Nikolaus Groß und St. Agnes
Am 07. Oktober 2001 sprach Papst Johannes Paul II den Journalisten und Funktionär der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) Nikolaus Groß selig.
Sein Arbeitsplatz war das Kettelerhaus, die Zentrale der KAB im Agnesviertel.
Mit seiner Familie lebte er in unmittelbarer Nachbarschaft der Agneskirche. Hier besuchte er die Gottesdienste, hier waren seine Kinder in der Katholischen Jugend aktiv. In der Krypta der Agneskirche wurden auch am 08. Februar 1945 die Exequien, die Totenmesse, für ihn gefeiert. Wenige Tage zuvor, am 23. Januar 1945, wurde der Vater von fünf Kindern als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus in Berlin hingerichtet.
Schon 1930 hatte er in der Westdeutschen Arbeiterzeitung sich gegen die Nationalsozialisten positioniert. "Wir lehnen als katholische Arbeiter den Nationalsozialismus nicht nur aus politischen Gründen, sondern entscheidend auch aus unserer religiösen und kulturellen Haltung entschieden und eindeutig ab."
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Triptychon in der Krypta von St. Agnes:
Anatol Herzfeld
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Da die damaligen Machthaber jede Erinnerungsmöglichkeit an die Ermordeten verhindern wollten, wurde ihre Asche nicht den Angehörigen übergeben, sondern verstreut.
Einen Ort der Erinnerung für Nikolaus Groß und die beiden anderen Widerstandskämpfer der KAB hat die Pfarrei St. Agnes in ihrer Krypta geschaffen. Der Künstler Anatol Herzfeld hat die Krypta als Gedenkstätte gestaltet, die weißen Wände, die schweren Eisentüren und die Gitter vor den Fenstern vermitteln den Besuchern den Eindruck eines Gefängnisses.
An der Wand hängt eine von Anatol geschaffene Tafel, die den gefesselten Jesus eingerahmt von seinen Anklägern Pilatus und Kaiphas zeigen. Anlässlich seines 60. Todestages fertigte Anatol ein Reliquiar: in einem aufgeschlagenen Buch aus Stahl liegt unnter einer Glasplatte ein Brief von Nikolaus Groß an seine Tochter, Frau Marianne Reichartz.
Bei der Einweihung
erläuterte sie, warum sie dieses Schreiben ausgewählt hat:" Ich habe diesen Brief, der nun eine Reliquie ist, ausgewählt, weil seine Kernaussage für mich in dieser schweren Zeit eine große Hilfe gewesen ist:
"...dass Du Dich selbst behauptest". Die Betonung liegt nicht auf "behauptest" sondern auf
"selbst". Meinem Vater ging es nicht um Ratschläge und fertige Lösungen; es ging ihm darum, den Blick der Tochter zu schärfen, um sie selbst zu Entscheidungen fähig zu machen."
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Reliquiar mit Brief von Nikolaus Groß in der Krypta
von St. Agnes: Anatol Herzfeld
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Grundlage dieser Fähigkeit zu Selbstbehauptung sieht Dr. Hans-Ulrich Wiese, der als Pfarrer von St. Agnes die Umgestaltung der Krypta als Gedenkstätte aktiv gefördert hat, im Glauben.
"Nikolaus Groß hat Gott als Grund seiner inneren Freiheit erfahren, auch im Gefängnis. Sein Glaube gab ihm die Kraft zu existentieller Selbstbehauptung".
Die katholische Grundschule wurde 1984 nach Nikolaus Groß benannt. Die Straße, in der Nikolaus Groß damals mit seiner Familie lebte, ist nach ihm benannt. Sein Name ist im Agnesviertel präsent. Präsent soll auch sein Einsatz gegen Unfreiheit bleiben. Sein Sohn, Diakon Alexander Groß, hat dieses Anliegen nach der Seligsprechung seines Vaters
formuliert:" Vor allem soll mein Vater ein Stein des Anstoßes sein und bleiben, wo die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird, wo die Folter reagiert und wo Menschen sterben müssen, weil sie den Interessen der Mächtigen im Weg stehen."
Literatur:
Ansprache von Marianne Reichartz
Artikel von Dr. Hans-Ulrich Wiese
Marianne Reichartz über ihren Vater und ihre Mutter
"So viele Menschen wollen mir noch zuhören" staunt Marianne Reichartz am 14. März 2010, als sich die Krypta nach und nach mit Zuhörern füllt, die der Tochter des sel. Nikolaus Groß zuhören wollen. Viele Interessierte müssen während des bewegenden Berichts stehen.
Als Ort für den Vortrag wurde bewusst die Krypta gewählt, die von dem Künstler Anatol Herzfeld für drei ermordete Widerstandskämpfer gestaltete Gedenkstätte.
Pastoralreferent Norbert Bauer
begrüßt Marianne Reichartz
(Foto: Teske) |
An diesem Ort wurde auch die Totenmesse für den in Berlin hingerichteten Familienvater gefeiert, die mit dem auf einem alten Harmonium gespielten Schlusschor aus der Matthäus-Passion endete. "Ich habe die Matthäus-Passion noch oft gehört und habe jedes Mal innerlich gezittert, weil sie mich an die erschütternde Stunde hier in der Krypta erinnerte."
Einen besonderen Focus richtet Frau Reichartz auf ihre Mutter, die nach dem Todesurteil vergeblich versuchte, den Nuntius der katholischen Kirche in Berlin zu bewegen, sich für ihren verurteilten Mann einzusetzen. Aber sie fand dort kein Gehör.
Auch nach dem Krieg war die Witwe mit ihren sieben Kindern oft auf sich allein gestellt: Die Angehörigen hatten keinen offiziellen Totenschein erhalten, und während die Witwe Roland Freislers, der Nikolaus Groß zum Tode verurteilt hatte, eine hohe Rente kassierte, musste Frau Groß lange demütigende Bemühungen unternehmen, um ihre Rentenansprüche geltend zu machen.
Dennoch stand Frau Groß stets zu der Entscheidung ihres Mannes, seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus auszusprechen. Als Marianne Reichartz 2001 bei der Seligsprechung den Namen ihres Vaters über den Petersplatz rufen hörte, hätte sie sich gewünscht, dass auch der Name ihrer Mutter zu hören gewesen wäre. "Warum nicht mal ein Ehepaar selig sprechen? Diese starke, diese glaubensstarke Frau hätte es auch verdient ... Aber soweit ist die Kirche noch nicht!"
Hier finden Sie einen
Zeitungsartikel aus der "Kölnischen Rundschau" über diese Veranstaltung.
Einige Auschnitte aus der Rede von Frau Reichartz können Sie hier hören:
2010 / 1
Nikolaus Groß