne. Die Figuren der Maria Magdalena und des Johannes erinnern indessen an das Kreuzigungstriptychon des ebenfalls in Antwerpen tätigen Malers Quentin Massys (1465-1530) aus der Sammlung Mayer van den Bergh in Antwerpen. Möglich wäre auch, dass unser Bild vom gleichen Maler (es wird einem Gehilfen des Kölner Meisters der Heiligen Sippe zugeschrieben) stammt wie ein Triptychon in St. Nicolai zu Kalkar: Hier sind auf den beiden Flügeln ebenfalls der hl. Hieronymus und der hl. Franziskus dargestellt, das Mittelbild zeigt die Gregoriusmesse.
  Marcel Oswald