ERZBISTUM KÖLN  domradio     
Der Wolf von Gubbio

Frieden und Versöhnung in einer von Gewalt geprägten Gesellschaft waren eines der zentralen Anliegen von Franziskus. Das Wesen franziskanischer Gewaltlosigkeit und Friedensarbeit zeigt sich beispielhaft in der Legende vom Wolf von Gubbio. 
 

"Der Wolf von Gubbio"

Erzählt nach den Fioretti, einer Legendensammlung des 14. Jahrhunderts


Etwas Wunderbares, was des rühmenden Andenkens würdig ist, geschah bei der Stadt Gubbio. Da gab es nämlich zu Lebzeiten des seligen Vaters Franz in der Umgebung der Stadt einen Wolf von schrecklicher Größe. In seinem Hunger war er von grimmiger Wildheit, und verschlang nicht nur Tiere, sondern auch Männer und Frauen, so dass sich niemand mehr getraute, unbewaffnet die Stadtmauern zu verlassen. Eine solche Panik hatte alle befallen, dass sich trotz der Waffen kaum einer sicher fühlte, wenn er über das Weichbild der Stadt hinaus gehen musste.
Der selige Franz, der gerade nach Gubbio kam, empfand Mitleid mit den Leuten und beschloss, dem Wolf entgegenzutreten. Die Bürger sprachen zu ihm: “Hüte dich, Bruder Franz, über das Stadttor hinauszugehen: der Wolf, der schon viele gefressen hat, wird dich jämmerlich töten.” Der heilige Franz aber setzte seine Hoffnung auf den Herrn Jesus Christus, und so schritt er, nicht mit Schild und Helm gewappnet, sondern unter dem Schutze des heiligen Kreuzzeichens, mit einem Gefährten vor das Stadttor und ging ohne Furcht dem Wolf entgegen.
Und siehe, angesichts der vielen Menschen, die von erhöhten Orten aus zuschauten, rannte der schreckliche Wolf mit offenem Rachen auf den heiligen Franz und seinen Gefährten zu. Der selige Vater aber machte über diesen das Zeichen des Kreuzes, und die göttliche Kraft, die von ihm wie von dem Gefährten ausging, zähmte den Wolf: er hielt plötzlich inne und der schaurig aufgesperrte Rachen schloss sich. Franz rief ihn her und sprach: “Komm zu mir, Bruder Wolf! Im Namen Christi befehle ich dir, weder mir noch sonst jemandem einen Harm zu tun!” Und wunderbar, auf das Kreuzzeichen hin schloss das Untier den wilden Rachen, und wie der Heilige ihm geboten, kam es gesenkten Kopfes heran und legte sich gleich einem Lamm zu seinen Füßen.
Wie er so vor ihm dalag, sprach der heilige Franz: “Bruder Wolf, du richtest viel Schaden in dieser Gegend an und hast schlimme Übeltaten verbrochen, da du Gottes Geschöpfe erbarmungslos umgebracht hast. Und nicht nur Tiere tötest du, sondern, was noch schlimmer ist, du wagst es, Menschen, nach Gottes Bilde geschaffen, umzubringen und zu verschlingen! Darum verdienst du, dass man dich als Räuber und bösen Mörder einem schrecklichen Tod überliefert. Alle klagen mit Recht über dich und sind dir böse, und die ganze Gegend ist dir feind. Aber jetzt, Bruder Wolf, will ich zwischen dir und den Leuten Frieden stiften. Es darf keinem mehr ein Leid von dir geschehen, und sie sollen dir alle vergangenen Missetaten erlassen, und weder Menschen noch Hunde sollen dich weiter verfolgen.”
Da gab der Wolf zu erkennen, dass er auf den Vorschlag einging, worauf der Heilige mit seiner Rede fortfuhr: “Weil du damit einverstanden bist, diesen Frieden zu schließen, verspreche ich dir: Ich will dir, solange du lebst, durch die Leute dieser Gegend deine tägliche Kost verschaffen. Du wirst keinen Hunger mehr leiden müssen; denn ich weiß sehr wohl, du tust alles Schlimme nur vom Hunger getrieben. Aber du musst mir versprechen, dass du nie wieder einem Tier oder Menschen ein Leid zufügst. Versprichst du das?” Der Wolf gab durch Kopfnicken deutlich zu erkennen, dass er einverstanden sei, und legte dem heiligen Franz zum Zeichen seiner Treue seine Tatze in die Hand.
Zuletzt sprach der Heilige: “Bruder Wolf, nun komm ohne Bangen mit mir zu den Häusern der Menschen, damit wir im Namen des Herrn diesen Frieden besiegeln!” Und der Wolf gehorchte und folgte dem heiligen Franz gleich einem sanften Lamme. Wie das die Leute sahen, waren sie aufs höchste verwundert und liefen alle, Männer und Frauen, groß und klein auf dem Merktplatz zusammen, wo sich der Heilige mit dem Wolf befand.Vor der Menge des Volkes sagte der heilige Franz: “Höret denn, meine Lieben, dieser Bruder Wolf, der vor euch steht, hat mir versprochen, dass er Frieden mit euch schließen will. Niemandem von euch wird er ein Leides tun, sofern ihr ihm versprecht, für seinen täglichen Unterhalt aufzukommen. Ich verbürge mich für Bruder Wolf, dass er den Friedensvertrag getreulich achten wird.”
Da versprachen alle Versammelten mit lautem Zuruf, sie wollten fortan den Wolf ernähren. Und der Wolf lebte noch einige Jahre und ließ sich von Tür zu Tür die Nahrung geben, ohne jemand ein Leid zu tun; und auch die Leute taten ihm nichts und fütterten ihn freundlich. Und sonderbar, nie bellte ein Hund gegen ihn. - Zu Lob und Ehren des Herrn Jesus Christus.

 

Deutung der Legende

In der Begegnung des heiligen Franz mit dem Wolf erkennen wir mehrere Schritte, von denen jeder einzelne nötig ist, um den Konflikt zu lösen:
 
1. Wahrnehmen
Obwohl Franziskus von dem Konflikt nicht persönlich betroffen ist, nimmt er ihn doch wahr. Er “empfindet Mitleid mit den Leuten” und übernimmt Verantwortung in einer Situation, die er genausogut hätte ignorieren können.
 
2. Hingehen
Nachdem Franziskus die Situation erkannt hat, beschließt er, dem Wolf gemeinsam mit einem Gefährten entgegenzugehen. Er hält sich also nicht damit auf, zu lamentieren, zu predigen oder über wünschenswerte Maßnahmen nachzudenken, sondern er tut das, was er in eigener Verantwortung tun kann. Dieser Schritt ist sicher der schwerste, weil er sowohl kindliches Vertrauen auf Gott als auch den Mut verlangt, Schaden für das eigene Leben in Kauf zu nehmen, es vielleicht sogar zu verlieren.
Aber vergessen wir nicht: in der Menschheitsgeschichte waren Millionen von Menschen bereit zu sterben, um gewaltsam für ihre Ideale einzutreten. Es gibt Situationen, in denen man das auch von Vertretern der Gewaltlosigkeit erwarten kann. Pazifismus ist eben kein naives Friede- Freude- Eierkuchenspiel, sondern in letzter Konsequenz auch ein Kampf auf Leben und Tod, der aber mit gewaltfreien Mitteln geführt wird.
 
3. Begegnung 
Entgegen aller Erwartungen werden Franziskus und sein Gefährte vom Wolf nicht zerrissen. Das gewaltlose, aber entschiedene Auftreten der beiden hält ihn davon ab. Dieses Verhalten des Wolfes ist nicht so unwahrscheinlich, wie es uns in unseren alltäglichen Konflikten und Verstrickungen oft scheint. Jeder Mensch, jedes Wesen sehnt sich danach, geliebt und anerkannt zu werden und zu einer Gemeinschaft zu gehören. Das absolut Böse, dass wir in anderen vermuten, ist allzuoft eine Projektion unserer eigenen Agressionen und Hassgefühle.
Noch einmal: diese Begegnung erfordert Mut. Es gibt auch das Böse, dass die Gewaltlosen nicht verschont, dass die Möglichkeit zur Umkehr nicht nutzt. Wie die Geschichte aber zeigt, kann Gewaltanwendung ein Problem nicht auf Dauer lösen, sondern führt früher oder später zu Gegengewalt und zu einer immer weitergehenden Vergeltungsspirale. Eine wirkliche Lösung eines Konfliktes ist nur durch Liebe und Vergebung möglich. Die Geschichte zeigt auch, dass eine gewaltsame Gegenwehr weder das eigene Leben noch das der nahestehenden Menschen wirklich garantieren kann. Es gibt Situationen, in denen man der Lebensgefahr so oder so nicht ausweichen kann. Franziskus weiß sein Leben in Gottes Hand, und gewinnt dadurch die Sicherheit, auf das Evangelium zu vertrauen.
 
4. Anklage
Franziskus beginnt das Gespräch. Dabei beschönigt er nichts, er konfrontiert den Wolf mit allem, was er angerichtet hat. Ohne Ehrlichkeit, ohne dass alles zur Sprache kommt, kann der Weg von Umkehr und Versöhnung nicht gelingen. Aber weil Franziskus so offensichtlich wehrlos ist, weil er im Wolf von Anfang an den Bruder sieht, braucht sich der Wolf nicht zu verteidigen, er kann zuhören. So gewinnt er den Freiraum, über sein eigenes Verhalten nachzudenken.
 
5. Verständnis
Franziskus lässt es seinen Worten nicht an Deutlichkeit fehlen, aber er bleibt nicht bei der Anklage stehen. Er versucht auch, den Wolf mit seinen Bedürfnissen und Motiven zu verstehen. Er erkennt, dass sich der Wolf nicht in der Lage sah, seinen Lebensunterhalt auf friedliche Weise zu erlangen. Um dieses Verständnis aufzubringen, ist es notwendig, auch einmal von den eigenen Interessen abzusehen und die Situation mit den Augen des Gegners zu betrachten. Häufig erkennt man, dass es nicht Bosheit ist, die die Gewalt hervorbringt, sondern eine (wie auch immer verstandene) Notlage.
 
6. Lösungsvorschlag
Weil Franziskus den Wolf nicht mehr als “das Böse”, sondern als Gegenüber mit bestimmten Handlungsmotiven und berechtigten Interessen wahrnimmt, ist es ihm möglich, einen Lösungsvorschlag zu machen. In diesem Fall geht das verhältnismäßig einfach: Der Wolf verspricht, sich friedlich zu verhalten, die Bewohner von Gubbio sagen im Gegenzug eine Versorgung mit Nahrung zu.
Nicht immer fällt eine Lösung so leicht. Gerade an den politischen Konflikten unserer Zeit sind oft so viele Parteien und Interessengruppen beteiligt, dass eine wirklich gerechte und zufriedenstellende Regelung für alle nicht möglich ist. Durch seine eigene absolute Armut setzt Franziskus ein Zeichen, das auch andere dazu ermutigt, nicht bis zum letzten auf ihrem Recht zu bestehen, und auch mal da Großzügigkeit zu üben, wo es um den Verzicht auf das eigentlich Zustehende geht. In Gubbio z.B verzichten die geschädigten Bürger der Stadt auf eine Wiedergutmachung und haben dadurch gegenüber den noch nicht geschädigten Einwohnern einen gewissen Nachteil.
 
7. Begleitung
Franziskus sieht klar, dass er durch sein Gespräch mit dem Wolf Verantwortung auf sich genommen hat. Er garantiert dem Wolf Sicherheit, er begleitet ihn in die Stadt, er kümmert sich persönlich um das Zustandekommen eines Vertrages und er bürgt vor den Einwohnern von Gubbio für die Ehrlichkeit des Wolfes. Franziskanische Friedensarbeit setzt Geduld und persönlichen Einsatz voraus. Wer sich einmal in einem Konflikt engagiert hat, hat eine Verantwortung übernommen, die ihn in eine Gemeinschaft mit den Konfliktparteien einbindet. Am Ende steht nicht der Stolz, etwas Besonderes geleistet zu haben, sondern dass Bewusstsein, dass Gott es ist, der Versöhnung, Frieden und Gemeinschaft möglich macht.


Unsere Situation heute


Die Geschichte vom Wolf von Gubbio ist natürlich eine Legende. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich tatsächlich so zugetragen hat, wenn auch manche Historiker im Wolf einen Straßenräuber vermutet haben. Dass sie aber mehr ist als ein anrührendes Märchen zeigen historisch gesicherte Begebenheiten aus dem Leben des heiligen Franz wie z.B. der Besuch beim Sultan, als Franz während der Kämpfe im heiligen Land zu den Arabern ging, sich gefangen nehmen ließ und mit dem Sultan sprach. Der Sultan gab Franz sogar ein Friedensangebot mit auf den Rückweg, das die Kreuzfahrer allerdings nicht ernst nahmen. (Sehr zu ihrem Schaden wie sich herausstellte, denn kurze Zeit später erlitten sie eine venichtende Niederlage; das gesamte Heer wurde aufgerieben, wer nicht getötet wurde, geriet in Gefangenschaft.)
Seitdem hat sich wieder und wieder herausgestellt, dass man Gewalt nicht mit Gegengewalt bekämpfen kann. Der scheinbare Realismus der Politiker ist in Wirklichkeit nur ein sehr kurzfristiges Denken, das die Konflikte nicht wirklich löst, sondern immer weiter fortsetzt und in einer endlosen Gewaltspirale weiter verschärft. Diese zerstörerischen Prozesse gehen solange weiter, bis jemand den Mut aufbringt, den Weg der Versöhnung auch gegenüber dem gewalttätigen Feind zu gehen.
Dieser Weg der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung bleibt ein Wagnis. Es ist nicht sicher, ob ein Konflikt sofort gelöst werden kann, ob der Gegner unmittelbar auf das Angebot eingeht. Sicher ist aber, dass durch Gewaltanwendung noch nie ein wirklicher Frieden erreicht worden ist.
In den Seligpreisungen im Matthäusevangelium bringt Jesus die Situation auf den Punkt: “Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben.” (Matth 5,7). Hier ist keine Vertröstung auf ein fernes Paradies gemeint, dass die Naiven und Weltfremden über ihr Scheitern auf Erden hinwegtrösten soll. Das Reich Gottes, das Jesus verkündigt, hat immer schon seinen Beginn in unserem Leben. Es geht immer auch um Verhaltensweisen, die für die Menschen hier und jetzt sinnvoll und heilend sind. Letztenendes sind es die Friedensstifter, die durch ihren Einsatz, ihren Mut und ihre Demut die Erde in immer neuen Versuchen bewohnbar machen. Sie sind die, die am Ende  erfolgreich sein werden und die “das Land erben”.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Konflikte im privaten Bereich oder um Kriege im Weltmaßstab handelt. In jedem menschlichen Leben gibt es Situationen und Ansatzpunkte, an denen man sich für Versöhnung einsetzen kann. In allen diesen Ausweinandersetzungen sind wir aufgefordert, unseren Glauben nicht nur in der Form von Glaubenssätzen zu bekennen, sondern durch unser Leben. Hier zeigt sich, ob wir der Botschaft des Evangeliums wirklich glauben, ob wir unser Handeln und unsere Lebensentscheidungen der Orientierung und dem Vorbild Jesu Christi anvertrauen. Im Matthäusevangelium sagt Jesus:
“Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne (und Töchter) Gottes genannt werden.” (Matth. 5,9)

Autor: Matthias Petzold
Zum Seitenanfang Seite weiterempfehlen Druckversion Kontakt  Barrierefrei  Impressum