• Das Rosenkranzbild von 1621

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Wenn ich richtig gezählt habe, sind 57 Rosenkränze auf dem Rosenkranzbild aus dem Dominikanerkloster St. Andreas abgebildet. Das Gemälde wurde im Jahr 1621 von einem uns unbekannten Maler des Frühbarocks geschaffen und ist mit Sicherheit im Umkreis des Kölner Dominikanerklosters Heilig Kreuz entstanden. Eineinhalb Jahre benötigten der Gemälderestaurator Andreas Hoppmann und seine Mitarbeiterinnen um dieses Rosenkranzbild vor dem Zerfall zu retten. Nun erstrahlt - im wahrsten Sinne des Wortes - das Gemälde in seiner ursprünglichen Schönheit und Farbenpracht.

Eine ganze Geschichte, genauer: viele Geschichten erzählt dieses wunderschöne Gemälde mit seinen fast hundert Personen, die darauf zu erkennen sind. Ob Kaiser, Bauer, Bischof oder Nonne, ob Soldat, Bürgersfrau oder Mönch: alle beten sie den Rosenkranz. Und Engel aus dem Himmel reichen sie ihnen herab.

Zweigeteilt ist das Bild: Der obere Bereich zeigt den Himmel, der untere Teil des Bildes ist der irdischen Wirklichkeit gewidmet.

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Den Mittelpunkt im himmlischen Bereich bildet die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm von hellem, weißem Lichtglanz umgeben. Maria trägt eine Krone aus Rosen auf ihrem Haupt, ein Hinweis auf den Titel "Rosenkranzkönigin", den man ihr verlieh. 15 Medaillons umgeben die Madonna: Sie zeigen die je fünf Geheimnisse des "Freudenreichen", "Schmerzensreichen" und "Glorreichen Rosenkranzes". Über Maria schwebt Gott Vater, darunter als Taube der Heilige Geist und mit dem Jesuskind bilden sie die Dreifaltigkeit ab, die ja in jedem "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist? des Rosenkranzgebetes angerufen wird.

Zahlreiche Engel füllen den Himmel und sie reichen Rosenkränze nach unten auf die Erde zu den Menschen: Der Rosenkranz als ein "himmlisches Gebet".

Der untere Bildbereich zeigt die Erde, genauer: die irdische Gesellschaftsform. Sie ist hierarchisch wohlgeordnet, so wie man das damals sah. Rechts, von der Gottesmuter aus gesehen, ist die kirchliche Hierarchie. Zunächst der Papst, ein Kardinal, zwei Bischöfe, Ordensmänner und Frauen. Links von Maria ist schließlich die irdische Hierarchie zu finden mit dem Kaiser, König, einem Fürsten, einem Ritter sowie einer Edelfrau. Soldaten, Bauern und einfaches Volk sind zu erkennen. Und sie alle, kirchliche wie weltliche Personen vereint, dass sie gemeinsam kniend den Rosenkranz beten.

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Ist auf unserem Gemälde im Himmel als zentrale Gestalt die Gottesmutter Maria, so sind es auf der Erde drei Dominikanerheilige. Sie scheinen sogar beide Bereiche, Himmel und Erde, zu verbinden (mit dem Kopf ragen sie in den Himmel). Und das weist uns auf eine Legende hin, wonach Maria dem heiligen Dominikus vom Himmel herab den Rosenkranz gereicht hat. Die Dominikaner haben dann auch den Rosenkranz als Volksgebet populär gemacht, haben ihn "unter das Volk gebracht". 1457 wurde von Jacobus Sprenger, dem Prior des Kölner Dominikanerklosters HI. Kreuz, die erste Rosenkranzbruderschaft gegründet.
 

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Einer dieser drei Dominikanerheiligen auf unserem Gemälde ordnet Rosenkränze auf dem Altar, der andere Dominikaner schreibt etwas in ein Buch (beide Heilige sind nicht zu identifizieren). In der Mitte steht -unmittelbar unter Maria - der Heilige Dominikus, erkennbar an dem Stern auf seiner Stirn, seitlich ein Hund mit einer Fackel im Mund sowie der Weltkugel. Die Legende erzählt, dass die Mutter des HI. Dominikus, die Selige Johanna von Aza, während der Schwangerschaft träumte, sie werde einen Hund mit einer Fackel im Maul gebären, der die ganze Welt mit dem Evangelium erleuchten würde.
 
Nicht zuletzt sei die Aufmerksamkeit auf eine Szene im unteren Bereich des Bildes gelenkt: Hier wird uns ein Blick in die Unterwelt gewährt, wo Arme Seelen im Feuer leiden. Zwei Engel reichen diesen Armen Seelen Rosenkränze hinab und ziehen sie daran aus dem Fegefeuer heraus, damit sie oben im Himmel bei Gott, der auf unserem Bild von vielen Menschenseelen umgeben ist, ihren Platz finden. Der Rosenkranz, so will das Bild sagen, kommt nicht nur vom Himmel sondern er führt uns auch dahin. Und davon erzählen ja die 15 Geheimnisse des Rosenkranzes: Von der Erlösung, die durch die Menschwerdung, das Leiden und das Sterben sowie die Auferstehung Jesu an uns geschehen ist.
So kehrt ein wunderschönes Gemälde wieder nach St. Andreas zurück, das bisher im Speiseraum des Konventes hing und nun seinen Platz in der Kirche gefunden hat. Es ist ein Bild, das die Betrachter zum Beten des Rosenkranzes, dieses "himmlischen Gebetes" einladen will. Der Rosenkranz ist ein Gebet, das mit den Augen Mariens das Wirken Gottes in Jesus betrachtet. Nachdem Papst Johannes Paul II. zu den traditionellen Gesätzen noch den "Lichtreichen Rosenkranz', der das öffentliche Wirken Jesus betrachtet, hinzugefügt hat, wird das ganze Leben Jesus in diesem Gebet in den Blick genommen. Und mit der Krönung Mariens im Himmel (letztes Gesätz des "Glorreichen Rosenkranzes") wird auch unsere Zukunft verheißen: Nicht das Feuer (unten auf dem Bild) sondern der Himmel soll unsere Krönung" sein. Wir sind für den Himmel bestimmt. Das wird uns gesagt, wenn wir den Rosenkranz beten. rosenkranz4


Er ist ein meditatives Gebet, das gerade durch sein "leierndes" Wiederholen eine tiefe Betrachtung ermöglichen hilft. Man kann den Rosenkranz in der Kirche oder daheim genauso gut beten wie unterwegs in der Straßenbahn oder beim Spaziergang. Und wer einmal in Lourdes oder Fatima war, der weiß, dass man den Rosenkranz selbst in den unterschiedlichsten Sprachen zugleich beten kann: Polen, Deutsche, Brasilianer oder Gläubige aus Afrika beten zusammen, jeder in seiner Sprache. Gäbe es den Rosenkranz noch nicht, man müsste ihn erfinden. Aber dieses "himmlische Gebet" ist uns längst schon geschenkt.

P. Wolfgang Stickler OP

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