15 | 12 | 2017

Mit Gott in Frankreich - Wallfahrt 2017

Was erwartet uns diese Woche? Wieviel Gepäck nehme ich mit? Ist mein Koffer zu groß? Wie wird mich diese Woche verändern? Kriege ich Muskelkater vom Wandern? Werde ich mich gut mit den anderen verstehen? Mit wem schlafe ich im Zimmer? Wie wird mir Gott begegnen? Halte ich eine Woche mit so vielen Leuten durch? Wie verstauen wir die Gitarre? Kann ich mich trotz Sprachbarriere verständigen? Wie wird die Woche meinen Glauben beeinflussen? Wer passt auf die Schokolade auf?

Freitag, 29.09.

Es ist 6.33Uhr. Es ist sehr kalt. Alle sehen müde aus. Wir sind 3 Minuten zu spät, aber Gerold ist auch noch nicht da. Den Stress beim Frühstück hätten wir uns sparen können. Die Stimmung ist noch mau, aber das kann ja noch werden. Wir begrüßen uns, manche kennen wir, aber es sind auch viele unbekannte Gesichter dabei. Plötzlich ist Gerold da, jetzt kann es losgehen. Die Autos werden gepackt und die Fahrt beginnt.

Unser erster Stopp ist Compiegne. Das Wetter überrascht uns ebenso positiv wie die erstaunlich kurze Fahrt. Die Sonnencreme wird rumgereicht und wir stärken uns zunächst mit einem Picknick. Anschließend sitzen wir zum ersten Mal alle gemeinsam in großer Runde, stellen uns vor und tauschen unsere Erwartungen aus. Sofort wird deutlich wie unterschiedlich wir sind. Unterschiedliche Motivationen, unterschiedliche Ausgangssituationen, jeder freut sich auf etwas anderes.

Nach der kurzen Kennenlernrunde besichtigen wir den historisch bedeutsamen Schauplatz. Das kleine Museum klärt uns über die verschiedenen Ereignisse des Ortes auf. Der ausgestellte Eisenbahnwaggon spielte sowohl im ersten Weltkrieg, als Ort der Unterzeichnung des Waffenstillstandabkommens 1918, als auch im zweiten Weltkrieg, 1940, eine große Rolle. Die Gegensätzlichkeit des Ortes wird uns deutlich, er steht für Frieden aber auch für Krieg,  für Freude und Leid in der Geschichte. Er verbreitet eine bedrückende und zugleich einzigartige Stimmung, die wir im Anschluss für eine erste Zeit der Stille und des persönlichen Gebetes nutzen. Manchem fällt es schwer in das Gebet einzusteigen, aber die Woche liegt ja noch vor uns.

Wir fahren nun durch typisch französische Dörfer und kleine Gassen zu unserer ersten Unterkunft, einem Internat in Sichtweite einer wunderschönen Burg. Abends erleben wir die erste Messe der Woche. Danach sind wir in kleinen Gruppen eingeladen in verschiedenen Wohngemeinschaften der „Arche“ zu Abend zu essen. Dort leben Menschen mit Behinderung gemeinsam mit Betreuern. Sie bieten uns die Möglichkeit einen ganz besonderen Abend mit ihnen zu verbringen. Wir sind alle sehr müde und kaputt vom ersten Tag und dennoch ist es ein schönes Erlebnis. Jeder nimmt etwas anderes mit, aber gemeinsam ist uns allen die Dankbarkeit für diese Momente.

 

Samstag 30.09.

Mehr oder weniger erholt starten wir in den zweiten Tag. Es geht auf nach Lisieux. Leider geht auf dem Weg eines der Autos verloren, sodass wir warten, bis alle den Weg gefunden haben. Das gibt uns anderen Zeit, schon mal einen Blick in die Kathedrale zu werfen. Wir sind vollkommen überwältigt von der Vielfalt, den Farben, der Größe, dem Kerzenmeer und der Atmosphäre an diesem Ort. In der Kapelle im Gewölbe feiern wir unsere erste „eigene“ Messe. Besonders ist nicht nur, dass im Nebenraum eine philippinische Messe stattfindet, auch die Geschichte der kleinen Therese von Lisieux berührt uns sehr. Schwester Violaine schafft es trotz der Sprachbarriere, einen anregenden Vortrag zu halten. Uns berührt vor allem die Metaphorik, die Bilder begleiten uns in den folgenden Tagen und auch heute noch.

Voll von Eindrücken des Tages kommen wir in der Jugendherberge an, wo wir die zweite Nacht verbringen. Zum Abendessen teilen wir uns in drei Kleingruppen auf, die wir über die Woche als Fraternitäten weiterführen. Fraternitäten bieten die Möglichkeit, eigene Gedanken und Gefühle zu reflektieren und andere daran teilhaben zu lassen. Der Einstieg in die Frats ist ungewohnt, aber im Laufe der Woche lernen wir sie zu schätzen.

 

Sonntag 01.10.

Endlich beginnt die Wanderzeit. Nach einem inhaltlichen Einstieg, machen wir uns auf den Weg Richtung Strand. Das Wetter spielt zunächst nicht so richtig mit, aber als wir den Regenbogen über dem Meer erblicken, ist alles wieder gut. Auch beim Wandern nehmen wir uns eine Stunde Zeit, zu schweigen und in der Natur das Gebet neu zu erfahren. „Für mich ist es ein ganz neues Erlebnis, die Umgebung, die wechselnden Bodenverhältnisse, den Wind und alles um einen herum ins Gebet einfließen zu lassen.“ Nach ca. 15km Weg erreichen wir unser Haus für die nächsten zwei Nächte. Die von Pater Gerold als „Hütte“ angekündigte Unterkunft, gleicht eher einer Villa. Das geräumige Kaminzimmer bewährt sich als Speisesaal und Gemeinschaftsraum, in dem wir sogar Messen feiern. Den Tag klingen wir mit gemeinsamen Kochen, Essen, Spielen und guten Gesprächen aus.

 

Montag 02.10.

Voller Motivation starten wir nach einer erholsamen Nacht den zweiten Wandertag. Der Weg ist zwar wesentlich anstrengender zugleich allerdings auch abwechslungsreicher als am Tag zuvor. Er führt uns an der Küste entlang, durch ein Naturschutzgebiet hin zu steilen Felspfaden. Zum Picknick suchen wir uns eine geschützte Stelle aus, deren Wirkung nicht in Worte zu fassen ist. Die weichen, federnden Gräser, der blaue Himmel, die vorbeiziehenden Wolken, die atemberaubende Küstenlandschaft geben uns ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit und Dankbarkeit.

Trotz Erschöpfung macht sich eine kleine Gruppe abends mit Pater Gerold auf den Weg zur Küste. Sie lassen sich weder vom kalten Wind noch von den glitschigen Felsen abhalten und stürzen sich in die Wellen. Belohnt werden sie mit dem Gefühl der Weite und Freiheit – in der Stärke der Wellen spüren sie die unbändige Kraft Gottes.

 

Dienstag 03.10.

Der dritte Wandertag steht ganz im Zeichen der Versöhnung. Nach einem bewegenden Input von Alessandra ziehen wir los, legen wieder ein Stück des Weges in Stille zurück und erreichen den weiten Sandstrand. Dort haben wir die Möglichkeit zur Beichte, zu einem Gespräch oder zum persönlichen Gebet. Für manche ist dies ein bedeutender Tag, weil sie hier einen Teil ihrer Sorgen und Schuldgefühle hinter sich lassen können. Im Anschluss feiern wir unsere erste Messe im Freien. Sie zeigt uns, dass Gott überall und immer mit uns ist, auch wenn wir es nicht immer spüren.

Abends sind wir zu Gast in einem Kloster der Gemeinschaft Chemin Neuf. Der Altersdurchschnitt der dort lebenden Schwestern liegt bei über 80 (!!!) Jahren, mehrere Schwestern sind sogar über 100 Jahre alt! Wir lernen an diesem Abend unter Anderem, dass Vegetarismus in Frankreich nicht so verbreitet ist wie bei uns.

 

Mittwoch 04.10.

Nach einer sehr kurzen Nacht fahren wir beim Sonnenaufgang Richtung Mont St. Michel. Schon bevor wir den eigentlich Startpunkt der Wattwanderung erreichen, sind unsere Schuhe durchnässt und wir komplett durchgefroren. Frau Fritsch befürchtet, zur Salzsäule zu erstarren und erklärt, was wir auf ihre Gedenktafel schreiben sollen :-D. Am Startpunkt treffen wir unseren Wattführer, der gleich den Namen Moses verpasst bekommt. Zunächst ist der Untergrund ungewohnt, das Laufen im Watt gleicht eher Schlittschuhlaufen und ein paar Mal hört man erschrecktes Aufschreien gefolgt von Gelächter. Auf dem Boden landet aber keiner von uns. Schon nach kurzer Zeit, müssen wir den ersten Fluss durchqueren. Die Strömungskraft überrumpelt uns, und es zeigt sich, dass man manche Hindernisse nur mit Hilfe der Anderen überwinden kann.

Trotz der zwischenzeitlichen Zweifel kommen alle sicher am Ziel an. Dort erwartet uns zunächst eine Messe gemeinsam mit anderen Besuchern und den Geschwistern der monastischen Gemeinschaft von Jerusalem, die die Abtei auf dem Mont St. Michel bewohnen. Die Gastfreundschaft der Schwestern, die zum Friedensgruß sogar aufstehen und durch die Reihen von Besuchern gehen, ist in Anbetracht der großen Besucherzahlen absolut bewundernswert.

Nach der Messe erkunden wir den Ort und treffen dann eine Schwester der Gemeinschaft. Sie erzählt von ihrem Glaubensweg und vom Leben auf dem Mont St. Michel. Die Geschwister dort gehen in der Regel einem „normalen“ Beruf nach und treffen sich mehrfach am Tag zu festen Gebetszeiten. Der Altersdurchschnitt hier beträgt lediglich ca. 35-40 Jahre, was für ein Unterschied zum vorherigen Abend!

Abends machen wir uns auf den Weg zu unserer letzten Unterkunft in dieser Woche. Nach einigen Stunden Fahrt erreichen wir das Kloster Melleray. Es ist spät geworden, es ist dunkel und sehr kalt und nach dem Abendessen sind wir alle froh ins Bett zu kommen.

 

Donnerstag 05.10.

Nach Morgengebet und Frühstück starten wir mit einer Führung über das Klostergelände. Hier leben Schwestern und Brüder dem Gemeinschaft Chemin Neuf zusammen. Sogar mehrere Familien mit Kindern leben auf dem Klostergelände. Die Geschwister versorgen sich weitestgehend selber, es gibt Obstwiesen, Äcker, eigene Bienenstöcke und vieles mehr. Am meisten interessiert uns natürlich der große Klosterladen, wo man unter anderem Tee, Honig und Marmelade aus eigener Produktion kaufen kann.

Es folgt ein Impuls eines schweizerdeutschen Paters und eine anschließende Zeit, in der wir mit dem inhaltlichen Input und verschiedenen Bibelstellen beten können. Die Abtei bietet viele Ecken zum Zurückziehen und es ist ein schönes Gefühl, an einem Ort zu beten, der seit über 800 Jahren ein Ort des Gebets und Klosterlebens ist.

Nachmittags treffen wir Pater Laurent Fabre, den Gründer der Gemeinschaft Chemin Neuf. Er hat die Gabe, Geschichten so zu erzählen, dass man ihm einfach zuhören muss, auch wenn einige nach dieser langen Woche doch ein bisschen überladen mit geistlichen Erfahrungen sind. Er erzählt uns von den Anfängen der Gemeinschaft Chemin Neuf und von Menschen, die er auf seinem Glaubensweg getroffen hat. Wir empfinden es als besonderes Geschenk, diese Begegnung mit Pater Laurent zu erleben.

Der Nachmittag geht weiter mit Lobpreis und der Möglichkeit der Taufe im heiligen Geist. Auch wenn wir persönlich dieses Angebot nicht angenommen haben, ist es ein intensiver Moment, indem die Gemeinschaft uns trägt, berührt und bei manch einem Herzenstüren öffnet. Über diese Erfahrung und über die gesamte Woche, die nun hinter uns liegt, können wir uns in der Fraternität austauschen. Die anschließende Zeit bis zum Abendessen nutzen wir um um den See zu wandern, Maronen  zu sammeln oder auf Bänken im Wald zu sitzen. Als es dann Zeit fürs Abendessen ist, erwartet uns ein Festmahl – mit drei Gängen, anregenden Gesprächen und viel Spaß.

 

Freitag 06.10.

Nach dem die Koffer gepackt wurden, schlafen wir, denn am nächsten Tag geht es früh weiter. Wir fahren nach Chartres, wo wir uns die Kirche anschauen und eine inoffizielle Führung durch die Kathedrale von Pater Gerold erleben.

Gemeinsam besuchen wir auch dort die Gemeinschaft Chemin Neuf, in deren Räumen wir zunächst eine große Abschlussrunde machen um danach gemeinsam mit den Schwestern und Brüdern die heilige Messe zu feiern und zu Mittag essen. Nach dem köstlichen Nachtisch, machen wir uns auf den Rückweg und treffen nach mehreren Staus zwischen 22 und 23 Uhr wieder in Bonn ein.

 

 

Abschließend können wir sagen, dass eine sehr intensive, bewegende Woche mit ganz viel Spaß hinter uns liegt. Wir haben viele verschiedene Leute kennen und schätzen gelernt, haben Gemeinschaft erlebt, neue Seiten an uns entdeckt und sind im Glauben gewachsen.

 

 „Für mich waren vor allem die vielen Gespräche wichtig, aber auch die Zeiten der Stille brachten mir viele neue Gedanken. Wichtig ist aber auch, dass nicht jeder Tag für jeden top war. Manchmal kam man nicht ins Gebet, die Zeit der Stille schien sich endlos hinzuziehen, man war übermüdet und hatte Heimweh… Jeder von uns hatte Hoch- und Tiefpunkte und dafür sind wir dankbar. Denn das Leben ist nicht anders – nicht jeder Tag bringt das, was man sich wünscht, man erreicht nicht immer das, was man sich erträumt. Aber wir wissen alle, dass das zum Leben und auch zum Glauben dazu gehört. Ich möchte keinen Moment dieser Woche missen und freue mich immer wieder, dass die Erinnerungen an diese Woche mich motivieren durchzuhalten, auch wenn es mal nicht so gut läuft!“

 

Elli und Isabel

 

Das Wichtigste zum Schluss: Wir sind Pilger, keine Touristen! ;-)

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