Aus welchem Anlass und aus welchen Gründen unsere Vorfahren einmal den Hl Remigius zu ihrem
Patron erwählt haben, ist uns leider nicht überliefert. Wittlaer gehört zu den wenigen
Kultstätten des Niederrheins, die als Patron den hl. Remigius haben. Sein hiesiges Patronat dürfte
für eine frühe Gründung der Wittlaerer Kirche sprechen.
Als im 4./5. Jahrhundert das Christentum am Rhein über die Bischofsstädte hinaus auf das Land
auszugreifen begann, war es bereits ein gefestigter Brauch, neue Kirchen auf den Titel eines
Schutzheiligen, eines Patrons, zu weihen, den der Kirchengründer nach den verschiedensten
Gesichtspunkten auswählte. Es konnten bei dieser Auswahl eingespielte Traditionen, besondere
persönliche und institutionelle Bindungen wie auch Gesichtspunkte politischer Demonstration bzw.
Propaganda eine Rolle spielen. Da es weniger die gegebene kirchliche Autorität, der Bischof, war,
von dem in dieser Zeit der Anstoß zur Errichtung neuer Kirchen ausging, solche Kirchen vielmehr
vornehmlich von den mächtigen Grundherren gebaut wurden, um für die in ihren Grundherrschaften
lebenden Leute einen kirchlichen Mittelpunkt zu schaffen, kann das jeweilige Kirchenpatrozinium
Auskunft über den Kirchengründer und die Gründungszeit geben.
Name des Patrons Hinweis auf das Alter der Kirche?
Das ist - mit gewissen Einschränkungen - deshalb möglich, weil es, wie im Alltagsleben auch,
in der Heiligenverehrung Modetrends gegeben hat, die dafür sorgten, daß bestimmte Heilige für eine
gewisse Zeit und in einem gewissen Gebiet ein Maximum an Ansehen und Beliebtheit erreichten, um
danach wiederum in die relative Vergessenheit zu versinken oder doch zumindest hinter
erfolgreicheren "Konkurrenten" zurückzutreten; es ist desweiteren deshalb möglich, weil die
Hochschätzung bestimmter Heiliger nicht allgemein verbreitet, sondern schichtenspezifisch gebunden
war.
Modenamen?
Ein typisches Beispiel dafür ist der hl. Remigius, Bischof von Reims, von dem König Chlodwig
aus der salfränkischen Herrschersippe der Merowinger 496 die Taufe empfangen haben und darauf mit
göttlichem Beistand die vordringenden Alemannen bei Zülpich besiegt haben soll. Um eben diese Zeit
schickte er sich an, die in das linksrheinische Römergebiet und das heutige Belgien und
Nordfrankreich eingedrungenen, in eine Vielzahl selbständiger Völkerschaften und Teilreiche
zerfallenden Franken der zentralisierenden Königsherrschaft seines Hauses zu unterwerfen. Seitdem
verschmolzen fränkische Siedlung, "Staats"-bildung und Christianisierung zu einem einheitlichen
Prozeß, der sich vom 6. bis ins 9. Jahrhundert hinzog.
Remigius-Patronate im 7. bis 9. Jahrhundert
Von dem hl. Remigius selbst wissen wir fast nichts. Die vorliegenden Lebensbeschreibungen
sind nicht mit dem Ziel verfaßt, uns biographische Daten mitzuteilen, sondern den Hörern und Lesern
das erbauliche Beispiel eines christlichen Lebens vorzuführen; sie rüsten den Heiligen deshalb mit
jenen Tugenden und Lebensbegebenheiten aus, die ein Heiliger nach den Vorstellungen der Zeit
aufzuweisen hatte. Was sie uns zeigen wollen, ist ein Typ, keine Persönlichkeit.
"Apostel der Franken"
Bekannt ist daher zwar nicht seine Lebens-, doch seine Wirkungsgeschichte. Als "Apostel der
Franken" genoß er zusammen mit dem hl. Martin und dem hl. Dionysius im fränkischen Königshaus und
in der fränkischen Aristokratie eine besondere Verehrung, die ihn in die Stellung eines
"Reichsheiligen" aufrücken ließ. Zwar nicht in demselben Ausmaß wie dem hl. Martin, aber doch in
auffallender Parallelität wurden ihm vom 7. bis zum 9. Jahrhundert Kirchen auf Königs- und Adelsgut
geweiht. Das Verbreitungsgebiet seines Kults entspricht daher - abgesehen von einigen, aus
besonderen Situationen zu erklärenden späteren Befunden in Nord- und Mitteldeutschland - in groben
Zügen dem von der fränkischen Reichskultur erfaßten Raum in vorkarolingischer Zeit, also vor 800.
Nur fünf Remigius-Kirchen rechts des Rheins
Das erklärt, weshalb Remigius-Patrozinien rechts des Rheins ziemlich selten sind. In der
alten Erzdiözese Köln, die von den Eifelmaaren bis Nimwegen, von Malmedy bis Lippstadt reichte, war
Remigius rechtsrheinisch nur fünfmal als Kirchenpatron vertreten: in Königswinter, Opladen,
(Wuppertal-) Sonnborn, (Dortmund-) Mengede und Wittlaer. Von diesen Orten liegen Königswinter,
Opladen und Wittlaer am Rhein oder in Rheinnähe und liefern insofern Hinweise auf eine fränkische
Landnahme auf der rechten Rheinseite. Sonnborn (vielleicht) und Mengede dürften fränkische
Etappenstationen bzw. Stützpunkte bei der Unterwerfung und Christianisierung des Sachsenlandes
gewesen sein. Königswinter, Sonnborn und Mengede sind schon im 9. Jahrhundert, also sehr früh,
namentlich und schriftlich bezeugt, Opladen wie Wittlaer erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts.
Alle Namensformen aber sind alt.
Nicht uninteressant sind die kirchlichen Besitzverhältnisse. Die Kirche in Königswinter
"gehörte" wie die in Wittlaer dem Frauenstift Vilich, Sonnborn dem Frauenstift Gerresheim, Opladen
dem Kölner Gereonstift, in dessen Besitz sich auch die bedeutende Remigiuskirche im
linksrheinischen Viersen befand und das der Grundherr in dem zum Wittlaerer Kirchspiel gehörenden
Bockum war. Damit deuten sich schemenhaft Zusammenhänge an, die sich leider nicht zu einem
deutlichen Bild konturieren lassen.
Wittlaerer Kirche schon aus dem 9. Jahrhundert?
Ein Vergleich der rechtsrheinischen Remigiuskirchen in der alten Diözese Köln macht es
wahrscheinlich, daß sie auf fränkischem Königs- oder Adelsgut erbaut worden und später - auf
direktem oder indirektem Weg - an geistliche Gemeinschaften verschenkt worden sind. Einen Hinweis
verdient auch die Tatsache, daß die beiden Wittlaerer Nachbarkirchen, Mündelheim und Kalkum,
ebenfalls Patrozinien "fränkischer" Heiliger aufweisen: Dionysius und Lambertus, deren
Kultverbreitung allerdings etwas später als die des hl. Remigius anzusetzen ist.
Die Wittlaerer Kirche dürfte demnach wenigstens schon 300 Jahre alt gewesen sein, als sie
1144 zum ersten Mal genannt wurde. Gleichwohl bezieht sich das Jubiläum zu Recht auf dieses Jahr,
denn erst mit dem Namen gewinnen eine Person, ein Ort oder eine Sache ihre Identität.
Das Patrozinium des hl. Remigius im rechtsrheinischen Teil der alten Erzdiözese Köln
Wilhelm Janssen in REMIGIUS aktuell, Festausgabe zum 850jährigen Orstjubiläum Wittlaer, 1994