ERZBISTUM KÖLN     

DIE GESCHICHTE DER HERZ JESU-KIRCHE

 

1815-1881: Die Vorgeschichte des Baus der Herz Jesu-Kirche
Ausbau Kölns zur Festungsstadt und Errichtung der Neustadt unter preußischer Herrschaft

In der Preußenzeit wird ab 1815 Köln zur Festungsstadt ausgebaut, indem bis 1843 ein Ring von starken Forts um die Stadt gezogen wird, während die zivile Grenze des Stadtterritoriums weiterhin die mittelalterliche Stadtmauer etwa entlang der heutigen Ringe bleibt. Weil die Stadtbevölkerung jedoch ständig anwächst, verlangt man von seiten der Stadt auch eine Erweiterung der Wohngebiete, was jahrelange Verhandlungen zwischen Stadtrat und preußischem Militär zur Folge hat. 1881 verkauft der Militärfiskus schließlich der Stadt ihre eigene Stadtmauer sowie einen 600m breiten Streifen außerhalb des alten Stadtgebiets. Die Stadt läßt daraufhin im selben Jahr die Mauer einreißen, was auf großen Jubel der Bevölkerung stößt, die sich von 1816 (53.000 Einwohner) bis 1880 (145.000 Einwohner) fast verdreifacht hat; lediglich drei mittelalterliche Tore (Severins-, Hahnen- und Eigelsteintor) und einige Türme und Mauerreste können auf Druck des Stadtkonservators von Quast und des Stadtbaurats Stübben erhalten werden.

Auf dem oben genannten Streifen, der als freies Schussfeld zwischen alter Stadtmauer und neuen Forts offengelassen worden war, entstehen ab 1881 die Kölner Neustadt, die 1914 bereits 124.000 Einwohner haben wird, und ab 1919 - unter Oberbürgermeister Adenauer - der innere und der äußere Grüngürtel. Innerhalb der sich rasch entwickelnden Bautätigkeit in der Neustadt ist Platz für 5 katholische und 1 protestantische Kirche vorgesehen.

 

1887-1893: Planung und erste Schritte des Baus einer Herz Jesu-Kirche

Grundriss Im Jahre 1887 ersucht daher der damalige Erzbischof von Köln, Kardinal Philippus Krementz, die Bürger der Diözese in einem Erlaßss finanzielle Beiträge zum Bau einer Herz Jesu-Kirche in Köln zu leisten. Im März 1889 wird dann der Herz Jesu-Kirchbauverein gegründet, dem Geistliche, Landtagsabgeordnete, Handwerker und Rentner angehören. Die Zusammensetzung des Vereinsvorstandes behält sich Kardinal Krementz persönlich vor. Der Verein versucht, möglichst große Kreise für Spenden zu diesem Projekt zu begeistern. Die Spende darf allerdings den Betrag von 3000,- Reichsmark nicht übersteigen. Dem Vorstand obliegt die Anordnung aller zur Ausführung des Bauplanes und zur Innenausstattung notwendigen Entscheidungen. Mit Abschluss des Turmbaus im Jahre 1909 löst sich der Verein dann auf.

Die Arbeit des Kirchenbauvereins trägt reichlich Früchte, und schließlich wird 1892 auf Geheiß Papst Leos XII. in Rom sogar der spätantiken Katakombe der hl. Priscilla ein Stein aus attischem Marmor entnommen, auf dem ein Christus-Monogramm eingeritzt ist und der für den Grundstein der Herz Jesu-Kirche bestimmt ist.

Doch wir greifen den Ereignissen voraus.

 

Aufriss 1889 wird ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, der den Teilnehmern die Vorgabe macht, daß die neue Kirche den "Vergleich mit dem an Schönheit und Vollendung unübertrefflichen Kölner Dome aufzunehmen habe", womit als Stilrichtung die Gotik feststeht. Zudem soll die erste katholische Kirche der Neustadt sich mit den luxuriösen palastartigen Privathäusern an der Ringstraße messen lassen können. An dem Wettbewerb beteiligen sich acht Baumeister, unter ihnen die Zwirner-Schüler Friedrich von Schmidt und Vincenz Statz; alle Entwürfe werden eine Zeit lang im Gürzenich ausgestellt und erregen so große Aufmerksamkeit unter Kunstfreunden. Dem Preisgericht, das die Entwürfe prämieren muß, gehören vier ausgesprochene Sachverständige für gotische Baukunst an, nämlich der Kaiserliche Baurat Wallot, der ehemalige Dombaumeister von Frankfurt und Regensburg Denziger aus München, Dr. August Reichensperger aus Köln sowie der Stadtbaurat Stübben, der Schöpfer der Kölner Neustadt. Ferner sitzen in der Jury die Vorstandsmitglieder des Kirchbauvereins Inspektor Hoffacker, Dechant Thomas und Pfarrer Savels, der beim Bau mehrerer Kirchen Erfahrungen gesammelt hatte.

Das Preisgericht setzt den Plan von Friedrich von Schmidt auf Platz 1. Die nötigen Genehmigungen durch den Erzbischof, die Staatsregierung und die Stadtverwaltung erfolgen zwischen März 1890 und Juni 1892. Das Baugrundstück wird dem Erzbistum vom Stadtverordneten Dr. Peter Joseph Roeckerath und von Justizrat Eduard Schenk geschenkt. Die Baukosten werden auf 828.346,- Reichsmark festgesetzt, belaufen sich 1909 nach Abschluß aller Bauarbeiten jedoch auf 1,2 Mill. Reichsmark (ohne die Innenausstattung). Da Friedrich von Schmidt am 23. Januar 1891 stirbt, wird die Bauleitung für die Kirche seinem Sohn Heinrich übertragen. Die örtliche Bauleitung übernimmt der Kölner Architekt Theodor Roß.

 

Die Baumeister der Herz Jesu-Kirche
Friedrich (1825-1891) und Heinrich von Schmidt (1850-1928)

Friedrich von Schmidt Friedrich Schmidt wird als sechstes Kind von acht Geschwistern am 22. Oktober 1825 in Frickendorf / Württemberg geboren. Der Vater übt den Beruf eines lutherischen Predigers aus. Die Mutter, zu der Friedrich ein besonders inniges Verhältnis hat, stammt aus einer Pfarrersfamilie; sie ist hochgebildet, besitzt dichterisches Talent und ist sehr phantasievoll. Friedrich wird bis zu seinem neunten Lebensjahr von seinem Vater unterrichtet. Er wechselt dann auf das Gymnasium in Schorndorf, wo er seine erste gotische Kirche besichtigt. Ab 1838 besucht er die Oberrealschule in Stuttgart. Dort erhält er auch seinen ersten methodischen Zeichenunterricht. Im gleichen Jahr stirbt sein Vater.

Heinrich von Schmidt

Friedrich Schmidt wäre gezwungen gewesen, seine Ausbildung abzubrechen - seine Mutter steht mit acht Kindern völlig mittellos da -, wenn sich nicht Herzogin Henriette von Württemberg seiner angenommen hätte. Mit Hilfe ihres Stipendiums kann Friedrich seine Ausbildung fortsetzen und wechselt ein Jahr später auf das Polytechnikum zu den Professoren Mauch und Treymann. Im Sommer arbeitet er beim Steinmetzmeister Carl Heimisch. Nach Ablauf seines Stipendiums geht er nach Köln und tritt 1843 als Steinmetz in die Kölner Dombauhütte ein, die zu dieser Zeit von Ernst-Friedrich Zwirner geleitet wird. 1844 wird Schmidt Polier und mit der Führung der Versatzarbeiten auf der Nordseite des Domes, namentlich am Portalbau, betraut. Bald steigt er zum Oberpolier auf und wird 1848 zum Steinmetzmeister ernannt. Gleichzeitig beginnt er an der städtischen Zeichenschule in Köln zu lehren. 1852 erhält Schmidt seinen ersten selbständigen Auftrag für den Bau einer neugotischen Kirche in Quedlinburg, die 1853 vollendet wird. Nach Weiterbildung zum Werkmeister und Privatbaumeister erzielt er 1857 den Wettbewerbssieg für den Bau des Wiener Rathauses (erbaut 1872-1883). Nach Professuren in Mailand (1857-1859) und Wien (ab 1859) wird Schmidt schließlich 1863 zum Dombaumeister am Stephans-Dom ernannt.

Für seine Verdienste um die Stadt Wien wird er 1890 vom österreichischen Kaiser in den Freiherrenstand erhoben. Nach seinem Tod am 23. Januar 1891 übernimmt sein Sohn Heinrich von Schmidt, Professor für mittelalterliche Baukunst in München, die Bauleitung für die Herz
                                                Jesu-Kirche.

 

Der Initiator:
Pfarrer Hermann-Josef Hundgeburt (1860-1901)

Pater Hermann Josef Hundgeburt Maßgeblichen Anteil an der raschen Umsetzung der Idee einer Herz Jesu-Kirche hat der Kaplan von St. Mauritius, Hermann-Josef Hundgeburt.

Er wird am 23. Dezember 1860 in Fliesteden bei Pulheim geboren. Nach Absolvierung seiner Gymnasialstudien zu Köln studiert er an den Universitäten in Würzburg und Innsbruck Theologie.

Im Jahre 1890 wird er zum Kaplan an der Pfarrkirche St. Mauritius ernannt. Er ist ein rastloser Seelsorger. Mittel für den Bau einer dem göttlichen Herzen Jesu geweihten Kirche zu sammeln ist seine erste Aufgabe, die zweite, die Erhebung des Rektoratsbezirk vorzubereiten, und die dritte, in den Herzen der Gläubigen einen geistigen Tempel Gottes aufzuerbauen. 1895 wird er zum Rektor des von St. Mauritius abgepfarrten Rektoratsbezirks Herz Jesu ernannt, 1901 nach der Konsekration der Kirche zum ersten Pfarrer der Gemeinde.

Hundgeburt selbst ist ein glühender Verehrer des Herzens Jesu und weiß auch in der jungen Pfarrgemeinde die Verehrung und damit eine erfreulich große Anhänglichkeit an die Pfarrkirche wachzurufen.

Ein besonderes Anliegen ist ihm ferner die Sorge um die Armen und Kranken, so daß er sich in Herz Jesu bereits eine Woche nach der Abpfarrung um die Gründung eines Vincenz-Vereins, im folgenden Jahr um eine Niederlassung der Franziskanerinnen und 1900 um die Gründung des caritativ höchst aktiven Müttervereins bemüht.

Nach kurzer, außerordentlich eifriger, Tätigkeit verstirbt er schon am 18. Dezember 1901, 40jährig, im Julius-Hospital in Würzburg.

 



Die Herz Jesu-Verehrung

Herz Jesu Standbild von Iven Wieso steht schon früh vor dem tatsächlichen Baubeginn fest, daß diese neue Kirche in der Neustadt der Verehrung des Herzens Jesu geweiht sein solle?

Im 18. und 19. Jahrhundert hat sich eine spirituelle Bewegung, die seit dem 17. Jahrhundert die Herz Jesu-Verehrung in ihren Mittelpunkt stellt, von Frankreich aus auf die umliegenden katholischen Länder ausgebreitet. Papst Pius IX. führt 1856 das erst von Papst Clemens XIII. 1765 gestattete Herz Jesu-Fest, bewogen durch eine Denkschrift der polnischen Bischöfe, für die gesamte Kirche am dritten Freitag nach Pfingsten ein; Leo XIII. erhöht seinen liturgischen Rang und vollzieht 1899 die in der Enzyklika Annuum Sacrum angekündigte Herz Jesu-Weihe der Welt.

 

Förderer der Herz Jesu-Verehrung sind Margareta Maria Alacoque (gest. 1690) und der Ordensstifter der Eudisten, Jean Eudes (gest. 1680), beide aus Frankreich. Margareta Alacoque, nach der übrigens die drittgrößte Glocke der heutigen Herz Jesu-Kirche benannt ist, erhält in Visionen den Auftrag, sich für die allgemeine Verehrung des Herzens Jesu in der Form der Monatsfreitage, der heiligen Stunden und vor allem für ein eigenes, von der ganzen Kirche zu feierndes, Fest einzusetzen. Die Herz Jesu-Verehrung gewinnt im 19. und 20. Jahrhundertert eine intensive Ausbreitung.

Allerdings muß man auch die Gefahr der Verflachung und einer gewissen Unechtheit sehen. Tiefste Begründung für die Herz Jesu-Verehrung ist die biblische Bedeutung des Urwortes "Herz", das im Alten und Neuen Testament für das gesamtmenschliche Personenleben spricht. Besonders im Johannesevangelium nennt Jesus sein Herz die Quelle des Heilwassers, des lebendigen Wassers. Aus dem Felsen seines Leibes spendet er den Heiligen Geist. Im Todesleiden des Herrn vollendet sich die Verherrlichung Jesu durch den Vater. Vom ersten Pfingstfest an werden Ströme des Heils aus dem durchbohrten Messiasherz ausgegossen über seine Gläubigen.

Die Lehre der Kirchenväter kreist um das Johannesevangelium, besonders Joh. 7,37-39 und 19,34. Aus dem Herzen Jesu fließen die Reichtümer der Heilsgnade und des Ewigen Lebens. Die Lehre von der Geburt der Kirche aus der Seitenwunde Christi ist hiermit verbunden. Eine andere Deutung aus dem alexandrinischen Raum verlagert den ursprünglichen Sinn von Joh. 7,37 vom Sakrament zur Mystik, von der Liebe zur Erkenntnis.

Bis 1250 ist diese Herz Jesu-Verehrung im Mittelalter noch von Theologen getragen, besonders von den Benediktinern, und gekennzeichnet durch ein fruchtbares Weiterdenken der frühchristlichen Idee, die auch zu klassischen Herz Jesu-Gebeten und -Liedern führt. Dominikaner und Franziskaner formen dieses patristische Erbgut um in Sprache und Frömmigkeit des Mittelalters. Von den Kartäusern (vor allem in Köln) und dann im Rahmen der devotio moderna seit dem 16. Jahrhundert von den Jesuiten verbreitet, findet die Herz Jesu-Verehrung im Volk großen Anklang, stark gefördert durch zahlreiche Herz Jesu-Bruderschaften. Zu dem ererbten Gedankengut kommt, in Verbindung mit der heiligen Eucharistie, das Motiv der Sühne hinzu.

Vor diesem Hintergrund muß man die Erwählung des Titels Herz Jesu-Kirche sehen. Nie sind theologische Rechtfertigungen in Privatoffenbarungen gesucht worden. Erst nach Jean Eudes und Margareta Maria Alacoque ist die Herz Jesu-Verehrung ein ausgesprochenes Thema der Theologie geworden. Die Gefahr besteht darin, daß die stark analysierende Theologie die Aufmerksamkeit mehr auf das Herz als auf die Person Jesu richtet. Herz, Liebe, Ganzheit gehören zusammen. Es ist kein physiologischer, sondern ein ganz menschlicher Begriff, ein Urwort, das in einem das Geistige und das Leibliche am Menschen nennt. Es ist nicht der Herzmuskel, sondern die innerste Mitte der leibhaftigen Person, die all ihr Verhalten prägt und zusammenfasst. Die Personenmitte des Herrn hat sich als die höchste Liebe erfahren lassen. Das Herz Jesu rückt ins Feld der Inkarnationswirklichkeit. Herz Jesu hat einen ontologisch begründeten Symbolcharakter für die Personenmitte, für die leib-seelische Ganzheit des Menschen. Die ganze gottmenschliche Liebe des Erlösers wird im Herz Jesu-Kult verehrt. Sie meint auch in einem die Liebe zum Vater und zu den Menschen. Diesem Herzen Jesu gebührt Anbetung; entsprechender Höhepunkt ist die Gegenliebe. Besonders werden auch die Weihe, die Sühne und die Nachahmung betont. Die Weihe ist zu verstehen als eine Teilnahme an der Liebe Jesu zum Vater und zu den Menschen im mystischen Leib und muß sich äußern in einem christlich-apostolischen Leben. Die Sühne richtet sich besonders auf das verschmähte Herz, aber bleibt dabei eine Teilnahme an der Sühne, die Jesus dem Vater darbringt. Die Eucharistie nimmt in der Andacht eine wichtige Stelle ein, wegen ihres Zusammenhangs mit der verkannten Liebe des Herrn. Andacht zum eucharistischen Herzen ist nur eine spezielle Form der Herz Jesu-Andacht. Wie Paulus von einem Nichtbetrügen des Heiligen Geistes spricht, so kann man auch von einem Trösten des Herrn sprechen.

 

Pater Lothar Wierth



8. Mai 1893: Die Grundsteinlegung
(Aus: Rektor Gerhard Bürgel, Die Kölner Herz Jesu-Kirche, 1909, S. 21-23)

Feierlichkeit zur Grundsteinlegung "Die feierliche Grundsteinlegung der Herz Jesu-Kirche wurde am 8. Mai 1893 durch Herrn Kardinal und Erzbischof Krementz vorgenommen. Nach einem Pontifikalamte in der St. Mauritiuskirche setzte sich ein imposanter Festzug nach dem mit Fahnen und Girlanden prächtig geschmückten Bauplatz in Bewegung. Weißgekleidete Mädchen trugen die Urkunde, sowie je einen Stein vom Berg Tabor, vom Ölberge und aus der Geburtsgrotte des Heilands, den vom Papst Leo geschenkten Marmorstein aus der Katakombenkapelle der hl. Priscilla, welche alle in den Grundstein eingefügt werden sollten. Als Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden wohnten die Herren Regierungspräsident von Sydow und Oberbürgermeister Becker der Feier bei.

Nach der Weihe und den üblichen Hammerschlägen wurde der Grundstein in das Fundament versenkt.

Zum Schluß der erhebenden Feier, die der Männer-Gesang-Verein ,Polyhymnia' mit mehreren Gesängen verherrlichte, richtete der Herr Kardinal Krementz an die Versammelten eine Ansprache über die hohe Bedeutung der Kirche als Wohnstätte Gottes. ,Darum umgibt die Kirche den Bau einer solchen Stätte der Gottesverehrung mit reichlichen Segnungen und Salbungen, um die Heiligkeit des Ortes zu kennzeichnen. ... Möge das hl. Herz Jesu, dem diese Kirche geweiht ist, in unseren Herzen wahre Gottesliebe entzünden und den Geist der christlichen Opferwilligkeit zu immer reicherer Betätigung erwecken, damit dieser Bau, zu dem heute der Grundstein gelegt worden, bald nach seinem herrlichen Plane erstehen und vollendet werde zur Ehre Gottes, zum Heile der Gläubigen und zur Zierde der Stadt Köln.'"

 

Mai 1893 bis Oktober 1895: Die Bauzeit

Im Zeitraum zwischen Mai 1893 und Oktober 1895 entstehen Lang- und Querhaus und deren Dächer. Die äußere Verblendung der Kirche besteht aus Weibener Tuffstein. Die Säulen und die übrigen Architekturteile sind aus Cordeler Sandstein gebaut. Am 17. Oktober 1895 wird die Teilkirche durch Einsegnungen von Kardinal Erzbischof Philippus Krementz für den Gottesdienst zur Verfügung gestellt. Eine Weiterbau der Herz Jesu-Kirche ist zunächst bis Herbst 1897 mangels finanzieller Mittel nicht möglich. Das nach Osten weisende Chor bis zur Sakristeianlage kann erst im Jahre 1900 fertiggestellt werden. Die Baukosten betragen bis zu diesem Zeitpunkt etwa 750.000,- Mark.

 

31. Mai 1900: Konsekration

Die Kirche am Tag ihrer Konsekration In einer denkwürdigen Feier erlebt die Gemeinde am 31. Mai 1900 die feierliche Konsekration durch Erzbischof Hubertus Simar.

"Reicher Flaggen- und Kränzeschmuck zierte das Herz Jesu-Rektorat, besonders die Umgebung des Zülpicherplatzes. Flaggenmasten, durch Girlanden verbunden, umgaben den Kirchplatz. Die Konsekration der Kirche, des Denkmals, das noch den kommenden Jahrhunderten Zeugnis geben sollte von der Liebe des 19. Jahrhunderts zum Herzen unseres Herrn und Meisters Jesus Christus, gestaltete sich nicht allein für die Gemeinde, sondern auch für ganz Köln zu einer denkwürdigen Feier", erinnert sich Rektor Gerhard Bürgel in der Festschrift, die 1909 anläßlich der Vollendung der Kirche (einschließlich des Turms) verfasst wurde. "Gegen 8 Uhr traf Herr Erzbischof Simar auf dem Zülpicher Platz ein und wurde am dort erbauten Triumphbogen von Rektor Hundgeburt, dem Kirchenvorstand usw. feierlich empfangen. Rektor Hundgeburt gab in seiner Ansprache an den Herrn Erzbischof der Freude Ausdruck, daß die Konsekration der Kirche gerade im hl. Jahr 1900 vorgenommen werden könne, und wünschte, daß die Kirche die Liebe zum Herzen Jesu kräftig fördere. Der Kirchenfürst wurde nun durch die den Platz umsäumende Menschenmenge zur Kirche geleitet, woselbst alsbald die feierlichen Zeremonien der Konsekration begannen. Gegen halb 10 Uhr fand die Übertragung der Reliquien in die bis dahin verschlossene Kirche und darauf die Konsekration des Hochaltars statt.

Innenansicht Um 11 Uhr begann das von Rektor Hundgeburt unter Pontifikalassistenz zelebrierte Hochamt, bei welchem der unter Leitung des Herrn Lehrers [Barthel] Müller stehende Kirchenchor die Preismesse Salve regina von Stehle sang. Dem Herrn Erzbischof assistierten die Herren Domkapitulare Dr. Ludwigs und Dr. Müller. Nach dem Credo richtete der Hochw. Herr Erzbischof Hubertus an die Gläubigen eine Ansprache unter Zugrundelegung des Textes: ,Ich habe diesen Ort gewählt und geheiligt, daß mein Name da ewiglich sei, und meine Augen und mein Herz sollen da bleiben alle Tage.´ (2 Chron. 7,16). Mit dieser gnadenreichen Verheißung, so führte er etwa aus, belohnte Gott die Liebe und den Glaubenseifer, welche der König Salomon durch die Erbauung des Tempels zu Jerusalem bekundete. Dieselben Worte dürfen wir in diesem Augenblicke dem göttlichen Erlöser in den Mund legen, wenn wir uns die Bedeutung der heutigen Konsekrationsfeier vergegenwärtigen wollen. Dann verheißen sie uns unendlich größere Gnaden als diejenigen, welche an den Tempel zu Jerusalem geknüpft waren. Hier war ja die Gegenwart Gottes nur angedeutet durch ein von Gott geschaffenes Standbild, - hier aber will Christus mit Gottheit und Menschheit wahrhaft gegenwärtig sein im hl. Sakramente. ... Ein mehrstimmiges Tedeum von Koenen beschloß die kirchliche Feier, welcher die Herren Oberbürgermeister Becker, Stadtdechant Ehrendomherr Thomas, die Pfarrer der benachbarten Gemeinden und Professor Frhr. von Schmidt beiwohnten."

Einige Monate später, am 8. April 1901, wird Rektor Hundgeburt zum Pfarrer an der Herz Jesu-Kirche ernannt und am 1. Mai desselben Jahres unter großem Jubel in sein Amt eingeführt. Nach seinem enormen Einsatz in der Seelsorge und bei der Gründung der Herz Jesu-Gemeinde verstirbt Pfarrer Hundgeburt jedoch schon am 18. Oktober 1901, also viele Jahre, bevor überhaupt mit dem Bau des Turmes "seiner" Kirche begonnen werden kann. Dankbarkeit und Verehrung dem Verstorbenen gegenüber bringt die Gemeinde durch den Hermann-Josef-Altar, der am 7. Dezember 1902 aufgestellt wird, und durch eine Hermann-Josef-Glocke zum Ausdruck.
Die Fortsetzung von Hundgeburts Werk übernimmt am 12. Januar 1902 sein Studienfreund und Nachfolger an Herz Jesu, Pfarrer Wilhelm Kremer.

 

Pfarrer Wilhelm Kremer (1861-1940)

Pfarrer Wilhelm Kremer Wilhelm Josef Hubert Aurelius Kremer, am 4. Juni 1861 zu Aachen geboren und am 25. Juli 1885 in Innsbruck zum Priester geweiht, ist zwischen 1886 und 1901 als Vikar, Kaplan und Religionslehrer in Wuppertal und Essen aktiv, bevor er am 18. Dezember 1901 zum Pfarrer von Herz Jesu in Köln ernannt wird. Am 22. April 1923 wird er Dechant des neu errichteten Dekanats Köln-Süd.
Pfarrer Kremer geht der Ruf eines unermüdlichen Seelsorgers und beliebten Kanzelredners voraus. In seiner Antrittspredigt am 12. Januar 1902 bemerkt er, Liebe könne er - da er der Gemeinde noch unbekannt sei - nicht verlangen, aber er bitte um Vertrauen.

Als Aufgaben warten auf ihn die Vollendung der Kirche (Bau des Turmes), die Ausschmückung des noch leeren Gotteshauses, die feierliche Ausgestaltung des Gottesdienstes und die Sorge um die ihm anvertraute Gemeinde. Trotz erschöpfter Geldmittel und äußerst schwieriger Lebensumstände (Erster Weltkrieg, Inflation, Machtübernahme der Nationalsozialisten) entwickelt sich während seiner 35jährigen Amtszeit die Herz Jesu-Kirche zu einem imposanten Bauwerk und die Pfarrei zu einer blühenden Gemeinde: 1902 wird das 3 Meter hohe Herz Jesu-Standbild vor einer Chornische am Ring aufgestellt; im Winter 1903 baut die Fa. Halbig aus Düsseldorf in der Kirche eine unterirdische Heizungsanlage ein, die durch zwei Fußbodengitter kalte Luft in den Heizugsraum einsaugt und durch zwei weitere Gitter die im Heizungsraum erwärmte Luft in den Kirchenraum strömen läßt; 1907 werden 1100 qm halbgeschliffene Viereckplatten aus einem bayrischen Steinbruch als Fußbodenbelag verlegt; die Fenster im Hochchor, die kleineren Fenster im Chorumgang sowie die Josefs- und die Marienkapelle werden aus Beträgen verschiedener Konzerte gestiftet, ebenso die 12.200 Reichsmark teure Kanzel (Dezember 1906) und die neue Orgel auf der Westempore (Oktober 1912); 1909 können der Bau des Turmes abgeschlossen, Glocken, Läutewerk und Turmuhr angeschafft werden. Die elektrische Vorrichtung zum Läuten der Glocken, die von einem zweiten Schaltpult aus sogar in der Sakristei alle oder einzelne Glocken bedienen kann, ist der Stolz der Gemeinde, und die Festschrift von Rektor Bürgel aus demselben Jahre widmet der Beschreibung dieses Wunderwerks der Technik fast zwei Seiten.

Die Pfarrei wächst unter Pfarrer Kremer von über 11.000 auf 22.150 Seelen (1927) und damit zur größten Kölns an (bei gleichen Pfarrgrenzen wie heute); 1906 werden 54.000 heilige Kommunionen gespendet, in der Osterzeit allein 13.000. Über das lebendige Pfarrleben unter Pfarrer Kremer informiert der übernächste Abschnitt.

Über die Feier des 50jährigen Priesterjubiläums von Dechant Kremer im Jahre 1935 liegen keine Quellen mehr vor. Kremer erkrankt 1937 schwer und wird "durch die Krankheit am Sprechen fast gänzlich gehindert", schreibt sein Nachfolger Heinrich Kaiser in persönlichen Notizen. Am 31. Mai 1938 tritt Msgr. Kremer in den Ruhestand und verstirbt am 9. November 1940 in Bonn-Plitterdorf.




1906 bis 1909: Bau des Turmes

Der Turm in seinem gezimmerten Geruest Am 19. März 1906 beginnt unter dem Architekten Wilhelm Hospelt der Bau des Turmes mit dem ersten Spatenstich. Die ursprünglich für den Bau angesetzten Kosten werden erheblich überschritten, da man nicht in der erwarteten Tiefe von 4 Metern, sondern erst bei 9 Metern auf festen natürlichen Grund stößt. Die Turmhöhe wird mit 82 Metern, in der deutschen Bauzeitung jedoch mit 81 Metern angegeben. Nach neueren Messungen, die im Rahmen der Instandsetzungsarbeiten im Jahre 1984 stattfinden werden, soll unser Turm jedoch 83,41 Meter hoch sein.

Die Fundamente des Turmes führt man in Zementbeton aus. Für den Sockel verwendet man, genau wie für den Sockel der übrigen Kirche, Niedermendiger Basaltlava. Als weitere Baumaterialien dienen Weibener Tuffstein und Cordeler Sandstein. Der Turmhelm wird in fränkischem Muschelkalk ausgeführt, der zwar wesentlich teurer als Sandstein, jedoch für seine Witterungsbeständigkeit bekannt ist.

Am 5. Mai 1909 ist der Turm vollendet. Er fällt neben den Türmen des Domes wegen seiner hochragenden Aufrüstung ins Auge. Die Höhe wird durch die schlanke Bauweise nach dem Vorbild des Freiburger Münster-Turmes verstärkt. Bis auf wenige Beschädigungen wird der Turm im Krieg erhalten bleiben. Neben den Dom-Türmen und dem von St. Agnes ist er der am reichsten gegliederte Turm der Stadt.

Am 15. Mai 1909 versammeln sich um die Mittagsstunde Geistlichkeit, Kirchenvorstand und einige geladene Gäste auf dem Bauplatz vor dem Turm; zahlreiche erscheinen jedoch nicht, da an diesem Tag der erste Zeppelin über Köln bestaunt werden kann.

Pfarrer Kremer weist darauf hin, daß ohne Unfall und in verhältnismäßig kurzer Zeit der gewaltige Turm vollendet wurde, der späteren Generationen den treuen Glauben der Kölner Katholiken und ihre Liebe zum göttlichen Herzen Jesu zeigen werde. An der Einsegnung unter dem Gesang von "Großer Gott, wir loben dich" wird der Schlussstein, langsam mit dem elektrischen Kran nach oben gewunden. In den kupfernen Knopf des Steines hat Pfarrer Kremer eine kleine Pergamenturkunde eingefügt, die das Geschehen den spätern Geschlechtern vermitteln soll. Eingefügt wird eine Abbildung des Herz Jesu-Standbildes am äußeren Chor der Kirche und eine Nummer der Morgenausgabe der Kölnischen Volkszeitung, der zu diesem Zweck folgende Notiz aufgedruckt ist: "Diese Nummer wurde besonders auf dauerhaftem, holzfreiem Papier gedruckt, um in den Schlussstein des Turmes der Herz Jesu-Kirche mit eingefügt zu werden."

Die Baukosten wurden seinerzeit auf 352.701,89 Reichsmark veranschlagt, die tatsächlichen Baukosten betrugen dann 433.182,25 Reichsmark.




Seelsorge und Pfarrleben unter Pfarrer Kremer

Innenansicht

(Wegen der langen Amtszeit von Pfarrer Kremer und der starken Schwankungen im gesellschaftlichen Leben beziehen sich die folgenden Angaben und Zahlen, wenn nicht anders vermerkt, auf 1927 und sind der 83 Seiten dicken Festschrift entnommen, die in diesem Jahr für Pfarrer Kremer anlässlich seines 25jährigen Dienstjubiläums von seinem Kaplan Johannes Pieck herausgegeben wurde; für Interessierte enthält diese Festschrift eine Fülle weiterer Details, die hier aus Platzgründen nicht erwähnt werden können.)

Von 1895-1901 wird die Herz Jesu-Pfarrei neben einem Pfarrer von zwei Kaplänen betreut (Ferdinand Hagen, ab 1902 Wilhelm Stockums, und Wilhelm Köhne). Angesichts des ständigen Wachstums der Gemeinde (Zahlen siehe oben) tritt am 26. Juli 1901 mit Gerhard Susen ein dritter, am 15. März 1911 mit Hermann Kleine-Nathland ein vierter Kaplan seinen Dienst an. Die gesamte Geistlichkeit wohnt seit der Fertigstellung des Pastorats Hochstadenstr. 33 im Jahre 1902 mit kleinen Unterbrechungen gemeinsam im Vorderhaus dieses Pfarrhauses. Das "Pfarrsälchen", im Erdgeschoss des Hinterhauses, das 1925 bereits renoviert wird, dient als Pfarrbücherei, die mit 5000 Bänden aus allen Gebieten der Literatur eine der größten der ganzen Erzdiözese ist, als Probenraum für den Kirchen-, den Knabenchor und den (ab 1910) Damenchor sowie als Tagungsraum vor allem der caritativen Vereine. Die erste Etage des Hinterhauses bewohnt der Küster. Die fünf hauptamtlichen Geistlichen lesen im Jahre 1932/33 regelmäßig sonntags vormittags sieben Heilige Messen (6, 7, 7.45, 8.30, 9.20, 10.30, 11.30 Uhr, letztere mit großer Predigt durch Pfarrer Kremer) und an Wochentagen fünf Messen (6.15, 7.15, 8, 8.30, 9 Uhr, jeweils ohne Predigt).

Dem Kirchenvorstand von 1925 gehören übrigens 27 Personen an, darunter vier Frauen.

Der Kirchenvorstand 1927 Zahlreiche Vereine feiern in den 1920er Jahren bereits ihr 25jähriges Bestehen und können dadurch ihre seit dem Ersten Weltkrieg gesunkenen Mitgliederzahlen steigern. So zählt 1927 allein der Mütterverein 1250 Mitglieder. Da angesichts derartiger Vereinsgrößen der Pfarrsaal in der Hochstadenstraße viel zu klein ist, erwirbt man im Februar 1920 für 120.000 Papiermark das Haus Zülpicher Str. 34 als Vereinshaus. Für die Franziskanerinnen ist schon früher das Haus Meister-Gerhard-Str. 21 zu klein geworden, so daß die Pfarrei 1906 zunächst das Haus Meister-Gerhard-Str. 11, 1907 dann zusätzlich das Haus Nr. 13 und 1913 das Haus Nr. 9 ankauft. Diese drei Häuser beherbergen bis Ende der 80er Jahre das Antoniuskloster. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, im Haus Nr. 10, befindet sich ab 1917 das St. Elisabeth-Jugendheim, das 1927 47 Säuglinge in Tag- und Nachtpflege und tagsüber 150 Kindergartenkinder betreut.

Die Zahl der Schulkinder nimmt in der Nachkriegszeit hingegen allmählich ab. In der ältesten Volksschule des Bezirks, der 1889 gegründeten Schule Burgunder Straße, sprengt das 1893 beginnende Schuljahr mit 1250 Kindern den Rahmen, obwohl Kinder aus Herz Jesu auch die Volksschulen Mauritiuswall (1885) und Richard-Wagner-Straße (1897) besuchen. Daher entscheidet man sich für einen weiteren Schulneubau in der Lochnerstraße, der im Oktober 1899 von 11 Klassen und 716 Schülern bezogen wird. Trotz dieser Entlastung steigt die Zahl der Klassen in der Burgunderstraße infolge der fortschreitenden Bebauung westlich des Schulbezirks auf 22 an, so daß 1904 acht Klassen, denen ausschließlich Kinder aus St. Pantaleon angehören, an die Schule Waisenhausgasse abgegeben werden. Nach dem Krieg gehen die Zahlen stark zurück: 1926 gehen 340 Jungen und 291 Mädchen auf die Burgunder- und 291 Jungen und 290 Mädchen auf die Lochnerschule.

Die Sakramentskapelle ist wohl schon früh eine Oase der Anbetung, "in der vor dem eucharistischen Herzen des Heilandes unsere Großstadt sühnt und betet". So beschreibt sie Dechant Kremer im "Kirchenkalender für das Jahr 1933" und läßt darin ein ihr gewidmetes "stimmungsvolles Gedicht" abdrucken, das auch die heutige Situation widerspiegelt:


  Du Eiland, mitten im Großstadtgebraus,
Du Edelstein, glänzend im Gotteshaus!
O stille, traute, himmlische Zelle:
"Herz Jesu-Sakramentskapelle!"

Es bitten weinende Christen allda;
Viel' Arme und Kranke von fern und nah.
Es loben, preisen und danken von Herzen
erhörte Seelen, erlöst von Schmerzen.

Sieh' dort den schlichten, stillbetenden Greis!
Wieviel er dem Heiland zu sagen weiß!
Er hebt zum Gebete die zitternden Hände
und fleht zum Herrn um ein seliges Ende.

Das Kindlein schauet mit gläubigem Sinn
vertrauensvoll betend zum Heiland hin:
"O Jesus, heile den Vater, den Kranken,
ich will gar herzlich dich lieben, dir danken."

Der Sünder, schon lange der Unschuld beraubt,
beugt reuevoll schluchzend das schuldige Haupt.
"Erbarmen, o Jesus, mein Heiland, Erbarmen!
Verwirf mich nicht, du Retter der Armen!"

Und alle kehren voll Freude und Glück
vom Heiland getröstet, ins Leben zurück.
Zurück in das hastende Großstadtgetriebe: -
Gestärkt zum Kampfe, - das Herz voll Liebe.

H. Kamps




Der Hochaltar Die Sakramentskapelle ist in jener Zeit übrigens fast wie heute täglich von 9.30h bis 20h geöffnet. Eine Ehrenwache, Freiwillige (hauptsächlich Frauen aus dem Mütterverein) tut jahrelang zum Schutz des Allerheiligsten jeden Tag von 10 Uhr morgens bis 8 Uhr abends Dienst. Erst nach dem Ersten Weltkrieg nimmt das Engagement langsam ab, so daß 1927 der Ehrendienst "nur" noch in den Stunden zwischen 15 und 20 Uhr versehen wird.

 

Kontakt zur Weltkirche ist Herz Jesu übrigens schon damals nicht fremd: Während des 20. Eucharistischen Weltkongresses in Köln 1909 wohnt der Mailänder Kardinal Ferrari in der Pfarrei. Nach seiner Rückkehr berichtet er in einem Hirtenbrief an seine Diözese begeistert von einer Meßfeier in Herz Jesu: Vor den offiziellen Vollendungsfeierlichkeiten liest er am Herz Jesu-Freitag im August 1909 um 7.15 Uhr eine Schulmesse, die beim Kardinal wegen der hohen Besucherzahl, der Ordnung der Schulkinder und des Gesangs des Knabenchores großen Eindruck hinterlassen hat.

Und 1932 besucht der indische Erzbischof Ivanios auf seinem Rückweg vom Eucharistischen Weltkongress in Dublin die Pfarrei und feierte dort "nach seinem uralten, an ausdrucksvollen Zeremonien so reichen Ritus das heilige Opfer mit indischer Innigkeit und religiöser Glut", so berichtet tief beeindruckt der Kirchenkalender und ruft zum Gebet für Weltkirche und Mission auf.

 

Pfarrer Heinrich Kaiser (1891-1967)
und die Zerstörung der Kirche
während des Zweiten Weltkrieges

Pfarrer Heinrich Kaiser Heinrich Kaiser wird von Kardinal Schulte im April 1937 zum Pfarrer von Herz Jesu ernannt mit dem Recht auf Nachfolge (cum iure successionis) des zu dieser Zeit schwer erkrankten Pfarrers Kremer; am 31. Mai 1938, als Kremer abdankt, tritt Kaiser diese dann an. Auf seinen Schultern liegt die gesamte Last der Kriegs- und Nachkriegszeit mit der Zerstörung der Kirche, ihrem Neuaufbau und dem Wiederbeginn der Gottesdienste. Die Verwüstung der Häuser und der Kirche, mehr aber noch die der Herzen macht ihm während seiner Amtszeit zu schaffen. Dennoch begibt er sich unverzüglich an den Wiederaufbau. In seine Amtszeit fallen unter anderem:
1) ab 1945 der Bau einer Notkirche innerhalb der zerstörten Kirche, in der Christi Himmelfahrt 1946 der erste Gottesdienst nach dem Kriege gehalten wird; dieser wird gleichzeitig als Erstkommunion gefeiert für alle Kinder, die bis dahin aus der Evakuierung zurückgekehrt sind; die Notkirche, errichtet durch Architekt Faensen, wird 10 Jahre lang als Gottesdienstraum dienen;
2) der Neubau der Kirche von 1953 bis 1957 und
3) die Einweihung der neuen Orgel am Dreifaltigkeitssonntag 1962. Ab 1963 wohnt er im Domhof Nr. 2.
Er verstirbt am 20. April 1967 im Alter von 76 Jahren.
 

Blick auf das zerstoerte Koeln

 

Sechs Jahre nach Beginn seiner Pfarrertätigkeit in Herz Jesu, am 14. August 1943, beginnt Pfarrer Kaiser seine Chronik. Er begründet den großen Zeitabstand damit, daß eine ruhige und sachgemäße Darlegung immer am besten aus einer Rückerinnerung geschrieben wird. 1943 aber wird er zur Eile gedrängt, die entsetzliche Zeit der Kölner Verwirrung im Krieg aufzuzeichnen, ehe es zu spät ist: "Das heilige Köln ist zu einem Trümmerhaufen geworden, unsagbar kostbare Werte vernichtet. Es bluten die Herzen der treuen Kölner - alles ist tot. Kaum, daß noch eine Glocke ertönt. Frühjahr 1942 wurden sie alle, bis auf eine, beschlagnahmt. Notdürftig kann nur Gottesdienst gehalten werden wegen Kerzen- und Blumenmangel. Meistens muß der Gottesdienst in kleinen Kapellen, sonstigen Sälen, ja sogar in der Wohnung des Pfarrers abgehalten werden. In manchen Pfarrbezirken ist überhaupt keine Möglichkeit zum Gottesdienst. Viele Pfarreien haben alle Pfarrkinder verloren. Tausende gehören zu den Todesopfern, hunderttausende waren von Köln weggezogen.

Zerstoerter Ostchor Durch Brandbomben in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1943 ist die wertvollen Decke abgebrannt. Im Februar hatte das Kirchendach angefangen zu brennen, konnte aber noch frühzeitig gelöscht werden. Etwa 8000 Seelen sind schätzungsweise aus der Pfarrei fortgezogen. Tote hatten wir nur vier. Das Pfarrleben ist vorläufig zerschlagen. Aber alle wollen wiederkommen, Kölner fühlen sich anderswo nicht wohl. Wie die Kirche ist auch das Pastorat erhalten, mehrmals wurde gelöscht - ein nennenswerter Schaden ist nicht entstanden. In den ersten Wochen nach dem Terrorangiff wurden in der unbeschädigten Sakramentskapelle Gottesdienste gehalten. Nie werde ich den Augenblick vergessen, da ich aus dem Keller die Treppe hinaufstieg und dann ansehen mußte, wie das Dach der Kirche in hellsten Flammen stand. Sofort suchten wir das Sanktissimum und die Paramente zu retten. Auf den Straßen mußten wir durch ein Gestöber von Feuerfunken; hunderte Häuser brannten. In Eile wurden zwei Speisekelche zur Familie Hammacher am Zülpicher Platz gebracht. Schnell hatte sich eine Gebetsgemeinschaft gebildet. Die Monstranz mit dem Sanktissimum und dem dritten Speisekelch wurden ins Pastorat gebracht. Gott dank, konnte das Sanktissimum anderentags wieder in den Tabernakel der Kirche einziehen. Wie unsagbar und unfassbar gnädig ist doch der Herr. In zukünftigen Zeiten soll es laut verkündet werden, daß alles vernichtet wäre, wenn der Herr nicht geholfen hätte. Von vielen hört man die Frage: ,Wie kann Gott das zulassen?' Sie wurden nicht mehr mit sich fertig. Tausende versäumten an Sonn- und Feiertagen die hl. Messe. Die Zahl der Osterkommunion war erschreckend gering. Vielleicht kann in diesem Zusammenhang hingewiesen werden auf die eigenartige Religiösität der Kölner. Es kann nicht geleugnet werden, daß die Kölner sehr stark, ja einseitig den Hauptakzent auf die Heiligenverehrung aus utilitaristischen Gründen legen. Sie glauben sich fromm, wenn sie eine Opferspende geben. Daß es auf die Heiligung der Seele ankommt, daß man Opfer bringen muß zur Erfüllung der göttlichen Gebote und der Kirche, daß ist den meisten Kölnern weniger wichtig. ,Der liebe Gott ist ein guter Mann; er nimmt es nicht so übel.' Es fehlt also die gesunde Haltung, es ist ein halbes Christentum, sehr provisorisch, nicht innerlich, es geht nicht in die Tiefe. Das kann nur einer beurteilen, der mitten in der Seelsorge steht. Daß es auch sehr wertvolle Ausnahmen gibt, darf nicht unbetont bleiben. Vor der Katastrophe hatte die Pfarre 16.000-17.000 Seelen. Nachdem je 3000 an die Jesuiten und Dominikaner abgegeben wurden, sind wir heute noch ca. 8000-9000 Seelen. In den Friedenszeiten besuchten 4000-5000 den Sonntagsgottesdienst. Im Krieg ging die Zahl auf 3000-4000 zurück, also etwa ein Drittel Kirchenbesucher. Die Pfarrei ist heute stark gemischt. Die aus der Altstadt zugezogen sind nicht die besten Katholiken."

 

Nach den Luftangriffen von Oktober 1944 und März 1945 sind also Dach und Säulen vollständig zerstört. Der Turm und die Längsmauer der Nordfront sind zwar stark beschädigt, können beim Wiederaufbau aber konstruktiv verwendet werden. Die Ostseite ist bis auf den ehemaligen Chorumgang vernichtet, an der Südseite sind größere Sicherungs- und Instandsetzungsarbeiten nötig.

 

1953-1957: Der Neuaufbau der zerstörten Kirche

Notkirche im zerstoerten Kirchenschiff Die zerstörte Kirche wird von Willy Weyres und Wilhelm Hartmann in den Jahren 1953 bis 1957 wiederaufgebaut.

Willy Weyres (1903-1989), der zunächst Theologie und Kunstgeschichte in Bonn studiert und erst anschließend Architektur in Aachen, wirkt als Diözesanbaumeister in Limburg und als Provinzialkonservator in Bonn, bevor ab 1946 als Diözesanbaumeister des Erzbistums Köln eine der bestimmenden Gestalten besonders des Wiederaufbaus der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchen im Köln der Nachkriegszeit wird.

Wilhelm Hartmann (1893-1976) führt in den späten 20er Jahren mit Clemens Holzmeister und Wilhelm Schorn Restaurierungen an St. Georg durch und ist in den 50er Jahren für den Um- und Wiederaufbau mehrerer Kirchen in Köln (z. B. St. Pantaleon) und Umgebung zuständig.

Beide Architekten haben also schon Erfahrungen mit dem Wiederaufbau zerstörter Kirchen und führen diesen nach modernen Vorstellungen durch. Im Fall der Herz Jesu-Kirche muß auf die Finanzen und die noch vorhandene Substanz Rücksicht genommen werden. Zur Beschaffung finanzieller Mittel lebt der 1889 gegründete Kirchbauverein wieder auf. Dennoch ist eine Renovierung der Kirche getreu ihres Vorkriegszustandes nicht bezahlbar. Ein völliger Abriss hingegen kommt wegen der Erhaltung des unversehrten Turmes nicht in Frage. Weyres und Hartmann wollen die Architektur des 19. Jh. neu bewerten und legen Pläne zum Wiederaufbau vor, in denen die zerstörten und verfallenen Teile des Baus einerseits die Silhoutte erhalten, andererseits jedoch neu gestaltet werden sollen (konstruktive Verwendung der nördlichen Langhausmauer). Entschuttung und Freilegung der Fundamente erfolgen im Herbst 1953.

 

Bau der Sakramentskapelle Eine technische Schwierigkeit besteht darin, daß die neue Dachkonstruktion und die sie tragenden 25 Meter hohen Stahlstützen frei über dem Dach der Notkirche errichtet werden müssen. Damit die Notkirche abgebrochen werden kann, ist die dringlichste Aufgabe, die neue Sakramentskapelle für den Gottesdienst herzurichten. Sie entsteht unter Benutzung der Bogenstellung des ehemaligen Chores. Die Decke ist als Holzgewölbe ausgebildet. Die farbigen, nach Entwürfen von Pauli gestalteten Fenster geben dem Raum eine besondere Atmosphäre. Am 1. Juli 1956 wird der Gottesdienst in die Kapelle verlegt und die eucharistische Anbetung durch Kardinal Joseph Frings eröffnet. Bis heute zieht die Kapelle wegen der Ewigen Anbetung, aber auch wegen ihrer zarten, harmonischen Gestaltung die Besucher an. Viele suchen hier Stille und Besinnung in Gebet und Meditation, inmitten der lauten Geräusche der großen Stadt.

 

Betonstahlgeruest Das Ergebnis des Neuaufbaus des Kirchenraums ist eine stützenfreie Hallenkirche, die von einer 25 Meter hohen Wand in Stahlbetonkonstruktion abgeschlossen wird. Die Sakramentskapelle mildert die strenge Höhe der 25 Meter. Ein großes Fenster der Südseite in Sichtbeton (Winter 1954/55) hebt den Altarraum gegenüber dem Kirchenschiff hell heraus. Sowohl durch die Hallenkirche (ohne Seitenschiffe) als auch durch die Sakramentskapelle hinter dem Altarraum, die zur Kirche durch eine Art "geöffnete Ikonostase" offen ist, wird ein szenischer Tiefeneffekt erzielt. Diese für Herz Jesu neue Raumdisposition hat ihre Vorbilder in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchenbauten, vor allem in Florenz und Venedig, aber auch in Vorkriegsbauten wie der Melanchthonkirche in Köln-Zollstock und der Liebfrauenkirche in Köln-Mülheim. Als Spuren der Zerstörung behalten Weyres und Hartmann einige Schäden, z. B. am West- und am Südportal, bei.

Die Fenster in der Sakramentskapelle von Weyres Pauli konzipiert farbige Fenster, die warme Reflexe in den Altarraum bringen. Die Lichtführung verlangt die Schließung der großen Südfenster des Kirchenschiffs. Der Altar, der so angelegt ist, daß jeder von seinem Platz aus den Hochaltar sehen kann, liegt wie eine Insel im Licht, wie Gottes Insel in unserer dunklen Welt. Die vorhandenen Seitenkapellen werden soweit wie möglich instandgesetzt, wo sie zerstört sind, in einfacher Form wieder hergestellt. Die Seitenkapelle vor dem Turm rechts wird unter Benutzung eines vorhandenen Gitters als Taufkapelle ausgerichtet. Gegenüber findet die Pietà, die ehemals im Turm stand, ihren Platz. In den übrigen Kapellen stehen die Beichtstühle sowie zwei Seitenaltäre. Die ehemalige Orgelempore mit reichem plastischem Schmuck bleibt erhalten. Die zerstörten Steingewölbe werden durch stark vereinfachte Holzgewölbe ersetzt. Im Abstand von nur 1,5 Metern von den Längswänden tragen 25 Meter hohe Stahlsäulen die Dachkonstruktion (November-Dezember 1954). Eine variante Faltdecke, an die Dachkonstruktion gehängt, isoliert den Raum gegen Kälte und Wärme und trägt gleichzeitig zur Verbesserung der Akustik bei. Die Altarinsel, ihre Stufen und der Fußbodenbelag bestehen aus Kunststein. Für Beichtstühle und Bänke wird helles Ahornholz gewählt. Der junge Künstler Franz Pauli entwirft den farbigen, symbolischen Kreuzweg in den Seitenfenstern der unteren Zone des Kirchenraumes. Anfang März 1957 sind die Innenausbauarbeiten beendet.

 

Wiedereröffnung der restaurierten Kirche

Der neue Innenraum Am 17. März 1957 um 17 Uhr öffnen sich zum ersten Mal die Pforten der wiederhergestellten großen Kirche für die Pfarrangehörigen zu einer Feierstunde unter Mitwirkung des Kirchenchores der Pfarre und der Knaben des Kölner Domchores. Von der Laienspielschar der Pfarrei wird im neuen Altarraum ein Weihespiel mit dem Titel "Mutter Kirche" aufgeführt. Die Feier gilt als Auftakt zur bevorstehenden Konsekration des Hochaltars, am 24. März 1957. Um 8 Uhr findet die Altarweihe statt, mit anschließendem Pontifikalamt und einer Ansprache von Weihbischof Josef Ferche. In den Altarstein werden die Reliquien der Stadtpatrone St. Ursula und St. Gereon eingeschlossen. Das im Krieg erhaltengebliebene drei Meter hohe Herz Jesu-Standbild vom Kölner Bildhauer Alexander Iven, das 1902 am Ring aufgestellt wurde, wird wieder neu am Eingang der Sakramentskapelle am Ring angebracht.

Neben dem Bau der Kirche werden das bis zur ersten Etage zerstörte Pfarrhaus Hochstadenstr. 33, der dortige Pfarrsaal, das Wohnhaus Roonstr. 16 sowie das Jugendheim Hochstadenstr. 6 umgebaut und restauriert.




Die Maristenpatres

Pater Hermann Schartmann, S.M. Mit Pater Hermann Schartmann übernimmt am 1. November 1964 der erste Maristenpater das Amt eines hauptamtlichen Pfarrers in Herz Jesu. Die Societas Mariae ("Gemeinschaft Mariens"), so der offizielle Ordensname, feiert im Juni 2000 ebenfalls ein 100-jähriges Jubiläum, nämlich das des Bestehens ihres ersten Klosters in Deutschland, in Meppen. Seit 1961 leben Maristenpatres bereits in einer Etage des ehemaligen Antoniusklosters in der Meister-Gerhard-Straße und ziehen 1962 nach dem Umbau des Pfarrhauses Hochstadenstraße in dessen linken Flügel.

Die Übernahme der Seelsorge in der Großstadtpfarrei Herz Jesu - nachdem Pfarrer Heinrich Kaiser in den Ruhestand getreten ist - passt gut zu dem Auftrag, den die Maristen nach dem besonderen Vorbild Mariens in der Welt zu erfüllen suchen. Denn ebenso dringend wie für die Mission in anderen Kontinenten gilt heute für eine westliche Großstadt, "missionarisch verfügbar dahin zu gehen, wo Kirche nicht ist" und "... aufmerksam zu sein für die Nöte der Menschen", so Pater Alois Greiler in der Festschrift anläßlich des oben genannten Jubiläums. Neben Missions- und Gemeindearbeit gehören zahlreiche Ordensschulen und Internate (in den ersten Jahren werden im linken Flügel des Pfarrhauses in der Hochstadenstraße Novizen ausgebildet) sowie die Jugendarbeit zu den Betätigungsfeldern der Maristen. Nicht zufällig zählt daher wohl das Pfingstlager für Jugendliche, das seit Jahrzehnten jährlich vom Freitag vor Pfingsten bis Pfingstmontag meistens in der Eifel, im Westerwald oder im Münsterland stattfindet, zu einer der Konstanten in der Herz Jesu-Geschichte.

Seit 1961 waren zahlreiche Maristenpatres in Herz Jesu aktiv, so daß im folgenden hauptsächlich die Pastöre erwähnt werden können. Auch auf Patres auf der "Durchreise", Maristen aus allen Kontinenten, die häufig in Köln Station machen und den Messen internationales Gepräge verleihen, kann nicht eingegangen werden.

Pater Hermann Schartmann wird am 31. Januar 1914 in Beesten, Diözese Osnabrück geboren und am 16. März 1940 zum Priester geweiht. Als Pfarrer ist er in Herz Jesu von 1963 bis 1977 tätig. Im Februar 1999 verstirbt er im Maristenkloster Ahmsen im Emsland.

Pater Heinrich Haskamp, S.M. Sein Nachfolger, Pater Heinrich Haskamp, geboren am 29. März 1941, stammt aus Lohne in der Diözese Münster. Er wird am 30. Juni 1967 geweiht und wirkt von 1977 bis 1988 in Herz Jesu. Bis 1992 ist er Pfarrer in Fürstenzell und seitdem in Dessau.

Pater Lothar Wierth, S.M. Pater Lothar Wierth, geboren am 15. Januar 1932 in Bochum, Erzdiözese Paderborn und am 29. Juni 1961 zum Priester geweiht, ist seit September 1988 Pastor von Herz Jesu, seit Mai 1994 zusätzlich von St. Mauritius.

Zwischen 1969-1972 und 1985-1993 ist Pater Karl-Heinz Kreutzmann (4. Januar 1943 - 21. März 1999) zunächst als Kaplan an Herz Jesu und später in der Obdachlosen-Seelsorge aktiv. Durch seine Arbeit im Benedikt-Labre-Verein und seine Bemühungen um die Integration von Obdachlosen ist Pater Kreutzmann auch nach seinem frühen Tod noch weit über die Pfarrgrenzen hinaus bekannt.

Seit 1969 (mit einer Unterbrechungen von 1975 bis 1982) ist Pater Alfons Averbeck (geboren 23. September 1938) in Herz Jesu tätig, als Kaplan, Leiter des Kölner Maristenklosters und Religionslehrer an einer Berufsschule.

Bedingt durch die Struktur der Herz Jesu-Gemeinde, die im Unterschied zu anderen Großstadtgemeinden geprägt wird 1) durch ihre Nähe zur Universität und - damit verbunden - durch die starke Fluktuation studentischer Pfarrangehöriger, 2) durch einen hohen Anteil von Katholiken verschiedenster Nationalitäten und 3) durch das Vergnügungsviertel "Kwartier Latäng", liegt ein Hauptaugenmerk maristischer Seelsorgearbeit auf der Integration von Gläubigen, die am Rande der Gemeinde und / oder der Gesellschaft stehen: Neue Gesichter im Gottesdienst werden angesprochen und zum Mitmachen im Pfarrleben eingeladen, Kongolesen feiern Gottesdienste im afrikanischen Ritus, für Kneipiers und andere am Sonntag Werktätigen wird montags um 11 Uhr das Hochamt mit Sonntagspredigt wiederholt. Anders als Weltgeistliche kennen Maristen in Köln keinen wöchentlichen Ruhetag und oft auch keine Nachtruhe. Sie sind stets für jeden Gläubigen, Notleidenden und Hilfesuchende da.
2003 entschließt sich der Maristenorden aufgrund des großen Mangels an Nachwuchs , das Kloster in Köln zu schließen. Pater Lothar Wierth übernimmt zunächst für ein Jahr die Seelsorge in einem Kinderheim in Overath, dann geht im Kloster Meppen zusammen mit Küster Bruder Hermann-Jose Gand in den Ruhestand. Pater Alfons Averbeck wechselt nach Dessau und ist dort in der Pfarrseelsorge tätig.
Pfarrer Christoph Biskupek von St. Aposteln übernimmt für ein dreiviertel Jahr das Amt des Pfarrverwesers, bevor im März 2004 Dionysius Jahn seine erste Pastorenstelle an Herz Jesu und St. Mauritius antritt.




Das Pfarrleben seit dem Zweiten Weltkrieg

Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges am Kirchengebäude und in der Gemeinde liegt ein Hauptengagemant der Pfarrei bis in die 60er Jahre hinein darin, die Herz Jesu-Kirche wieder zu dem eindrucksvollen Gotteshaus auszuschmücken, das sie vor dem Krieg einmal war. Der Kirchbauverein, dem 1967 etwa 500 Mitglieder angehören, kümmert sich um die Finanzierung einer Lautsprecheranlage, eines Liederanzeigers, eines neuen Innenanstrichs und einer neuen Bleiverglasung der Kirchenfenster. Neben dem Erwerb eines kunstgeschmiedeten Kruzifixes von Hanns Rheindorf, das über dem Altar schwebt (1958), und einer Ravensburger Schutzmantelmadonna für den Vorraum der Sakramentskapelle (1967) kommt der Anschaffung einer neuen Orgel und neuer Glocken besondere Bedeutung zu.

Die neue Orgel Die Orgel der Firma Kemper & Sohn aus Lübeck, die 35 Register und Manuale aufweist, wird am Dreifaltigkeitssonntag 1962 auf der Nordempore geweiht und vom Domorganisten, Professor Josef Zimmermann, gespielt.

Nachdem im Zweiten Weltkrieg bis auf die Immaculata-Glocke alle Glocken enteignet und eingeschmolzen worden sind, wird im Januar 1966 die Glockengießerei Petit & Edelbrock in Gescher mit dem Guss fünf neuer Bronzeglocken beauftragt. Am 7. November des Jahres findet die Weihe durch Prälat Schlaffke statt, und seitdem hat Herz Jesu folgendes Geläut:

Ton   Durchmesser   Gewicht   Name
des   1,47m   1,957t   Immaculata
es   1,31m   1,450t   Herz Jesu
ges   1,10m   800kg   Maragareta Alacoque
as   98cm   550kg   Josef
b   86cm   400kg   Heinrich
des   72cm   240kg   Hermann-Josef

In der Sakramentskapelle wird am 2. Advent 1977 außerdem ein Orgelwerk der Firma Prengel in Sprockhövel geweiht, das sieben Register hat und auf Rollen bei Bedarf in die große Kirche geschoben werden kann.

 

Seit 1967 werden von Herz Jesu aus auch Teile der Pfarrei St. Robert Bellarmin betreut, die in den 70er Jahren schließlich vollständig an die Herz Jesu-Gemeinde angeschlossen wird. Ursprünglich plant das Erzbistum noch den Bau einer Robert-Kirche auf der Stolzestraße; denn um das dortige Jesuitenkloster in der Nazizeit vor der Enteignung zu schützen, unterstellt der Kardinal das Kloster dem Bistum (nach dem Konkordat wäre es dadurch dem Zugriff der Nationalsozialisten eigentlich entzogen worden) und ruft das Rektorat St. Robert aus. Die Jesuiten werden 1944 dennoch vertrieben, im Klostergebäude eröffnen die Nazis ein Mutter-Kind-Haus. Nach dem Krieg soll Stolzestraße/Ecke Luxemburger Wall die St.-Robert-Kirche gebaut werden. Die Stadt Köln hingegen plant, die Straßenbahnlinie statt über die Luxemburger Straße durch die Stolzestraße zu führen, und kauft der Kirche den Baugrund für St. Robert ab. Als Gegenleistung erhält die Kirche ein Grundstück am Rande des Volksgartens in der Eifelstraße, das wegen seiner Lage für den Kirchbau aber ungeeignet ist und auf dem seit 1975 der Kindergarten von St. Paulus steht. Die Pläne für eine St.-Robert-Gemeinde werden daher aufgegeben und die Straßen westlich des Eisenbahndamms am 7. Dezember 1978 dem Pfarrgebiet von Herz Jesu einverleibt.

 

Messe auf dem Rathenauplatz Die Seelsorge für die über 11.000 Herz-Jesu-Seelen teilt sich 1967 Pastor Schartmann mit drei Kaplänen und einem Subsidiar. Sonntags werden sechs Messen gelesen (7, 8, 9, 10, 11.15 und 19 Uhr), werktags drei (7, 8, 8.45 Uhr). Zum Abschluß der Eucharistischen Anbetung findet täglich um 19 Uhr eine Sakramentsandacht statt. Besonders für die Mittagsstunden ruft ein Pfarrbrief von 1967 die Pfarrangehörigen zur Ehrenwache "vor dem Tabernakel des eucharistischen Königs" auf. In der wiedererblühten Vereinslandschaft verdient in diesen Jahren die Legio Mariens besondere Aufmerksamkeit. Sie hat 200 Mitglieder, von denen sich die "betenden" vor allem zum täglichen Rosenkranzgebet und die "aktiven" wöchentlich zu einem zweistündigen sozialen Einsatz verpflichten. Ein Apostolatskreis sorgt unter anderem dafür, daß möglichst rasch Kontakt zu jedem der 1200, jährlich neu nach Herz Jesu ziehenden Pfarrangehörigen hergestellt wird. Nach vier Jahren ohne Kindergarten kann im Juni 1964 in der Meister-Gerhard-Str. 9 ein Pfarrkindergarten für 30-35 Kinder eingerichtet werden, der Ende 1967 auf die doppelte Kapazität vergrößert wird. Das im Krieg stark zerstörte Vereinshaus Zülpicher Str. 34 hingegen muß ganz abgerissen und das Grundstück verkauft werden, da für einen Neubau die nötigen Geldmittel fehlen.

 

Am 2. Mai 1994 wird St. Mauritius, 99 Jahre nach der Abpfarrung der Herz-Jesu-Gemeinde, wieder mit der Herz Jesu-Pfarrei zusammengeschlossen und der Seelsorge der Maristenpatres unterstellt. Im Laufe der vergangenen Jahre wird der Hohenstaufenring als ehemalige Grenze der Pfarrgebiete immer häufiger überschritten, nicht zuletzt durch gemeinsame Gottesdienste, die Arbeit eines gemeinsamen Pfarrgemeinderates und gemeinsame Aktionen wie den Adventsbazar, dem Pfarrkarneval und vieles mehr.

Im Zuge der Bildung von Seelsorgebereichen kooperieren beide Pfarreien ab 2002 zunächst mit St. Aposteln am Neumarkt, bilden dann aber ab 2008 einen eigenen Seelsorgebereich.




Der Turm - gestern und heute

Restaurierte Kreuzblume 1984 Ist der Turm der Herz Jesu-Kirche im Krieg erhalten geblieben, so sind in der Nachkriegszeit nicht weniger als dreimal Restaurierungsarbeiten größeren Umfangs nötig. Nach 60 Jahre Witterungseinflüssen werden beim Bau des neuen Glockenstuhl 1966 Schäden am Mauerwerk des Turmes festgestellt, die für sechs Monate bis 1967 erste Instandsetzungsarbeiten nötig machen. 1979-1984 wird der Turm erneut eingerüstet, da sich im Frühjahr 1977 Steinteile gelöst haben und herunterzufallen drohten; die lockeren Teile werden von der Feuerwehr um 4 Uhr morgens, damit der Verkehr auf der Roonstraße nicht behindert wird, in einem Noteinsatz mit mehreren Leiterwagen entfernt. Unter der Leitung des Architekten Hannsjosef Schäfer erneuern zwölf Steinmetze die Kreuzblume und andere wichtige Teile in Londorfer Basalt, der auch zur Instandsetzung des Kölner Domes verwendet wird; der Turmhelm erhält zusätzliche Stahlsicherungen; Zifferblätter und Zeiger der Turmuhr werden neu vergoldet. Bei Baubeginn im März 1979 wird von einer Baudauer von 18 Monaten und Kosten in Höhe von 1,2 Mill. DM ausgegangen. Tatsächlich wird die Restaurierung aber erst über fünf Jahre später abgeschlossen und über fünf mal so teuer sein. Von den 6.140.000,- DM Baukosten zahlen knapp 85% das Erzbistum, 10% das Land Nordrhein-Westfalen und 5% die Stadt Köln; immerhin DM 15.000,- werden von der Pfarrei aus Zinsen und Spenden aufgebracht.

Architekt Waack auf dem Turm Nach über zwei Jahren gehen im Sommer 2000 gerade die dritten Restaurierungsarbeiten zu Ende. Diesmal müssen unter der Leitung des Architekten Joachim Waack vor allem horizontale Stahlringe, die den Turm auf mehreren Ebenen zusammenhalten, ausgetauscht werden. Außerdem wird die Fassade des Turmes gereinigt und verfugt, so daß sie jetzt wieder in hellem Sand- und Tuffstein erstrahlt. Finanziert werden die Arbeiten übrigens zu einem beträchtlichen Teil mit Geldern aus Werbeeinnahmen: Im monatlichen Wechsel prangte ein großformatiges, bis an das Ende der Roonstraße sichtbares (wenn es nicht gerade vom Sturm heruntergerissen worden war) Werbeplakat an der Nordseite des mit Planen verpackten Kirchturms, was - nach anfänglichen Streitigkeiten mit dem Kölner Generalvikariat - ein Novum in der Geschichte der Erzdiözese darstellt.

So lästig und unschön diese Sanierungen auch sind, keiner zweifelt an ihrer Notwendigkeit angesichts der großen Bedeutung des Turmes. Von Wilhelm Hospelt nach dem Vorbild des dominierenden Einturm am mittelalterlichen Freiburger Münster errichtet, dessen obere Partie 1301 abgeschlossen wurde, stellt der Turm der Herz Jesu-Kirche, wenn man von der Zülpicher Straße stadteinwärts blickt, zusammen mit dem Kirchturm von St. Mauritius, dem wichtigsten neugotischen innerhalb der Altstadt, und den Türmen des Kölner Doms eine städtebaulich einprägsame Perspektive dar. Und betrachtet man die Kölner Ringe, so bilden St. Mauritius und Herz Jesu zusammen mit St. Agnes, der evangelischen Christuskirche und St. Paul einen neugotischen Gürtel, der abwechslungsreich durchbrochen wird von den neuromanischen Erhebungen St. Michaels, der altkatholischen Auferstehungskirche und der Synagoge. "Diese Schöpfungen des Historismus ... gilt [es] zu pflegen, zu erhalten und als Erbe lebendig zu machen", schreibt der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings 1984 in der "Festschrift zur 75jährigen Vollendung des Turmes", und Diakon Klaus Bartonitschek nennt ihn 1981, während der vorigen Instandsetzungsarbeiten, "ein Zeugnis unseres Christseins: fest verankert in das Leben unserer Welt, aber himmelanstrebend. Und es bedarf von Zeit zu Zeit der Restaurierung", was sich zur Zeit erneut bewahrheitet. Als interessantes Beispiel der "Kölner Schule der Neugotik" ist unsere Kirche jedenfalls inzwischen Bestandteil kunsthistorischer Seminar- und Examensarbeiten an der Universität zu Köln.




Quellen
(chronologisch geordnet; die genannte Literatur ist im Archiv der Herz-Jesu-Gemeinde einsehbar)

  • KLINGENBERG: Die Herz Jesu-Kirche, in: ders.: Die Kölner Kirchen (Köln 1909), S. 142/144
  • BÜRGEL, Rektor Gerhard: Die Kölner Herz Jesu-Kirche. Festschrift zur Feier der Vollendung der Kirche am 6. August 1909 (Bachem: Köln 1909)
  • PIECK, Kaplan Johannes (Hrsg.): Aus der Geschichte der Herz Jesu-Pfarre. Festschrift zur Feier des 25jährigen Wirkens des Dechanten Wilhelm Kremer als Pfarrer an Herz Jesu, Köln 1902-1927 (Köln 1927)
  • Kath. Pfarrgemeinde Herz Jesu Köln. Kath. Kirchenkalender für das Jahr 1933 (Keysers: Köln 1932)
  • Pfarre Herz Jesu Köln a. Rhein. Schrift zur 80jährigen Wiederkehr des Spendenaufrufs von Kardinal Krementz für den Bau einer Herz Jesu-Kirche in "Köln-Neustadt" 1897 (Köln 1967)
  • WOLTERS, Christoph: Die Erneuerung der Turmspitze der Herz Jesu-Kirche Köln, in: Steinmetz+Bildhauer. Handwerk - Technik - Industrie Heft 2, S. 21/24 (Februar 1984)
  • FESTSCHRIFT zur 75jährigen Vollendung des Turmes der Herz Jesu-Kirche sowie der Beendigung der Restaurationsarbeiten 1984 (Köln 1984)
  • KUTZNER, Manuela: Die Kölner Herz Jesu-Kirche. Hausarbeit zum Hauptseminar von Professor Dr. H. P. Hilgers, Neugotischer Kirchenbau im Rheinland, Kunsthistorisches Institut der Universität zu Köln, Wintersemester 1984/85
  • SASS, Anne: "Eine Perle kirchlicher Baukunst". Der Pfarrbezirk Herz Jesu, in: dies.: Mehr als nur "Kwartier Latäng". Leben am Rathenauplatz, hrsg. von der Bürgergemeinschaft Rathenauplatz e.V. Veedelstreff (Bachem: Köln 1994), S. 108/119
  • BAUMERICH, Andreas: Herz Jesu, in: Wiederaufbau neugotischer und neuromanischer Kölner Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg. Magisterarbeit in Kunstgeschichte, Universität zu Köln, Wintersemester 1995/96, S. 54/67. 94/101

 

 

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