Christoph Hittmeyer

Ankunft des Glücksbringers

Christoph Hittmeyer, Jahrgang 1964, Pfarrer für Stommeln, Sinnersdorf und Stommelerbusch, ist seit September 2010 im Amt.  Wer ihn sucht, findet ihn oft in den Kirchen, bei der Gartenarbeit oder beim Spaziergang mit seinem Schäferhund. Das sind seine drei Leidenschaften. 

 

Hittmeyer wuchs in Köln-Longerich auf. Als Nesthäkchen – er hat fünf ältere Schwestern und einen Bruder. Nach dem Abitur studierte er – zunächst ganz weltlich – einige Semester Mathematik und Betriebswirtschaft. Erst dann wechselte er zur Theologie. Aus tiefer Überzeugung, wie er sagt, “auch wenn ich kein klassisches Berufungserlebnis hatte.” Er wurde Diakon in Bonn, Kaplan in Langefeld und war später zehn Jahre Seelsorger in Niehl und schließlich in Erkrath-Hochdahl. 

 

Seine jetzige Arbeitsstätte ist zwar ein Seelsorgebereich ohne große soziale Brennpunkte, aber nicht ohne anspruchsvolle Aufgaben, gerade jetzt, da die katholische Kirche Vertrauen zurückgewinnen muss. Hittmeyer möchte seinen rund 8000 Schäfchen vor allem dabei helfen, ihr persönliches Glück zu finden. Das Streben danach betrachtet er als höchstes Lebensziel: „Dazu kann man den Glauben gut gebrauchen – und nicht den Porsche vor der Tür.” Dann schmunzelt er – was er oft tut. Er selbst fährt einen blauen VW-Bus.

 

Der Pfarrverband Am Stommelerbusch ist seit jeher ein Ort gelebter Ökumene. Hittmeyer will diese Tradition fortsetzen. Er kennt beide Seiten: Seine Mutter ist katholisch, der Vater, der ihn im Glauben stark prägte, war evangelisch, konvertierte später zum Katholizismus. Die Einheit der Christenheit strebt auch Hittmeyer an, will aber keinen unreflektierten Einheitsbrei: „Man sollte schon seinen Standpunkt vertreten.“

Pfarrer Christoph Hittmeyer - Bahnhofstr. 5a - Stommeln - Tel. 02238/920858 - E-Mail: christoph.hittmeyer@t-online.de

 

Hier ein Interview mit ihm:

"Wir können nicht jedem gerecht werden."

 

Pfarrer Hittmeyer, sind Sie manchmal frustriert, wenn Sie die froheste aller Botschaften verkünden und dabei auf leere Kirchenbänke schauen?

Hittmeyer: Natürlich weiß ich, dass die Kirchen früher voller waren. Aber um ehrlich zu sein, empfinde ich die Leere nicht so - selbst wenn ich, wie heute Morgen, nur mit 17 Frauen den Gottesdienst feiere. Jesus sagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Das ist entscheidend. Und sonntags stimmen die Besucherzahlen noch einigermaßen. Aber es ist natürlich sehr schade, dass nicht mehr Menschen den Weg zu uns finden. Trotzdem lasse ich mich davon nicht frustrieren. Bislang jedenfalls nicht.

 

Warum sollte ein Katholik des 21. Jahrhunderts überhaupt in die Messe gehen, wenn er im Internet beten und die Sünden beim Segen „Urbi et Orbi“ vor dem Fernseher vergeben werden?

Hittmeyer: Weil wir als Katholiken nicht nur christlich leben sollen, sondern auch ein Amt übernommen haben. Wir sollen Gottes Werk verkünden und es in die nächste Generation weitertragen. Das gilt nicht nur für den Bischof oder Pastor, sondern für alle Gemeindemitglieder und geschieht unter anderem in der Heiligen Messe.

 

Die meisten Katholiken sehen das offenbar anders. Nur noch 12,4 Prozent von ihnen besuchen bundesweit regelmäßig eine Messe. Warum erreicht die Kirche ihre eigenen Mitglieder nicht mehr?

Hittmeyer: In unserer Gemeinde sind es sogar nur acht Prozent. Ich denke, wir verstehen Kirche heute anders als in den fünfziger oder sechziger Jahren. Die katholische Überzeugung, ein Amt übernommen zu haben, hat sich im Individualismus aufgelöst. Man geht an andere Orte um zu beten, in Klöster, zu Exerzitien, auf Wallfahrten, die gerade wieder total in sind. Man sucht sein Heil hier und da, aber man fühlt sich nicht mehr einer Gemeinschaft zugehörig. Das kann man beklagen, aber es ist nun mal so.

 

Kann man nicht auch Christ sein ohne Sonntagsmesse?

Hittmeyer: Natürlich kann man auch Christ sein ohne Messe. Ein anständiger Mensch, ein Humanist, ein Jesuaner, der Christi Spuren folgt. Aber wenn man katholisch ist, gehört Gemeinde dazu. Sich immer wieder zur Eucharistie zu versammeln, wie es Jesus uns aufgetragen hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

 

Sind Sie als Kind gern in die Kirche gegangen oder war es für sie eine lästige Pflicht?

Hittmeyer: Ich kann mich nicht erinnern, ob ich gern ging, aber der Kirchgang gehörte zum Leben. Wie das Zähneputzen, von dem ich auch nicht immer überzeugt war. Es gab aber auch noch keine TV-Konkurrenz am Sonntagmorgen wie die „Sendung mit der Maus“. Nach der Kirche traf ich mich mit Freunden und wir spielten Kicker beim Frühschoppen.

 

Die Kinder der sechziger Jahre fürchteten die Hölle, wenn sie die Messe nicht besuchten.

Hittmeyer: Ich habe, Gott sei Dank, nie etwas von Höllenqualen gehört. Und ich verkündige sie auch heute nicht.

 

Wie wurde aus der Selbstverständlichkeit ein innerer Wunsch, die Messe zu feiern?

Hittmeyer: Den Wunsch habe ich manchmal schon als Kind und Jugendlicher gespürt. Ich habe sehr gern die Kar- und Osterliturgie mitgefeiert. Weihnachten interessanterweise gar nicht so sehr. Damals spürte ich schon: In der Messe wird mir Kraft gegeben.

 

Ist die Messe heute vielleicht zu unmodern mit ihren schweren Chorälen und den alten Texten, die man an keinem Stammtisch hört?

Hittmeyer: Wenn man auf die Entstehungsdaten der meisten Kirchenlieder schaut, wird man feststellen, dass die gar nicht so alt sind. Aber natürlich sind die Event-Trends der Moderne weit weg von dem, wie Kirche feiert.

 

Sinkt vielleicht auch deshalb der Zuspruch zum Gottesdienst?

Hittmeyer: Ach, ich weiß es nicht. Ich erlebe Weltjugendtage mit Hundertausenden jungen Teilnehmern, die die alte Form der Verkündigung als ausgesprochen zeitgemäß empfinden. Wir können nicht jedem gerecht werden. Es gibt heute auch keinen Radiosender mehr, der mit seiner Musik die gesamte Bevölkerung erreicht. Wir müssten ja im Gottesdienst zwischen Hiphop und Heavy Metal alles machen. Den Wortgottesdienst mit seiner Botschaft allerdings halte ich für sehr modern.

 

Trotzdem wird die katholische Art zu Feiern immer weniger verstanden.

Hittmeyer: Sie haben Recht, da müssen wir sicherlich den Menschen mehr erklären, um uns verständlich zu machen. Da haben wir manches versäumt.

 

Versteckt sich die Kirche zu sehr hinter ihren schweren Mauern?

Hittmeyer: Nein. Wir sollten von der Vorstellung Abschied nehmen: Wir machen eine große Veranstaltung auf dem Marktplatz und - rums – ist die Kirche wieder voll. Vielmehr befinden wir uns in Konkurrenz zu vielen verschiedenen Ideologien, Meinungen, Religionen. Pater Roy sagte kürzlich, Konkurrenz, die mich inspiriert und motiviert, ist gut. Das sehe ich auch so. Es geht also nicht darum, sich über andere zu stellen, sondern unser tolles Angebot, die frohe Botschaft, so gut wie möglich und immer ein Stück besser zu den Menschen zu bringen. Ob das immer gelingt, ist die zweite Frage.

 

Vielleicht verpufft die Botschaft in einer Wohlstandsgesellschaft, weil es kaum mehr existenzielle Not gibt?

Hittmeyer: Es gibt immer noch existenzielle Wendepunkte in unserem Leben. Zum Beispiel bei schweren Krankheiten. Oder wenn die Eltern oder gar Kinder sterben. Dann überfallen uns zwangsläufig Fragen nach Gott, Glauben oder Leben nach dem Tod. Nur leider vergessen viele Menschen diese existenziellen Fragen irgendwann wieder, sobald der nächste Hype ansteht, und sei es nur eine Fußballeuropameisterschaft.

 

Der Graf, gläubiger Chef der Rockband „Unheilig“, drückte seine Ferne von kirchlichen Ritualen wie der Messe einmal so aus: „Warum soll ich mich mit Stellvertretern abgeben, wenn ich das Original haben kann?“

Hittmeyer: Ja, warum brauche ich den Papst, wenn ich Gott persönlich haben kann? Das ist natürlich sehr zugespitzt formuliert. Glaube ist aber nicht nur etwas zwischen Gott und mir. Glaube betrifft auch mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen. Deshalb gehört Gemeinschaft dazu. Ob ein Priester, der die Liturgie leitet, dabei notwendig ist oder nicht, darüber kann man sicher streiten. Bislang halte ich das aber für eine gute Lösung.

 

Die Amtskirche macht vor allem dann Schlagzeilen, wenn sie ihre strengen Regeln formuliert. Also etwa wiederverheiratete Geschiedene von der Kommunion ausschließt oder jenen Sakramente verweigert, die keine Kirchensteuern zahlen. Muss man sich da wundern, dass sich die Kirchen leeren?

Hittmeyer: Sie haben Recht, es klingt hartherzig, wenn sich Kirche auf Gesetz und Ordnung zurückzieht. Päpste oder Bischöfe müssen solche Fragen vielleicht klären. Aber wir Priester vor Ort handeln nicht unbedingt danach. Für uns steht die pastorale Aufgabe im Alltag der Menschen im Vordergrund.

 

Dennoch: Der abschreckende Effekt ist da.

Hittmeyer: Ja, manche Menschen mag das abschrecken. Aber insgesamt glaube und hoffe ich nicht, dass juristische Entscheidungen der Bischofskonferenz eine verheerende Wirkung auf das Gemeindeleben haben. Selbst von Kirchenfernen, die zu Beerdigungen oder Trauungen kommen, höre ich immer wieder, dass sie kaum darauf achten, was im Fernsehen über Kirche berichtet wird. Ihre Einschätzung gründet sich vielmehr auf persönliche Kontakte und Erlebnisse vor Ort. Das macht mir Hoffnung.

 

Müssten die Kirchentüren gerade solchen Kirchenfernen viel offener stehen? Gerade sie, sagt Jesus, sollen doch die frohe Botschaft hören – und nicht die ohnehin Überzeugten.

Hittmeyer: Jeder ist eingeladen, in die Messe zu kommen. Alle Menschen sind herzlich willkommen, es wird niemand ausgeschlossen. Auch nicht Katholiken, die formal ausgetreten sind. Die Entscheidung der Bischofskonferenz betrifft nur die Kommunionsgemeinschaft.

 

Und wenn ein Nicht-Katholik oder Nicht-Getaufter an der Kommunion teilnehmen möchte?

Hittmeyer: Ich habe selten solche direkten Anfragen. Aber natürlich unterstützen wir diesen Wunsch nach Kräften. Es gibt sowohl in der Gemeinde auch als auch in der Diözese Menschen, die sich um solche Erwachsene kümmern, ihnen die Wege zur Taufe oder Kommunion erklären und sie dorthin begleiten. Sich einfach mal bei der Kommunion mit in die Reihe zu stellen, halte ich dagegen für schwierig. Das hat auch etwas mit Respekt zu tun. Wenn ich irgendwo zu Gast bin, achte ich auch darauf, was geht und was nicht.

 

Welcher gute Gastgeber würde seine Gäste nicht zu Tisch bitten?

Hittmeyer: Wir tun das natürlich bei jedem Gemeindefest. Auch die Frauenmesse am ersten Donnerstag im Monat ist dafür ein gutes Beispiel. Dort treffen sich anschließend alle, ob sie an der Kommunion teilnehmen oder nicht, zum gemeinsamen Frühstück. Jesus ging es zu allererst ums das gemeinsame Essen, um das Teilen. Die heilige Kommunion bezieht sich dagegen nur auf das eucharistische letzte Abendmahl vor seinem Tod. Ich würde mir selbst nicht gerecht, mich selbst nicht ernst nehmen, wenn ich in einer Kirche, der ich nicht angehöre, einfach alles nur nachspielen würde. Ich muss es auch im Glauben und im Herzen nachvollziehen können. Manche feiern zum Beispiel das jüdische Pascha-Fest nach. Ich kann das nicht – nur um mal das Feeling zu bekommen. Dafür ist mir das, was andere Religionen tun, und das, was wir in der Eucharistie feiern, dann doch zu wichtig.

 

Was macht die heilige Messe in ihren Augen unverwechselbar gegenüber anderen christlichen Gottesdiensten?

Hittmeyer: Ich möchte um Gottes willen hier keinen Gegensatz konstruieren. Einzigartig macht sie sicherlich, dass sich Jesus uns in der Messe im Wort, also im Evangelium, und in der Kommunion mitteilt. Sich uns förmlich in unsere Hände legt: „Das ist mein Fleisch, das ist mein Blut.“

 

Da muss man natürlich überzeugt sein von der Real-Präsenz Jesu in Brot und Wein.

Hittmeyer: Ja, das ist sicherlich richtig und nicht ganz einfach.

 

Im Stommeln eskalierte zuletzt der Streit um das gemeinsame ökumenische Erntedankfest. Sie wollten dafür nicht auf die Sonntagsmesse verzichten. Warum ist Ihnen diese so wichtig?

Hittmeyer: Der einzelne Christ kann sagen, ich muss nicht jede Woche in die Kirche gehen. Doch wir als Kirche, als Gemeinde, haben einen Auftrag, die Begegnung mit Jesus Christus stets zu ermöglichen. Das ist nicht fakultativ, sondern eine Pflicht.

 

Wie kann man den Konflikt lösen?

Hittmeyer: Auch hier es schwierig für mich, allen Vorstellungen gerecht zu werden. Die einen Gemeindemitglieder sagen, sie sähen es als ein großes christliches Zeichen, wenn ich die Messe für einen ökumenischen Gottesdienst ausfallen ließe. Andere Katholiken haben mir schon vorgeworfen, sie empfänden es als Anmaßung, ihnen einfach die Sonntagsmesse zu streichen. Aber dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft einen Weg finden, unsere christliche Gemeinschaft in der Ökumene zur Zufriedenheit aller zu leben.

 

Mitglieder unserer Pfarreiengemeinschaft suchen gerade nach Wegen, wie die Kirche noch einladender werden kann. Glauben Sie, dass die katholische Kirche die Kehrtwende schaffen und den Besuch der Messe wieder als eine große Bereicherung des Lebens vermitteln kann?

Hittmeyer: Ich versuche das zunächst denen zu vermitteln, die kommen. Den regelmäßigen Besuchern, aber auch denen, die nur sporadisch zu den Hochfesten, als Kommunionseltern, als Firmlinge oder aus Neugierde die Messe besuchen. Ich versuche es auf meine persönliche Art, die natürlich ihre Grenzen hat. Mehr kann ich im Moment nicht erreichen. Ich glaube aber schon, dass jeder Mensch den Glauben an die Botschaft Gottes finden kann, wenn er sich darauf einlässt. Hierfür ist die Messe ein idealer Ort. Allerdings fällt das zunehmend schwer bei allem, was an einem Tag an Eindrücken über uns schwappt.

 

Sie klingen nicht sehr optimistisch, dass die Kirchen wieder voller werden?

Hittmeyer: Ob die Kirchen wieder voller werden, hängt im wesentlichen von einem ab: Gelingt es uns, in der deutschen Gesellschaft wieder einen Sinn dafür zu schaffen, dass es mehr gibt als das Sparbuch und den persönlichen Erfolg? Dass auch ein Lebensbezug zu anderen Menschen und vielleicht sogar zu Gott besteht? Ich kriege nicht mehr Geld, wenn die Kirchen voller sind. Meine Aufgabe ist es, in Wort und Tat daran zu erinnern, was Christsein in unserer Gemeinde bedeuten kann. Das kann ich anbieten, aber - Gott sei Dank - niemandem mehr mit Schwert und Feuer aufzwingen.

 

Was macht die Deutschen so skeptisch gegenüber Katholizismus und Heiliger Messe? Liegt es daran, dass bei uns Kirche und Staat leider durch die Einziehung der Kirchensteuer noch eng verbandelt sind?

Hittmeyer: Es ist die „German Angst“. Wir tragen mehr Bedenken in uns als andere Nationen. Das hat den Vorteil, dass wir nicht jeder Ideologie hinterherlaufen, und den Nachteil, dass wir uns manchmal selbst im Wege stehen, wenn unser Herz angesprochen wird. Wir wollen immer alles mit dem Verstand erfassen. Aber das Geheimnis des Glaubens lässt sich nun mal nicht mit dem Verstand völlig durchdringen. Es ist wie bei der Liebe zum Partner oder zum Kind. Sie bleibt dem Verstand ebenfalls verschlossen. Da weiß man: Ja, sie existiert - aber ich kann das niemals beweisen.

 

Fehlt uns vielleicht die Muße, sich einfach einmal auf etwas Neues einzulassen?

Hittmeyer: Ja. wir Deutschen sind Getriebene unserer Zeit. Aber das ist in den Städten der USA, Englands oder Frankreich nicht anders. Wir haben im Alltag kaum Zeit zum Durchatmen. Erst wenn ich einen Ruhepunkt finde, stoße ich auch auf Fragen, die Religion und Gott betreffen. Solche Ruhepunkte stellen sich zunehmend brutal durch Burn-Out oder Krankheit ein. Die Angst um den Job zermürbt uns. Wir arbeiten zwar de facto weniger als je zuvor, haben jeden Tag 2 Stunden und 21 Minuten Freizeit, aber doch immer weniger Zeit für Andere.

 

Viele Menschen kommen nicht mehr in die Kirche, weil sie ihr nicht mehr vertrauen. Wegen der Missbrauchsfälle zum Beispiel.

Hittmeyer: Ja, wir haben viel daran gearbeitet, unsere Glaubwürdigkeit zu erschüttern und nicht christlich wahrhaftig zu leben. Ich will mich davon nicht ausnehmen, mir passieren auch manchmal Fehler, weil ich eben nur ein Mensch bin. Aber eine Bischofskonferenz muss natürlich sehr genau abwägen, was sie entscheidet und welche Folgen das hat.

 

Andere bleiben fern, weil sie sich als wiederverheiratete Geschiedene nicht mehr aufgenommen fühlen. Davon gibt es ja in unserer Gemeinde auch jede Menge Fälle. Muss hier nicht die christliche Nächstenliebe viel radikaler greifen?

Hittmeyer: Wir stoßen diesen Menschen vor den Kopf. Das ist leider richtig. Der Konflikt ist wirklich schwierig, wenn das manchmal auch nicht zu verstehen ist, da es sich um eine pastorale, rechtliche und dogmatische Frage handelt. Bei der Trauung spenden sich die beiden Partner das Sakrament der Ehe; der Priester bestätigt das vor Gottes Angesicht. Dann spricht er den Satz: „Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen.“ Er sagt auch: „Bis dass der Tod Euch scheidet.“ Die Frage ist aber, ob auch die Liebe sterben kann. Ich glaube, sie kann.

 

Und dann?

Hittmeyer: In dieser Frage kann uns die Ökumene bereichern. In der griechisch orthodoxen Kirche, die wie wir die Ehe als Sakrament versteht, kann man eine zweite und sogar dritte, dann gesegnete Ehe schließen. Das Sakrament wird also nicht abgeschafft und Scheidung nicht beworben. So wird es auch bei uns kommen, da bin ich mir sicher. Die Frage ist nur, wann es einen Mutigen in Rom oder in der Bischofskonferenz gibt, der das durchsetzt.

 

Bis dahin müssen Sie weiter wiedererheiratete Geschiedene von der Kommunionbank verweisen?

Hittmeyer: Nein, das muss ich nicht. Ich weiß ja gar nicht, wer in solch einer Situation ist. Ich muss auch das nicht wissen oder gar darüber Buch führen. Pfarrer sind keine Richter.

 

Das Interview führte Rolf-Herbert Peters