Marion Petry

Jeder muss seine Werte wahrhaft leben. Darauf kommt es an.

Marion Petry, Jahrgang 1972, wurde in Erkrath bei Mettmann geboren. Dort ging sie zur Schule, machte Abitur und war sehr aktiv bei den Messdienern und Pfadfindern. Nach dem Abitur schloss sie eine Ausbildung zur Orthoptistin (Fachkraft für Augenheilkunde) ab. Anschließend arbeitete sie ein Jahr lang bei einem niedergelassenen Augenarzt in Darmstadt. Der Wunsch, ihren Glauben zum Beruf zu machen, ließ sie aber nie los. Also studierte sie Religionspädagogik in Mainz mit dem Ziel, Gemeindereferentin zu werden. Die ersten beruflichen Stationen waren Schildgen und Troisdorf, Refrath und die Kölner Südstadt. Immer suchte sie nach besonderen Formen, Gottes Wort zu leben und zu verbreiten. Marion Petry ist Oblatin: Sie hat sich einem benediktinischen Kloster angeschlossen, ohne ins Kloster zu gehen. Sie versucht, ihr Leben im Geiste der Regel des Hl. Benedikt zu leben. Ihr Heimatkloster ist die Benediktinerinnenabtei Mariendonk in Grefrath bei Kempen am Niederrhein. In der Freizeit liest sie gern Psycho-Thriller und Krimis und fährt Motorrad – auch wenn sie zur Zeit keine eigene Maschine besitzt.

Frau Marion Petry - Stommeln - Tel.  02238/9666881 - E-Mail:marion.petry@erzbistum-koeln.de

 

Frau Petry, Sie wirken so fröhlich. Wie war es in Rom?

Marion Petry: Sehr beeindruckend. Ich habe dort am Welt-Oblatenkongress teilgenommen. Aus Deutschland durften nur 15 Leute dabei sein, und ich war eine davon. Das war toll.

 

Spürte man den neuen Geist des Papstes Franziskus?

Marion Petry: Klar, gerade die Italiener haben begeistert vom Heiligen Vater gesprochen. Beim Angulus-Gebet auf dem Petersplatz hat man das Gefühl, mit dem Papst in Dialog zu treten, obwohl er sehr weit von einem entfernt ist.

 

Was bringt man davon mit in die Pfarreiengemeinschaft Am Stommelerbusch?

Marion Petry: Vor allem tut es gut, mal wieder aus Deutschland und Europa hinausgeblickt zu haben. Mich hat tief beeindruckt, mit Menschen an einem Tisch zu sitzen, die normalerweise in furchtbaren Slums leben und Hunger leiden. Andere waren dabei, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden und dadurch schon Angehörige verloren haben. Zum Beispiel Flüchtlinge aus Nordkorea, die jetzt in Südkorea leben müssen. So etwas relativiert viel.

 

Und wie helfen solche Begegnungen bei der täglichen Arbeit hier?

Marion Petry: Sie motivieren ungemein. Gut zu wissen, dass ganz viele Menschen auf der ganzen Welt meine Spiritualität teilen.

 

Viele Gläubige in Deutschland sind wieder verärgert, seitdem die immensen Besitztümer der Kirche ans Tageslicht gekommen sind. Reichtum widerspricht klösterlichen Idealen…

Marion Petry: Ja. Diese Themen sind sicherlich sehr belastend für die Gemeinde und auch jeden einzelnen Gläubigen. Aber ich denke, wir müssen uns darauf besinnen, dass wir hier in der Pfarreiengemeinschaft Verantwortung vor Gott tragen. Und dass Gott uns jeden Tag etwas zu sagen hat, und zwar jedem einzelnen persönlich. Nachfolge Christi bedeutet, dass ich meinen persönlichen Weg mit ihm gehe. In der Familie, in Freundeskreisen, aber auch im gemeinsamen Gottesdienst. Jeder einzelne von uns muss seine Werte wahrhaft leben. Darauf kommt es an.

 

Ärgert Sie die schlechte Stimmung denn nicht?

Marion Petry: Doch, ich bin auch angefressen und würde mich freuen, wenn die Kirche in der Öffentlichkeit besser dastünde. Ich kann aber nur im Kleinen dazu beitragen und versuche das. Als Gemeindereferentin will ich mich so geben, wie ich bin. Und hoffe, das ist überzeugend.

 

Denken Sie, dass sich die Amtskirche, Ihr Arbeitgeber, weiter öffnet?

Marion Petry: Die Transparenz, die die Bischofskonferenz jetzt an den Tag legt, ist hoffentlich ein starker Impuls. Aber mehr als das Geld eines Bischofs ist für mich immer seine Haltung entscheidend: Wie geht er mit den Menschen um?

 

Wie gehen Sie mit Menschen um?

Marion Petry: Ich bin jemand, der gern versucht, den Glauben auf ungewöhnliche Art und Weise in das Leben und zu den Menschen zu bringen. Ich habe zum Beispiel ganz erfolgreich Exerzitien und Besinnungstage für Motorradfahrer organisiert. Das war damals ein Novum im Bistum. Eine Zeit lang war ich auch mit im Vorbereitungs-Team der Kevelaer-Wallfahrt.

 

Wie sind Ihnen die Leute hier in den Dörfern begegnet?

Marion Petry: Ich war ganz überrascht. Ich hatte befürchtet, dass es hier eine sehr enge Dorfstruktur gibt, in die man nur schwer hineinkommt. Aber ich wurde sehr herzlich aufgenommen.

 

Hier gibt es kaum soziale Brennpunkte. Sie treffen meist auf einen gut situierten Mittelstand. Was gibt es hier für Sie zu tun?

Marion Petry: Wir können nicht alle Not der Welt abschaffen, aber wir können Dinge im Kleinen verbessern. Selbst in einer Gegend, wo es keine sichtbaren sozialen Brennpunkte gibt. Man muss nur ein paar Kilometer weiter schauen, da leben Kinder, die sich nicht mal das Schulbrot leisten können.

 

Statt sich gemeinsam um solche Missstände zu kümmern, wird Glauben auch hier in unserer Pfarreiengemeinschaft immer mehr Privatsache.

Marion Petry: Das stimmt, und das halte ich für einen Fehler. Wir müssen aber deshalb nicht gleich wieder Missionare aussenden, um dem entgegenzuwirken. Die Missionare sind wir. Es reicht schon, wenn wir in den Familien, unter Freunden und wo auch immer über unser Leben mit Gott sprechen, um Gemeinschaft zu bilden. Vereintes Beten am Mittagstisch zum Beispiel ist wirklich nichts Schlimmes. Die Evangelische Kirche holte ihren Kirchentag mitten in die Stadt Dresden, obwohl dort ca. 80 Prozent der Einwohner ungetauft sind. Das war großartig.

 

Haben Sie schon ein Programm zurecht gelegt für Ihre Arbeit hier im Pfarrverband?

Marion Petry: (Lacht) Nein, ich möchte erst einmal richtig ankommen. Mein Leben mit der Gemeinde teilen um zu erfahren, wo sie steht und was die Menschen benötigen.

 

Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders am Herzen?

Marion Petry: Mich hat immer sehr interessiert, wie man Jugendlichen den Glauben näherbringt. Wo stehen sie heute? Was wollen sie? Sind die Konzeptionen, die wir für sie haben, noch zeitgemäß? Ich denke, es gibt nicht das Patentrezept für sie, weil es ja auch nicht “den Jugendlichen” gibt.

 

Kinder kommen mit ihren Eltern zur Erstkommunion – und verlieren dann meist den Kontakt zu Gemeinde. Wie lassen sie sich enger anbinden?

Marion Petry: Ich habe keine Idee, sehe das aber nicht so negativ. Wenn ich Kinder mit der Vorbereitung auf die Erstkommunion tief berühre, dann ist das Erfolg genug. Aber die Eltern können natürlich ihren Teil zur Anbindung leisten, und ich glaube auch, dass Gott seinen Teil dazu beitragen muss, wenn er möchte, dass es mit dieser Kirche weitergeht (lacht). Aber: Das Volk Israel musste 40 Jahre durch die Wüste, vielleicht sind nun für uns die Wüstenzeiten angebrochen.

 

Vor allem in Stommeln spielt die Ökumene eine große Rolle. Wie stehen Sie dazu?

Marion Petry: Ich bin ökumenisch vorbelastet, weil mein Vater evangelisch ist. Manchmal bin ich mit ihm in den evangelischen Gottesdienst gegangen. Deshalb sind für mich beide Kirchen ein Stück Zuhause. So habe ich auch bei meinen letzten Stellen immer die Ökumene gefördert.

 

Wie werden Sie hier vorgehen?

Marion Petry: Wir dürfen nicht immer darauf gucken, was wir alles nicht zusammen machen dürfen. Wir sollten immer schauen: Was können wir zusammen tun? Ich freue mich, mit dem evangelischen Pfarrer Volker Meiling zusammenzuarbeiten. Die ökumenischen Kontaktstunden und die Schulgottesdienste sind doch ganz große Schätze, die wir zusammen haben. Da können wir, trotz seinem schwarzen Talar und meiner weißen Albe, zeigen: Es geht auch gemeinsam.

 

Haben Sie persönlich weitere Pläne?

Marion Petry: Ich möchte nächstes Jahr ein dreijähriges Studium der Theologie der Spiritualität beginnen und werde meine Stelle auf 80 Prozent reduzieren. Aber ganz klar: Ich bin froh und glücklich, hier zu sein.

 

Das Gespräch führte Rolf-Herbert Peters