• Die Pietà im Marienchor

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Zur Salve Prozession zogen die Predigerbrüder im Kloster Heilig Kreuz an der Stolkgasse zur Pietà. Jetzt befindet sich dieses Gnadenbild in St. Andreas. Nach langen Restaurierungsarbeiten, von März 1999 bis November 2002, hat diese Holzskulptur vom Ende des 14. Jahrhunderts, seine Aufstellung im Marienchor gefunden. Die Rüsche am Hals, die einst aus Prüderie eingefügt ward, wurde bei der jetzigen Restaurierung entfernt, die Tränen wurden verstärkt.

 

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Das Gnadenbild gehört zu den rheinischen Vesperbildern, die unter dem Einfluss der Mystik entstanden sind. Aus dem Motiv der leidenden Maria entwickelte sich während der Pestepidemien im 14. Jahrhundert die so genannte Pietà: Maria hält als trauernde Mutter den toten Sohn nach der Kreuzabnahme in den Armen oder auf dem Schoß. Der Name "Pietà" ist eine Abkürzung des italienischen "Maria Sanctissima della Pietà" ("Die heiligste Maria vom Mitleiden"). In Deutschland wird dieser Typus auch - nach der Karfreitagsvesper - Vesperbild genannt. Diese Station im Leben Mariens bereitet in den Kreuzwegstationen die Grablegung Jesu vor.

Im Vesperbild hält Maria dem Betrachter ihren getöteten, von fünf riesigen Wunden gekennzeichneten Sohn entgegen. Auf diese Weise erhält die quälende Frage nach dem Sinn des Leidens eine Antwort. Maria lädt zum Miterleben des Leidens und Sterbens ihres Sohnes ein: Christi Tod, aus Liebe zum Menschen angenommen und im Vertrauen auf Gott erlitten, eröffnet dem leidenden Menschen einen Weg, auf dem er friedvoll seinem Leid begegnen kann.

 

Im Gnadenbild der Pietà erkannten Generationen von Gläubigen ihren Schmerz und fanden Trost beim Anblick der schmerzhaften Mutter. So wundert es nicht, wenn die Christen dieser Schmerzensmutter das biblische Klagelied über das zerstörte Jerusalem in den Mund legten: "Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, den man mir angetan" (Klgl 1,12).

In unserem Gnadenbild kann man folgendes beobachten: Die Christusfigur, mit hageren, dürren Gliedern und schmerzerfülltem Ausdruck, sitzt steil aufgerichtet auf dem Schoß der Mutter, sein Kopf neigt sich etwas nach hinten. Der linke Unterarm Jesu ist schräg nach oben geführt, um vor der linken Schulter Mariens das Wundmal zu zeigen. Die rechte durchbohrte Hand hängt senkrecht nach unten. Die Seitenwunde ist gut sichtbar und ebenfalls die Wunden an den Füßen. Die Gestalt Jesu ist wesentlich kleiner als die seiner Mutter. Die wichtige Person scheint die vom Leid geprüfte Mutter zu sein. Maria in jugendlicher Frische trägt ein blaues Kleid und darüber einen roten Mantel, der aussieht wie ein Chormantel. Ihr Haupt ist von geringeltem, herabfließendem Haar umrahmt. Die Farbe des Haares ist golden. Die Gottesmutter hält den Leichnam ihres Sohnes mit ihrer rechten Hand umfangen, während die linke auf den Knien Jesu ruht. Sie hat ihren Mantel um den Leichnam gewunden, um ihn respektvoll und voller Ehrfurcht zu halten. Bemerkenswert sind ihre Züge. Von der Mitte her betrachtet zeigt das Antlitz den tiefen Schmerz der Gottesmutter doch von rechts her betrachtet zeigt das Antlitz einen freundlich lächelnden Zug. Hier schimmert die österliche Hoffnung durch, die durch den goldenen Schimmer zur österlichen Freude wird.

Marcel Oswald