Was dürfen wir nach unserem Tod erwarten?

Von den letzten Dingen

Ich erinnere mich noch gut an eine Predigt eines alten Pastors, die er als Gastprediger in meiner Heimatgemeinde gehalten hat, als ich etwa 15 Jahre alt war. Beachtliche 45 Minuten predigte er über das, was wir Christen nach unserem Tode zu erwarten haben: über Himmel, Hölle und Fegefeuer. Und was mich bis auf den heutigen Tag erstaunt: Er kannte sich sehr gut aus in diesen Gefilden, ganz besonders im Fegefeuer und in der Hölle. Er wusste, welche Strafen man für welche Sünden ableisten müsse.

Was dürfen wir hoffen? Etwa ein Gericht, so wie es auf vielen Bildern gemalt worden ist? Eines möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.

Rogier van der Weyden hat es im 15. Jahrhundert gemalt. Es hängt heute im berühmten Hospiz von Beaune/Burgund. Der Ausschnitt zeigt den Erzengel Michael, der die Menschen auf der Waage nach ihren bösen und guten Taten prüft. Christus der Richter betrachtet das Geschehen. Wer nicht besteht, hat die Qualen des Fegefeuers zu erleiden.

Dieses Bild hing früher im großen Krankensaal des Hospizes und die Menschen schauten Tag und Nacht auf dieses Ereignis, das ihnen vielleicht bald bevorstand.

Was dürfen wir hoffen?

Hierüber sind dicke Wälzer geschrieben worden. Deshalb kann ich in diesem Rahmen nur einen kurzen Überblick geben, der natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Unsere Hoffnung liegt in der Hl. Schrift begründet und in den Aussagen, welche in den Konzilien getroffen wurden.

 

Irgendwann wird unsere irdische Geschichte zu Ende gehen und wir werden Gott begegnen. Unsere jetzige Beziehung zu Gott wird dann ihre endgültige Gestalt finden. In dieser Ewigkeit gibt es natürlich keine Zeit mehr, denn Zeit bedeutet immer auch Vergänglichkeit. So dürfen wir hoffen, dass nach unserem Tode auch die verschiedenen Momente unseres Vollendungsgeschehens sich ereignen, das, was weitläufig als Gericht, Himmel, Hölle und Fegefeuer bezeichnet wird. Dann werden wir unserem Richter von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten.

Doch unser Richter ist kein anderer als Jesus Christus. Das, was im Leben geschehen ist, können wir dann nicht mehr rückgängig machen. Christus möchte uns ein Leben in der Ewigkeit ermöglichen. Deshalb benötigen wir den Durchblick: Wenn wir mit den liebenden Augen Gottes auf unser Leben sehen, dann erkennen wir, was wir auf Erden nicht vollständig erkennen konnten. Wir erkennen, was gut war und was schlecht war. Wir sehen nicht mehr die Situation mit unseren subjektiven Augen, sondern wir sehen alles objektiv durch die Brille Gottes. Erst jetzt erkenne ich, was alles schief gelaufen ist und wem ich Unrecht getan habe.

Alles, was schlecht war, darf ich der vergebenden Liebe Gottes anvertrauen. Dieses Erkennen der eigenen Schuld kann gewiss sehr weh tun, besonders wenn wir denen begegnen, an denen wir schuldig geworden sind. Doch es sind keine Schmerzen, die durch Folterwerkzeuge und Feuersbrunst erzeugt werden (wie im Gemälde von Beaune), sondern es sind vielmehr Schmerzen des Erkennens der Wahrheit.

Wir benötigen dieses Erkennen der Schuld und die Vergebung Gottes, um ein Leben in seiner Endgültigkeit führen zu können. So erhalten wir unsere endgültige Identität. Dann sind wir wie der nun für immer und restlos angenommene „verlorene Sohn" des Gleichnisses vom barmherzigen Vater, der nun am Festmahl teilnehmen kann, das niemals endet. Dieses Gericht Gottes betrifft jeden einzelnen Menschen, aber auch alle Menschen und die ganze Welt.

 

So ist das "Fegefeuer" kein Zwischenstadium zwischen Himmel und Hölle, sondern ein Teil der positiven Vollendung. Ohne diese Krise des Erkennens und der Vergebung ist keine Vollendung möglich. Die lehramtlichen Texte sprechen hier nicht von einem „Fegefeuer", sondern sie kennen einen „Reinigungs- und Läuterungsort" (lat. Purgatorium). Aus dem Bild des „läuternden Feuers", welches das Gold vom übrigen Metall scheidet, wurde leider im Laufe der Zeit ein realer Ort, ein schrecklicher Horror- und Folterort, vor dem die Menschen große Angst hatten und im Mittelalter bereit waren, viel Geld einzusetzen, um sich hiervon mit Ablassbriefen loszukaufen.

Nach dem Gericht der läuternden Liebe Gottes erwarten wir den Himmel, unser endgültiges Aufgehobensein bei Gott. Wir hoffen auch wieder mit allen Menschen verbunden zu sein, von denen wir durch den Tod getrennt worden sind.

Die Bibel spricht von einem himmlischen Hochzeitsmahl. Ein schönes Bild, das die Freude, das Feiern und die uneingeschränkte Kommunikation aller Festteilnehmer ausdrückt. Auf Erden erlebe ich immer nur in Glücksmomenten „ein Stück Himmel“. Jenseits der Todesschwelle erhoffen wir diesen Himmel ohne jegliche Einschränkung und Begrenzung.

Deshalb mag ich es auch nicht besonders, wenn von einer „Ewigen Ruhe“ gesprochen wird, denn ist eine „Ewige Ruhe“ überhaupt wünschenswert? Dann wäre doch nichts los, dann wäre doch alles „still-gelegt“, als ob jetzt alles gelaufen wäre. Die Begegnung mit Gott, die wir erhoffen, ist doch eher vergleichbar mit einem ungeheuren und atemberaubenden Leben, eben einen Sturm von Glück, der uns hinweg reißt, nämlich immer tiefer in die Seligkeit Gottes hinein.

Gibt es denn dann noch die Hölle? Oder wurde die auch schon abgeschafft?

 

Die positive Vollendung (Himmel) und die negative Endgültigkeit (Hölle) einer Lebensgeschichte stehen nicht auf einer Stufe. Gott will das Glück und das Heil für alle Menschen. Gott ist nicht der Geber von letztem Heil und von letztem Unheil. Der Grund für eine negative Endgültigkeit kann daher nur im Menschen selbst liegen.

 

Wir haben die Freiheit selbst „Ja" zu sagen zu unserem Schöpfer. Wir können Ihm aber auch den Rücken zukehren. So hat Gott uns geschaffen. Müssen wir diese Möglichkeit nicht auch dem Menschen in seiner letzten Entscheidung einräumen? Dies würde bedeuten, dass der Mensch so in sich verkrümmt sein kann, dass er auch dann „Nein" zu Gott sagt, wenn er Ihm gegenübersteht und so der Mensch das Liebesangebot Gottes ablehnt.

Der große Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt, dass wir mit der Existenz der Hölle rechnen müssen, wir aber hoffen, dass sie für niemanden Wirklichkeit wird. Gott beglückt niemanden mit Seiner Liebe zwangsweise, sondern Er achtet unsere Freiheit.

 

Gerd Breidenbach, Pfarrer