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Gott wird Kind

Ich glaube ja nicht, dass je ein Mensch verstanden hätte, was das heißt: Gott liebt seine Geschöpfe und aus Liebe zu ihnen drängt es ihn, Mensch zu werden! 

Macht er sich doch auf diese Weise angreifbar und verletzbar. Wenn Gott sich in der Person Jesus seiner selbst entäußert, wie es im Philipperbrief (Phil 2,7) heißt, dann verlässt er seine Unbegreifbarkeit. Er offenbart sich in diese von ihm geliebte Menschenwelt hinein, macht sich klein, wird bedürftiges Kind; KIND … ja, wer soll DAS verstehen?
  Krippe St. Michael

Vielleicht war es einer der schönsten Momente der christlichen Geschichte, als im Jahre 1223 Franz von Assisi einfiel, diesem Geheimnis von einer anderen Seite her auf die Spur zu kommen. Nicht durch den Verstand, sondern durch das sinnenhafte Erleben wollte er das Ereignis der Geburt Jesu für sich und die Menschen seiner Nachbarschaft griffig machen: „Ich möchte seine Geburt in Betlehem so feiern, dass die Not SICHTBAR wird, die er von Kindheit an ertragen musste, um uns Sünder zu retten.“ Dabei sollten aber nicht allein die Augen, als vielmehr alle Sinne in Anspruch genommen werden. Seine Idee dazu war, die Ereignisse um die Geburt Jesu zu spielen.
Draußen unter freiem Himmel sollte nachempfindbar werden, wie frei Gott den Menschen in diesem  Jesuskind anhimmelt.

 Franz von Assisi

  Und so geschah es: Bei Assisi in Mittelitalien gibt es einen Ort mit Namen Greccio. Dort befinden sich zahlreiche natürliche Höhlen in den Felswänden. Franz hatte sich dahin oft für viele Tage zum Fasten und Beten zurückgezogen.
Auf seinen Rat hin verteilten nun die Nachbarn in einer dieser Höhlen wie in einem Stall etwas Stroh. Sie stellten einen Futtertrog hinein und organisierten einen Ochsen und einen Esel, wie sie es sich in der Szenerie um das Geburtsereignis Jesu vorstellten. Diese beiden Tiere sollten nämlich trotz ihrer Behinderung (Unfruchtbarkeit und Einfältigkeit), wie es die Überlieferung verlangte, Zeugen der Geburt Jesu werden.
 
In der Nacht dann kamen die Menschen aus den umliegenden Dörfern mit Fackeln in den Händen durch die Wälder zum Berghang hinauf. Ein Priester war nach Greccio bestellt worden. Auf dem zur Krippe gewordenen Futtertrog feierte er mit den hinzugekommenen Gläubigen die Messe. Franz von Assisi las als Diakon, der er ja war, das Weihnachtsevangelium.

Auf dem zur Krippe gewordenen Futtertrog feierte er mit den hinzugekommenen Gläubigen die Messe. Franz von Assisi las als Diakon, der er ja war, das Weihnachtsevangelium.
Die Gläubigen wurden auch zum Mitspielen des Gehörten aufgefordert: Eine Mutter mit ihrem Säugling stellte Maria mit dem Jesuskind dar. Josef und die Hirten wurden rasch gefunden und selbst die Schafefanden sich in den „Mäh“-Rufen der Übrigen wieder! Ein Zeuge des Abends berichtete: „Zu Ehren kommt da die Einfalt, die Armut wird erhöht, die Demut gepriesen und aus Greccio wird gleichsam ein neues Betlehem“ (Thomas von Celano 1,86)
Der Glaube der Menschen im Mittelalter wirkt auf uns durch seine Sprache der Bilder ungewohnt kindlich. Dennoch sind seit dieser ersten Krippen-Christmette in Greccio bis in unsere Zeit hinein gerade die Krippendarstellungen nicht mehr aus der Weihnachtstradition wegzudenken.

Gott wird Mensch, ja, Gott wird hilfloses Kind - das ist Kern der göttlichen Liebesbotschaft an den Menschen. Diese Botschaft gilt jedem Menschen. Grund genug, dass wir uns auf diesem Hintergrund auch selbst zu lieben vermögen. Nicht für unsere Stärken und für unsere vermeintliche Allmächtigkeit.

Wir können uns ganz schutzlos und angstfrei liebend unserer ganzen Persönlichkeit zuwenden, auch und gerade den dunklen und unerlösten Teilen unseres Ichs. Gott hat sie ja bereits vor uns angenommen und geliebt. Dafür steht meines Erachtens das ganze Leben Jesu, gerade in seinen Begegnungen mit den Schwachen seiner Zeit.
   

Die Krippe ist Symbol dieser ganzheitlichen Liebe Gottes. Vor der Krippe verstummt alles Messen und Vergleichen, alle Konkurrenz und Scham. Vor der Krippe kommt der Mensch zu sich selbst, findet Gott und findet gleichzeitig sich selbst. 

Mach es doch einfach wie Gott: Werde Mensch!


Reiner Krause
"MiNor SPEKTRUM", Weihnachten 2011
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