Temple-Davis Okoro

"Unsere Verantwortung nimmt uns kein Gott ab"

„Unsere Verantwortung nimmt uns kein Gott ab“
Temple-Davis Okoro ist der neue Kaplan im Pfarrverband Am Stommelerbusch. Der promovierte Philosoph aus Nigeria möchte ein Stück des fröhlichen Glaubens seiner Heimat nach Deutschland bringen.


Es waren schwere Jahre, in die der kleine Temple-Davis Okoro hineingeboren wurde. Als er am am 1. Oktober 1971 zu Welt kam, war gerade der dreijährige Biafra-Krieg zu Ende gegangen, ein Bürgerkrieg, der die Abspaltung des nigerianischen Gebietes Biafra von der Bundesrepublik Nigeria zum Ziel hatte. Der Konflikt mündete in ein fürchterliches Gemetzel vor allem an dem christlichen Volk der Igbo. 100000 Soldaten fielen, 180000 Zivilisten wurden getötet, bis zu zwei Millionen Menschen verhungerten. Biafra musste kapitulieren. Die Waffen schwiegen, doch in ganz Nigeria, das seit 1960 unabhängig von Großbritannien war, brodelte es weiter.


Temple-Davis stammt aus Okigwe, einer 500000-Einwohner-Großstadt im Süden des westafrikanischen Staates. Sein Vater war Ingenieur, hatte in England studiert und bei Shell gearbeitet. Seine Mutter war Grundschullehrerin, lehrte sämtliche Fächer in ihrer Klasse. Papa war katholisch, Mama evangelisch, musste zum Katholizismus konvertieren, um heiraten zu können. Die Eltern sind inzwischen gestorben. Allein war Temple-Davis aber nie, er hat drei Brüder und vier Schwestern, ist der drittjüngste in der Reihe. Alle genossen eine gute Ausbildung, eine Schwester zum Beispiel ist Rechtsanwältin, ein Bruder Professor für Philosophie an der Veritas Katholischen Universität von Nigeria.


„Wir waren immer eine sehr gläubige Familie“, sagt Okoro. Das lag vor allem an seinem Vater, der sich stark für die Befreiung Biafras engagierte. Als ihn die Regierungsschergen verhafteten und das Todesurteil über ihn fällten, betete er zu Gott: „Wenn Du mich rettest, werde ich alle weltlichen Dinge von mir werfen“. Er wurde gerettet, weil ein Vertreter der Regierung, der ihn aus als früheren Zeiten in England kannte, die Exekution verhinderte. „Mein Vater empfand das als Wunder und hat dann wirklich das Weltliche abgelegt. Er hat zwar die Familie weiterversorgt, aber sehr viel Geld und Arbeit in wohltätige Zwecke gesteckt.“ Zum Beispiel baute er eine Kapelle in ihrem Viertel und eine Herz-Jesu-Grotte in der Pfarrei.
Für Kinder wie Temple-Davis war die Kirche von klein das zweite Zuhause. „Wir gingen fast jeden Tag dorthin, abends gab es für uns Katechese-Unterricht, der dauerte oft zwei Stunden.“ Klar hätte er manchmal lieber gespielt, aber wirklich gestört hat ihn das fromme Leben nicht. Er legte sogar verschiedene Prüfungen in Bibelkunde ab und bestand sie alle mit Bravour. Mit elf Jahren war ihm sonnenklar, was er einmal werden möchte: „Ich wollte ins Priesterseminar.“


In diesem Alter verließ er die Familie und zog in ein Internat. Das Gymnasium mit angeschlossenem Priesterseminar lag rund 100 Kilometer vom Elternhaus entfernt. Nur in den Ferien durfte er nach Hause. Das war eine belastende Zeit, jeder Tag war streng strukturiert: „Um halb sechs läutete die Glocke zum Morgengebet und zur Messe, und abends kamen wir nach dem Abendgebet erst spät ins Bett.“ Sechs Jahre blieb er dort und schloss die Schule mit Abitur ab. Nach weiteren Zwischenstationen in Priesterseminaren durfte er endlich an die Universität. Das Studium umfasste vier Jahre Philosophie, ein Jahr in einer Pfarrei, vier weitere Jahre Theologie. 1997 wurde er zum Priester geweiht. In Nigeria hätte er gleich eine Pfarrei übernehmen dürfen – in Deutschland funktioniert der Weg anders: Hier muss sich auch ein geweihter Priester erst einmal vom Assistenten eines Pfarrers Schritt für Schritt zur eigenen Pfarrei hocharbeiten.
Das Denken ist seine große Leidenschaft. „Philosophie ist für mich interessanter als Theologie“, sagt Dr. Temple-Davis Okoro. „Ich hatte sehr gute Professoren.“ Am meisten interessiert ihn die Metaphysik, „weil sie den Geist öffnet.“ Sein Lieblingsphilosoph ist Martin Heidegger, über den er bei seinem Master-Studium in Belgien an der Katholischen Universität Louvain-la-Neuve und Leuven promovierte. Vor allem beschäftigte ihn Heideggers Philosophie der Technik. Was macht Technik mit uns? Was machen wir mit Technik? Wie bringt sie die Menschheit weiter? Welche Verantwortung tragen wir für die Folgen der Technik?
„Wir leben in einer Risikogesellschaft, wir müssen immer die Zukunft im Blick haben“, sagt Okoro. Jeder Mensch trage dafür eine demokratische Verantwortung – „die kann uns kein Gott abnehmen.“ Angst vor der Technik hat er nicht. Im Gegenteil: „Wir brauchen mehr Technologie und nicht weniger. Sie hat unser Leben verbessert. Sie hat uns geholfen, Lösungen für unsere Zukunft zu finden. Bei Umweltproblemen etwa oder in der Medizin.“


Die letzte Verantwortung liege aber immer bei den Menschen: Wenn Gottes Schöpfung gefährdet ist, müssen wir sie schützen. Und wenn wir seine Schöpfung verletzt haben, müssen wir sie für die nächsten Generationen wiederherstellen. Gerade für die Asylsuchenden tragen wir eine besondere Pflicht. „Kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat“, sagt Okoro zu den Flüchtlingsströmen. „Aber ihnen bleibt keine Wahl. Kriege entstehen oft durch ökonomische Probleme in den armen Ländern, die auch wir in Europa durch den zügellosen Konsum mitverursacht haben. Und wenn es in einigen Regionen der Welt wegen des menschengemachten Klimawandels nicht mehr regnet, müssen sich die Menschen eine neue Zukunft suchen. Sie haben nicht die Technologie, die ihnen helfen kann.“


Was können wir tun? Als gutes Beispiel für demokratische Verantwortung sieht Temple Davis Okoro die Reaktion der Deutschen auf die Affäre um die ausgediente Ölplattform Brent Spar. Als Shell sie 1995 im Atlantik ohne Rücksicht auf die Umweltfolgen versenken wollte, startet Greenpeace eine Kampagne gegen die Entsorgung von Schrott im Meer. Rund die Hälfte der Bundesbürger boykottierte damals die Shell-Tankstellen. Shell hat unter dem öffentlichen Druck am Ende sein Vorhaben zurückgezogen.
Was Temple-Davis Okoro noch beschäftigt: Wie erreicht man die Deutschen? Nigerianer sind durch und durch gläubige Menschen – wenn auch mit unterschiedlichen Konfessionen. Die Glaubenskultur in Europa unterscheidet sich deutlich davon, daran musste er sich erst einmal gewöhnen. Der Unterschied resultiere vor allem aus der unterschiedlichen Geschichte. Die französische Revolution habe die moderne Gesellschaft stark geprägt. „Die Europäer leben den Individualismus, möchten ihre Freiheit haben, wollen keine Autoritäten mehr.“


Aber auch die protestantische Ethik von Max Weber hat das Leben geprägt. „Er sagt: Wir müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten!“ Der ökonomische Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Tatsächlich entwickelten sich die protestantischen Länder wie Deutschland besser als die katholischen wie Spanien oder Portugal. So rückte der katholische Gott der Gnade, wie ihn die Nigerianer noch heute feiern, stark in den Hintergrund.
In Okoros Heimat sind Staat und Kirche streng getrennt - ähnlich wie in den USA. In beiden Staaten ist die Zahl der aktiven Gläubigen viel höher ist als in den meisten Ländern Europas. Für die Kirche sei die Trennung ein Vorteil, meint Okoro. Es gibt in Nigeria keine Kirchensteuern wie in Deutschland. Und schon lange kassiert sie der Staat nicht ein. Priester sind keine Beamten, sie beziehen ihr Gehalt aus dem Klingelbeutel. So haben sie die Höhe ihres Lohns selber in der Hand, entscheidend sind eine gute Arbeit und eine gelungene Predigt. Die gesamte Kirche lebt nur von den freiwilligen Spenden. Deshalb, meint Okoro, verspürten die Gläubigen dort eine viel engere Bindung an „ihre“ Kirche – während Kirche in Deutschland eher als Dienstleister verstanden werde, für den man selbst keine Verantwortung trage. Religion sei für viele Deutsche eher Kulturgut, ein Ritual, das man zur Taufe, Erstkommunion, Hochzeit oder Beerdigung nutze.
Wir also erreicht ein Kaplan die Menschen dann noch in Sinnersdorf, Stommeln oder Stommelerbusch? Vor allem die jungen? „Das ist tatsächlich ein großes Problem, weil schon die neue Elterngeneration meist nicht mehr weiß, was in der Kirche passiert, und deshalb kaum Kontakt hat.“ Er möchte den Kindern gern schon vor der Erstkommunion zeigen, wie kirchliche Gemeinschaft funktioniert. Und die Erwachsenen regelmäßig zu Themenabende einladen, um sie wieder für die Glaubensgemeinschaft zu begeistern.


Natürlich seien die Menschen auch enttäuscht von den Skandalen in der Kirche, von Missbrauch oder Verschwendung. Oder von den Lehren, die manchmal der europäischen Lebenswirklichkeit nicht zu folgen scheinen. „In der kirchlichen Hierarchie gibt es nun mal Heilige, aber auch Sünder“, sagt Okoro. „Man darf aber nicht vergessen, dass die Kirche sehr viel Gutes erreicht hat.“ In Nigeria besuche man den Gottesdienst, weil man an Gott glaubt und nicht an eine Institution. Weil man diesen Glauben mit anderen teilen will. Man lädt sich sogar gegenseitig zur Heiligen Messe ein: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen, sagt Jesus.“ Gottesdienste in seiner Heimat dauern schon mal zwei Stunden – mit viel Musik, Tanz und Gesang. „Dort muss der Pfarrer mindestens 30 Minuten lang predigen“, lacht Okoro. „Hier schaut man mich schon nach zehn Minuten irritiert an.“


Kirche als „Communio“, das möchte er leben. In Deutschland, sagt er, denkt man aber anders: Wie nett ist der Pfarrer? Oder: Sollte ich nicht besser austreten, um die Kirchensteuern zu sparen? „Die Deutschen helfen viel, aber sie sind aus sehr verkopft.“ Den Unterschied merke schon bei den Messintentionen. Während nigerianische Christen vor allem für die lebenden Angehörigen und die Gesellschaft dankten, beteten die Deutschen meist für die Toten. „98 Prozent der Intentionen gelten den Verstorbenen.“


Temple-Davis Okoro konnte inzwischen vier Jahren lang Erfahrungen in Deutschland sammeln, unter anderem in Gemeinden im Bayern, Saarland und in Düsseldorf. Zuletzt war er Kaplan in der Pfarrei St. Pankratious in Köln-West. An seiner neuen Arbeitsstelle im Pfarrverband Am Stommlerbusch fühlt er sich besonders wohl, „mit Pfarrer Hittmeyer komme ich sehr gut aus.“ Auch in Sinnersdorf, wo er wohnt, fühlt er sich bestens aufgenommen. Seine Lieblingshobby: Lesen. Früher hat er gern Fußball und Tennis gespielt, wegen einer Fußverletzung musste er den Sport aber aufgeben. Ab und zu greift er zu seiner Querflöte. Vor allem aber möchte er seine Doktorarbeit endlich aktualisieren, um sie zu veröffentlichen.


In sechs Jahren, schätzt er, wird er wohl nach Nigeria zurückberufen. Dort möchte er gern im Priesterseminar oder an der Universität als Professor lehren. Bis dahin will er mit seinem Glauben die Menschen hier anstecken. Sein Deutsch ist noch vom Akzent seinen Muttersprachen Igbo und Englisch geprägt. Doch jeden Samstag übt er in der Kirche am Mikrofon, damit sein Wort bei den Gläubigen noch besser ankommt.
Rolf-Herbert Peters

 

Kaplan Temple Davis Okoro - Sinnersdorf - 02238/6313 - E-Mail: temple-davis.okoro@erzbistum-koeln.de